Sprache und die Entdeckung der Wirklichkeit. Über den Spracherwerb des Kleinkindes

Church, Joseph

Frankfurt am Main: S. Fischer 1971

 

Das 260 Seiten umfassende Buch kann dem Bereich der Psycholinguistik zugeordnet werden. Es beschreibt, wie menschliche Sprache sich entwickelt, welche Bedeutung als Kommunikationsmittel ihr zukommt und wie sie die Prozesse des menschlichen Denkens prägt.

Der I. Teil des Buches behandelt die Frage, wie das Kleinkind im Laufe seiner Entwicklung die Umwelt bzw. seine Wirklichkeit erfährt und wie es überhaupt Sprache erwirbt. Dabei widerspricht Church der von der behavioristischen Psychologie aufgestellten These, daß das Erlernen von Sprache durch Verstärkung und allmähliche Differenzierung von unartikulierten Lauten des Kindes entstehe. Für den Autor ist der Spracherwerb ein plötzlicher Akt, dem eine längere passive Phase des Sprechens vorangeht. Diese beschreibt der Autor in den ersten beiden Kapiteln als sogenannte präverbale Erfahrung, wobei er zwischen der Wahrnehmung des Kindes als solcher und der Wahrnehmung von Organismus und Umwelt unterscheidet. Im dritten Kapitel werden das Erlernen und Benutzen der Sprache erläutert, das vierte Kapitel beschreibt Sprache und Bewußtsein des sogenannten "verbalen Organismus" während der Reifezeit und im Erwachsenenalter und die damit einhergehende Veränderung der Erkenntnisfähigkeit.

Im II. Teil werden Probleme, Fragen und Methoden bei der Erforschung von Sprache und Kognition vorgestellt. Das fünfte Kapitel behandelt verbale und konkrete Realität, das sechste das Verhältnis von Sprache und Denken, im siebten werden verschiedene Untersuchungsmethoden zur Testung von Intelligenz und sprachlicher Leistung vorgestellt und diskutiert, das achte Kapitel nimmt kurz Stellung zum Verhältnis von Spracherwerb und Emotion/Motivation sowie zu Ähnlichkeiten und Differenzen anderer psychologischer Grundpositionen.

Dieses 1961 in New York und 1971 in Deutschland erschienene Buch stellt die damals neuesten Erkenntnisse zur psychologischen Grundlage menschlicher Sprache dar. Der Autor beschreibt diese in einem verständlichen Stil; zahlreiche psychologisch-linguistische Begriffe werden durch anschauliche Beispiele erläutert. Somit ist dieses Buch auch für das Selbststudium von Laien geeignet.

Der Untertitel des Buches lautet: ?Über den Spracherwerb des Kleinkindes.“ Church betont in seinem Vorwort mehrmals, neueste Erkenntnisse zu diesem Thema in seinem Werk zu veröffentlichen. Jedoch war ich beim Lesen des Buches erstaunt, wie relativ wenig damals zur Entwicklung der menschlichen Sprache geschrieben wurde. So nimmt ein großer Teil des Buches die Erklärung von psychologischen Begriffen und Fakten in Anspruch; neurophysiologische Voraussetzungen zum Erwerb der Sprache und eine genauere Beschreibung soziopsychologischer Voraussetzungen als Rahmenbedingung für den Spracherwerb fehlen bzw. sind nur ungenügend dargestellt. Dies läßt sich mit dem Alter des Buches erklären, so schreibt Church selber: ?Da unsere Kenntnis des Sprachelernens fast ausschließlich auf Beobachtungen an westeuropäischen Kindern beruht ...“ (S. 64), was den damaligen Wissensstand charakterisiert und Mängel entschuldigt. Leider findet man in seinem Buch auch gewisse Stereotype. So erklärt er z.B. den Begriff ?Dynamismus“ mit der durchschnittlichen Autofahrerin, welche wenig von Technik weiß bzw. wissen möchte (S. 20).

Insgesamt kann man feststellen, daß dieses Buch den Wissensstand der Psycho- bzw. Pädolinguistik in den siebziger Jahren beschreibt, der teilweise auch heute noch gültig ist. Trotzdem würde ich jedem Studenten, welcher sich intensiv mit dem Spracherwerb des Kleinkindes beschäftigen will, empfehlen, auch auf neuere Literatur zurückzugreifen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Claudia Köhler. Jahr: 1997

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