Sprach- und Literaturwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR

Renz, Peter

Erlangen: Institut für Gesellschaft und Wissenschaft 1981

 

Dieses Buch wurde vom Institut für Gesellschaft und Wissenschaft (IGW) an der Universität Erlangen-Nürnberg herausgegeben. Es ist in verschiedene Kapitel (inklusive Einleitung, Anmerkungen und Literaturverzeichnis) eingeteilt. Ich habe mich hauptsächlich mit den sprachwissenschaftlichen Kapiteln beschäftigt, so daß die literaturwissenschaftlichen Kapitel in dieser Rezension nicht berücksichtigt werden.

In der Einleitung werden hauptsächlich die Probleme behandelt, die bei einem Vergleich von Sprachwissenschaft in der BRD und in der DDR auftauchen könnten. Drei Gründe werden angesprochen:

  1. der Kontext des Wissenschaftssystems und dessen Prozeßcharakter (nach dem 2. Weltkrieg entwickelten sich die Wirtschaftssysteme je auf unterschiedliche Weise),
  2. die Material- und Quellenlage (die Veröffentlichungen der DDR beziehen sich oftmals nur auf abgeschlossene Ergebnisse von Forschungstätigkeiten und geben daher in den meisten Fällen nicht ohne weiteres die Forschungssituation wieder - die Darstellung und Entwicklung in der BRD dagegen stützt sich auf einschlägige Literatur und Fachzeitschriften, zur Darstellung der Forschungssituation innerhalb der Sprachwissenschaften wurde außerdem eine Forschungsumfrage ausgewertet),
  3. die Eingrenzung der zu behandelnden Disziplinen (die Unterscheidung zwischen allgemeiner Sprachwissenschaft und der Linguistik im engeren Sinne).

Die nun folgenden Kapitel stellen dar, wie sich die Rolle der Sprachwissenschaft im Wissenschaftssystem der DDR im Vergleich zur BRD, wie sich der Stand und die Entwicklung der Sprachwissenschaft bis 1945 im internationalen Vergleich und wie sich die Entwicklung der Sprachwissenschaft/Linguistik nach 1945 in der BRD und der DDR fortbildete. Weiterhin wird der gegenwärtige (das Buch erschien 1981!) Stand der Sprachwissenschaft betrachtet, und schließlich wird ein Vergleich der Lehr- und Forschungsstätten aufgeführt. Die restlichen Kapitel beschäftigen sich mit Literaturwissenschaft.

Besonders hervorgehoben wird die Rolle der Sprachwissenschaft im Hinblick auf die Politik. Diesbezüglich wird die DDR besonders angesprochen. Dort wurde die Sprachwissenschaft zunehmend im Gesamtzusammenhang der Planung des Aufbaus des Sozialismus gesehen. Der Stellenwert der Linguistik bestimmte sich innerhalb des Wirtschaftssystems durch die Einsicht in die Rolle der Sprache als politischem Mittel. Weiterhin wurde in der DDR die sprachwissenschaftliche Forschung offiziell und praktisch in den Prozeß politischer Entscheidung einbezogen.

Eine merkliche Unverbundenheit von politisch-administrativem System und Wissenschaftssystem wird demgegenüber in der BRD besonders deutlich. Im Vergleich spielte die Sprachwissenschaft in der BRD keine besondere Rolle im System der Wissenschaften. Lediglich im Hinblick auf ihre ideologiestiftende Funktion und ihre Erziehungsaufgaben im Rahmen der schulischen Bildung (als Sprachunterricht) war sie von außerakademischer Bedeutung.

Aus der Zeit vor 1945 werden die "neuromantische" Schule (etabliert als "inhaltsbezogene Grammatik") in den zwanziger Jahren sowie aus den dreißiger Jahren die allgemeine Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie angesprochen; letztere lieferten durch ihre Überbetonung des Volkhaften, Muttersprachlichen und durch ihre weitgehend inexakte Begrifflichkeit den theoretischen Unterbau für eine "völkische" Sprachbetrachtung. Weiterhin werden die verschieden Entwicklungen in den USA (Bloomfield) und in Europa die "Prager Schule" (Mathesius, Havranek, Trnka, Trubetzkoy, Jakobson) sowie die "Kopenhagener Schule" (Hjelmslev, Brondal) - eine am Saussureschen Paradigma des Systemcharakters der Sprache und dem in der Psychologie entwickelten strengen Empirismus orientierte "strukturell-formale" Linguistik - aufgeführt.

Die Entwicklung der Linguistik vor 1945 außerhalb Deutschlands konnte nicht sehr ausführlich behandelt werden. Erwähnt sei dennoch, daß die formale Linguistik in den USA (u.a. UdSSR) schon sehr früh für militär- und nachrichtentechnische Zwecke funktionalisiert und sehr stark auf die Anforderungen der elektronischen Datenverarbeitung zugeschnitten wurde.

Nach den fünfziger Jahren fand an verschiedenen Universitäten in Deutschland die erste Verselbständigung einer nicht geistesgeschichtlich orientierten Sprachwissenschaft statt. Seit dieser Zeit zeigte sich eine zahlenmäßig zwar noch schwache, thematisch jedoch schon deutliche Tendenz in Richtung auf eine theoriebezogene analytische sprachwissenschaftliche Arbeit.

Interessant ist, daß sich die weitere Entwicklung der formalen Linguistik in der BRD in Anlehung an die Entwicklung in den USA vollzog.

Nach 1945 blieb die Sprachwissenschaft der DDR zunächst integraler Bestandteil der geistesgeschichtlich orientierten Germanistik. Es werden hierzu mehrere Aufgabenbereiche aufgezählt (z. B. Entwicklung einer an der Oberflächenstruktur orientierten Grammatik). Die Sprachwissenschaft der DDR war früher und in weitaus stärkerem Maße als die BRD bereit, die formale Systemlinguistik aus den USA zu übernehmen.

Zuletzt wird angegeben, daß es zum momentanen Stand (1981) nicht möglich ist, von einer klaren Aufgabenstellung, bestimmbaren Zielen oder relativ einheitlichen Methoden der Sprachwissenschaften in der BRD zu sprechen, und daß die Rede von einer "Krise" der Sprachwissenschaft - besonders der formalen Linguistik - berechtigt zu sein scheint. Es werden sprachwissenschaftliche Grundlagendiskussionen angeführt (z.B. über Widersprüche in Anwendungsbereichen und wissenschaftstheoretische Diskussion um den Standort der Sprachwissenschaften). Weiter werden verschiedene Positionen aufgelistet, die dazu führen könnten, daß sich die Diskussion um Grundlagenprobleme noch verschärft. Außerdem werden verschiedene Forschungsgebiete der Sprachwissenschaft erwähnt.

Zum Zeitpunkt und am Ort der Veröffentlichung des Buches war ebenfalls festzustellen, daß die Quellen zur Beurteilung dessen, was in der DDR in der Sprachwissenschaft geforscht und gelehrt wurde, ungleich schwerer zugänglich waren als für die BRD.

Mit Hinblick auf die zahlreichen sprachwissenschaftlichen Veröffentlichungen in der DDR konnte generell jedoch davon ausgegangen werden, daß sich die Entwicklung in den letzten Jahren über dieselben Problemstellungen, Themen, Ansätze wie in westlichen Ländern (BRD, USA u. a.) vollzogen hat.

Zuletzt werden sämtliche Lehr- und Forschungsstätten im Vergleich aufgeführt, wobei sehr viele verschiedene westliche herausragende Forschungseinrichtungen aufgelistet sind, während als östliche herausragende Forschungseinrichtung besonders das Institut für Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig hervorgehoben wird.

Das Buch hat mir von seinem sehr hohen Informationsgehalt her sehr gut gefallen. Natürlich ist es heute nicht mehr aktuell, sondern hat nur noch, aber immerhin, historischen Wert.

Nicht besonders gut gelungen ist meiner Meinung nach der besonders hohe Anteil an Fremdwörtern in manchmal hoffnungslos verschachtelten Sätzen. Weiterhin werden immer wieder verschiedene unbekannte Themen angesprochen, ohne daß sie genauer erläutert würden.

Sonst ist es jedoch ein lesenswertes Buch, um sich über die Entwicklung von Sprachwissenschaften bis 1981, sei es in der BRD, sei es in der ehemaligen DDR, kundig zu machen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Désirée Funke. Jahr: 1997

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