Sportsprache und Kommunikation

Dankert, Harald

Im Auftrag der Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V. Tübingen: Volksleben 1969

 

"Wenn man über rechts kommt, muß die hintere Mitte links wandern, da es sonst vorne Einbrüche gibt!" Daß die Sportsprache mitunter kuriose Züge annehmen kann, beweist diese Aussage von Ex Nationalspieler Karl-Heinz Rummenigge. Harald Dankert hat sich dieses Themas angenommen und konzentriert sich bei der Untersuchung der Sportsprache auf die Fußballsprache. Das liegt insofern nahe, als das Fußballspiel die beliebteste Sportart in Deutschland ist. Überdies ist die Fußballsprache die verbreitetste und bekannteste Sportsprache.

Das Buch ist in zwei Teile unterteilt. Im ersten Teil widmet sich der Autor der Struktur der Fußballsprache. Hier wird darauf aufmerksam gemacht, daß man innerhalb der Fußballsprache zwischen der Fachsprache und dem Jargon, wie sie die Fußballspieler bzw. die Fußballinteressierten zu benutzen pflegen, zu unterscheiden hat. Art und Herkunft dieser Ausformungen der Fußballsprache werden zunächst näher erläutert, bevor dann an Hand einer Reihe von Beispielen aus der Sportpresse der Unterschied zwischen Fachsprache und Jargon verdeutlicht und im weiteren Verlauf der Untersuchung das Zusammenspiel dieser verschiedenen Bereiche aufgezeigt wird. Zusätzlich wird darauf eingegangen, in welchem Maße die öffentliche Fußballkommunikation der Medien die private Fußballkommunikation beeinflußt und erweitert.

Der zweite Teil betrachtet die Sprache, den Stil und die Stiltendenzen der Sportberichterstattung. Diesem Teil wird größeres Gewicht beigemessen als dem ersten. Harald Dankert geht auf die verschiedenen Ausprägungen und Stile der Sportberichterstattung ein und verschafft seinen Lesern somit einen Einblick in die sprachliche Vielfalt der öffentlichen Fußballkommunikation. Beginnend mit den stilistischen Problemen des Sportberichterstatters, eine durchgehende Monotonie in der Presse durch die Verwendung von Metaphern, Redensarten, Hyperbeln, Superlativstil, Parataxe etc. zu verhindern, wird nun der Blick auf die Reportagen im Rundfunk und im Fernsehen geworfen. Diese Medien zeichnen sich dadurch aus, daß der Zuhörer bzw. der Zuschauer einen sportlichen Wettkampf in Originalübertragungen miterleben kann. Überdies schildert Dankert den Wettstreit zwischen der Sportberichterstattung in den Printmedien, im Rundfunk und im Fernsehen. In Bezug auf die Aktualität kann die Sportpresse nicht mit den akustischen und visuellen Medien konkurrieren.

Alle drei Bereiche der Medien weisen jedoch erstaunliche Gemeinsamkeiten in der Art und Weise auf, den Konsumenten über die Sportereignisse zu informieren und ihn zu unterhalten. Die Sportberichterstattung zeichnet sich generell durch eine einfach gebaute, leicht überschaubare Syntax aus. Die vorwiegend parataktische Fügung, die die Dynamik des Sportgeschehens widerspiegeln soll, wird zum dominierenden Stilprinzip, das oft wirkungsvoll und variantenreich gehandhabt wird. Sprachliche Mittel und Stilisierungen liest und hört man gleicherma¼en. Letztlich ist festzustellen, daß der Sport die Sprache bekommen hat, die er verdient, und daß in der Sportberichterstattung die Diktion vorherrscht, die auch für den Sport charakteristisch ist.

Prägend für die Darstellung der verschiedenen Strukturen und Sprachstile in der Sportberichterstattung ist die Zunahme von zahlreichen Beispielen aus Sportpresse, Rundfunk und Fernsehen. Der Autor untermalt seine Beobachtungen und Aussagen mit

Zeitungsartikeln und erstellt eine Art Fußball-Wörterbuch für Laien. Zusätzlich beruft er sich auf Publizisten, Zeitungs- und Sprachwissenschaftler und zitiert unter anderem den uns wohl bekannten Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas sowie den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger.

Für den regelmäßigen und begeisterten Konsumenten der Fußballberichterstattung ist dieses Buch eine Bestätigung für die in der Sportkommunikation vorherrschende Diktion, die den Leser, Zuhörer und Zuschauer mit den verschiedensten Redensarten, Metaphern und Stilarten überschüttet. Obwohl dieses Buch vor über 30 Jahren verfaßt wurde, hat es in puncto Aktualität nichts eingebüßt. Auch heute lassen sich viele Beispiele finden, die die Behauptungen des Autors bekräftigen. Zum Schmunzeln brachte mich das bereits erwähnte "Wörterbuch" der Fußballkommunikation. Die dort aufgelisteten Begriffe und Redensarten zur Darstellung des Spielgeschehens werden peinlich genau beschrieben, zuweilen sogar definiert, so daß selbst der Laie in der Lage wäre, eine Rundfunkreportage wie die nun folgende zu verstehen: "Matthäus am Ball - Völler steht - Was macht er? - Er schickt Littbarski - Der quirlige Dribbelkünstler tunnelt seinen Gegenspieler und könnte Klinsmann mit einer Flanke füttern - doch das Leder klebt weiterhin an seinen Füßen - Völler löst sich - Littbarski spielt den tödlichen Paß in den Lauf des Ex-Bremers - Völler rennt mutterseelenallein aufs gegnerische Gehäuse zu - Rudi könnte abdrücken - von hinten naht die blaue Gefahr in Form von Franco Baresi - immer noch Völler - wird angerempelt von Baresi - der Mann in schwarz läßt Vorteil gelten - Völler schlägt einen Haken, läßt Baresi ins Leere laufen und hält drauf - Völleeer! Tooooor! - Rudi Völler macht das psychologisch wichtige 1:0 kurz vor der Pause - mal wieder hat er seine spielerische Klasse unter Beweis gestellt und dem Torwart ein Ei ins Nest gelegt!" (Dieses Spielgeschehen hat allerdings nie stattgefunden; es ist eine Fiktion meinerseits.)

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Patrick Pauwels. Jahr: 2000

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