Spektren der Linguistik

Anschütz, Susanne/ Kanngießer, Siegfried/ Rickheit, Gert (Hg.)

Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 2001

 

Das hier vorliegende Buch und die damit verbundenen Arbeiten und Ergebnisse sind Manfred Briegel gewidmet, der als Leiter des Fachreferates Geisteswissenschaften der DFG einen enormen Anteil an der Etablierung linguistischer Forschungsprojekte hat und durch seine Herkunft als Literaturwissenschaftler interdisziplinäre Zusammenarbeit vorlebt. Die Autoren wollen sich in diesem Buch nicht spezialisieren, sondern eher einige allgemeine Betrachtungen über die Linguistik und deren Beziehungen zu anderen Disziplinen anstellen. 

Die acht Kapitel wurden von unterschiedlichen Autoren bzw. Autorenteams verfasst. Neben den Herausgebern finden sich darunter auch Manfred Bierwisch, Wolfgang Klein, Jürgen M. Meisel, Christoph Schwarze, Helmut Schnelle und Dieter Wunderlich. Das erste Kapitel "Einleitung oder Spektren der Linguistik" beschäftigt sich mit Chomskys prägender Rolle in der Linguistik, der als Begründer der theoretischen Linguistik nicht nur das ausschließliche Sammeln, sondern das Erklären von sprachlichen Phänomenen forderte. Außerdem führen uns die Autoren die daraus resultierende Entwicklung der Linguistik als übergreifendes Fach vor Augen.

Im zweiten Kapitel "Alltag im linguistischen Dorf" behandelt der Autor Manfred Bierwisch die Entzweiung von Geistes- und Naturwissenschaften und den daraus hervorgehenden Forschungsverlust, der an Stellen wie z.B. der Molekularbiologie glücklicherweise noch zukunftsorientierte Forschungsgebiete als Gegner hat. Im Anschluss daran wirft der Autor noch Fragen zur linguistischen Entwicklung auf, wie die Beziehungen in der indo-europäischen Sprachfamilie, die Grimmschen Gesetze des Lautwandels und der Gegensatz von nomothetischem Erklären und hermeneutischem Verstehen. Mit seiner anschließenden Stellungnahme stellt der Autor die Vereinigung von Natur- und Geisteswissenschaften zur Debatte.

Im Kapitel "Rückblick auf Jakobsons Programme" diskutiert Siegfried Kanngießer Jakobsons These, die die Linguistik als Grundlage von literaturwissenschaftlicher Forschung voraussetzt. Diese äußerst provozierende Aussage reflektiert der Autor im Bezug auf die Entwicklungen der strukturalistischen Linguistik, der generativen Grammatik und der Differenzen von Literatur- und Sprachwissenschaften unter Einbezug der Kognitionswissenschaft und anderen kontroversen Gebieten.

Im vierten Kapitel "Die Linguistik ist anders geworden" geht Wolfgang Klein auf die Veränderungen der linguistischen Forschung in Deutschland ein, die sich nicht mehr auf Errungenschaften des 19. Jahrhunderts (Bopp, Grimm oder Paul) berufen kann und die durch die internationale Entwicklung der Forschung weitestgehend außer Acht gelassen wird. In seinen weiteren Ausführungen stellt uns der Autor die Bedeutung der formalen Methoden in der Linguistik vor, die in ihrer praktischen Anwendung Probleme aufwerfen.

Jürgen M. Meisel und Christoph Schwarze kennzeichnen in ihrem Kapitel "Romanistische und theoretische Linguistik" die Romanistik als ein Fach, das von Zersplitterungen und Umwälzungen geprägt ist und das den internationalen Vergleich scheut. Außerdem besteht die Frage, ob bei so einer Entwicklung die bis dahin erreichten Ergebnisse überhaupt noch von Bedeutung sind. Im weiteren Verlauf wird die theoretische Linguistik als Grundlage der romanistischen Arbeit definiert, was die Einbettung der einzelsprachlichen Linguistik in eine allgemeine Linguistik aber noch offen lässt.

Das Kapitel "Situierte Kommunikation" setzt sich mit der Evolution der Sprache und dem Einsatz von "Situierten Künstlichen Kommunikatoren" auseinander. Dabei übernehmen maschinelle Systeme die Rolle von menschlichen Kommunikatoren in Interaktionen. Das Ziel ist es kognitiv begründbare Prinzipien für künstliche Systeme nützlich zu machen. Gert Rickheit bringen hier ein konkretes Beispiel, das "Basis Szenario", welches das Zusammenwirken von Sprachverarbeitung und Sensomotorik erforscht. Probleme und besonders wichtige Erkenntnisse skizzieren die Gebiete "Situiertheit, Integriertheit und Robustheit".

Das vorletzte Kapitel "Sprachwissenschaft als Brücke zwischen den Disziplinen" setzt den Mensch und die Sprache in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Forschung. Dabei geht Helmut Schnelle besonders auf Chomsky ein, der die Sprachfähigkeit als Organ des Menschen definiert. Der Autor selber setzt Chomsky andere Erklärungen entgegen, die sich besonders auf die Beschreibungen der internen Gehirnprozesse beziehen. Hierzu bietet er auch einen philosophisch-grundlagentheoretischen Exkurs.

Im letzten Kapitel "Evolution von Sprache, Linguistik und Interdisziplinarität" vergegenwärtigt uns Dieter Wunderlich im Interviewstil die verschiedenen Evolutionsstufen der Sprache und führt in diesem Zusammenhang andere Sprachen und deren Typologien als Beispiele auf. Andere Gesprächsthemen von Dieter Wunderlich sind: theoretische und inhaltliche Linguistik, das Bestehen der Disziplin, Schrift, Phonologie, Bedeutung der Linguistik oder die Indisziplinarität.

Alle Autoren berufen sich auf grundlegende linguistische Erkenntnisse, wie die Theorien von Saussure oder Chomsky, aber sie lassen dabei niemals die gegenwärtige Lage der Linguistik und deren Beziehung zu anderen wissenschaftlichen Gebieten außer Acht. Das hier vorliegende Buch setzt in vielen Teilbereichen ein genaues Fachwissen voraus, was es schwer macht, einige Gedankengänge nachzuvollziehen. Dennoch bieten viele Beiträge interessante Einblicke in eine sehr aktuelle Lage der Linguistik, die auch in Kapitel sechs besonders schön veranschaulicht wird.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Nicolas Krohn. Jahr: 2002

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