So kommt der Mensch zur Sprache

Zimmer, Dieter E.

München: Wilhelm Heyne Verlag 1986

 

Dieter E. Zimmer beschreibt die Sprachentstehung, den Spracherwerb des kleinen Kindes und die Entstehung bzw. die Erfindung der Grammatik. Sein Buch ist gegliedert in mehrere kleinere Kapitel, die die einzelnen Themen behandeln. Mit Hilfe von Beispielen und Experimenten bringt er die komplizierten Erklärungsmodelle dem Leser näher. "Seine Darstellungen machen Wissenschaft zum Vergnügen!"

Wie kommt der Mensch zur Sprache? Diese Frage hat die Menschheit und die Wissenschaft schon immer bewogen, Nachforschungen anzustellen. Der ägyptische König Psammetich I. machte vor zweieinhalb Jahrtausenden ein wissenschaftliches Experiment, um die Ursprache der Menschheit zu erforschen. Er setzte zwei neugeborene Kinder in der Wildnis bei einem Ziegenhirten aus, der kein Wort zu ihnen sprechen durfte. Ihre einzigen Gefährten waren Ziegen, deren Milch die Kinder tranken. Nach zwei Jahren holte man sie zurück. Das einzige, was die Kinder sagten, war "bek bek" - das Nachahmen des Meckern der Ziegen. Psammetich forschte nach dem Ursprung des Lautes "bek". Er erfuhr, daß die Phryger das Brot "bekos" nannten. Somit war das Phrygische für ihn die Ursprache der Menschen.

Ein sehr ähnliches Experiment führte der Staufenkaiser Friedrich II. durch. Er wollte feststellen, ob die Kinder, ohne jegliche Ansprache und Zuneigung, Hebräisch, Griechisch, Latein, Arabisch oder die Sprache ihrer Eltern sprechen. Das Ergebnis war, daß alle Kinder starben, und zwar aufgrund fehlender sensorischer Stimulation: "Sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen..."

Vor 200 Jahren sah Herder den Ursprung in der Nachahmung von Naturlauten. Im Laufe der Zeit entwickelte man viele - teils absurde - Theorien, zum Beispiel

a) die Aua-Theorie: Die Sprache ging aus stark gefühlsbetonten Ausrufen und Aufschreien hervor.

b) die Hauruck-Theorie: Die Sprache entstand durch Ausrufe bei gemeinsamer anstrengender Körperarbeit.

c) die Sing-Sang-Theorie: Die Sprache ging aus Gesängen hervor.

Alle Theorien hatten ein Problem: sie konnten ebensogut falsch wie richtig sein, da sie sich auf keinerlei Fakten stützten.

Um also die Frage zu beantworten, wie der Mensch zur Sprache kommt, muß noch Vieles geklärt werden, so z.B. die anatomischen Grundlagen der Sprachentstehung. Dieses Thema spricht Zimmer in einem anderen Kapitel an. Dort erläutert er - wiederum auf dem Hintergrund von Forschungsexperimenten - den Funktionsunterschied zwischen den beiden Hälften des menschlichen Gehirns.

Das Broca-Areal beherrscht die Sprachhervorbringung, und das Wernicke-Areal das Sprachverständnis. Beide Zonen befinden sich an der Seite der linken Hirnhälfte. Die rechte Hemisphäre ist allerdings auch nicht ganz unverbunden mit der Sprache. Sie steuert zwar nicht Sprechvorgänge, kann aber sprachliche Äußerungen verarbeiten. Die rechte Hemisphäre kann zuweilen kurze, einsilbige Wörter auslösen und ist für die Gefühlsbestandteile - Intonation, Ausdruck, Melodie - der gesprochenen Sprache zuständig.

Dies allein reicht nicht, um den Vorgang des Sprechens auszuüben. Es sind also einige Eigenschaften nötig, die auch den Menschen von anderen Lebewesen unterscheiden. Der anatomische Unterschied besteht darin, daß der menschliche Kehlkopf ungewöhnlich tief sitzt. Dadurch verfügt der Mensch über einen besonders großen Stimmtrakt. Die Atemluft passiert beim Ausatmen die Stimmritze. Die Stimmbänder werden dann durch weichende Atemluft in Vibration versetzt. "Schwingend ausgeatmete Luft klingt". Wie nun genau die einzelnen Laute - Vokale und Konsonanten - entstehen, wird von Zimmer sehr ausführlich beschrieben.

Dieses Buch gefällt mir sehr gut. Es werden zwar sehr viele Theorien vorgestellt, aber durch das Hinzufügen von Versuchen wird es nicht langweilig. Das Thema wird auf außerordentlich interessante Weise abgehandelt. Gerade die vielen Forschungen und Theorien, die Zimmer anspricht, zeigen dem Leser, welch aufwendige Studien nötig sind, um auch nur kleine Vorgänge zu erklären.

Die ausgezeichnete Darstellung der Problematik regt den Leser an, eigene Studien zu betreiben. Dem Leser wird klar, was die Sprache für die Menschheit überhaupt bedeutet - was für ein großartiges Geschenk die Sprache ist.

So hat der Leser keine Probleme, wie Dieter E. Zimmer zu denken und zu empfinden:

Sie ist aus warmem Atem gebosselt
ein Artefakt aus nichts als Luft
ein Gobelin aus schwingendem Druck
bedeutender Schall

Gewohnheitslügner haben an ihr gewirkt
zarte und grobe Pedanten und Clowns
verewigt hat sie der Kleingeister unsägliche Sprüche
so wie komischer Heiliger tiefsinnige Sottisen

Sie gibt dir Obdach in ihren Satzgefügen
du darfst alle ihre Aktionsformen benutzen
und deine eigenen Metaphern in ihr aufhängen

Sie war vor dir da und wird nach dir sein
Sie kennt dich nicht und sagt dich doch aus
Sie verrät dich Wort für Wort

Zu Zeiten ist sie ein weiter warmer Mantel
der auch deine Mißgestalt verhüllt
Wer sie zu halten weiß, dem gibt sie Halt

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Bianca Zohlen. Jahr: 1997

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