Semantik des Deutschen

Philipp, Marthe

Berlin: Weidler Buchverlag 1998

 

Philipp gibt einen Überblick über die linguistische Semantik des Deutschen und legt anhand vieler Beispiele ihren Ansatz einer offenen dynamischen Semantik dar. Sie unternimmt den Versuch, die Theorie eines dreidimensionalen sprachlichen Zeichens mit einer dynamischen Systemtheorie in Einklang zu bringen. Dabei hebt sie immer wieder hervor, dass die deutsche Sprache lebendig und damit mehr als nur ein abhängiges System ist. Probleme, die bei einer geschlossenen Betrachtung der Semantik entstehen, können, so der Anspruch, auf diese Weise gelöst werden.

In einem Vorwort stellt die Verfasserin zunächst ihre Arbeitsweise und Schwerpunkte bei der Betrachtung der Semantik dar. Das erste Kapitel Lexikalische Strukturen beschäftigt sich dann  mit der Strukturierung semantischer Merkmale, die ähnlich wie bei einer phonologischen Analyse ermittelt werden, jedoch werden hier nicht Phoneme, sondern Seme (also kleinste Bedeutungselemente) nach bestimmten Gesichtspunkten gegliedert und miteinander verglichen. Dabei werden Grundbegriffe wie Hyponym, Hyperonym und Antonym benutzt, um verschiedene Relationen zwischen Semen genauer zu erklären.

Im zweiten Kapitel steht die Komplexität des sprachlichen Zeichens im Mittelpunkt. Sie wird am triadischen Modell des semantischen Zeichens (Signifikat, Signifikant & Referent) aufgezeigt, da es zu einem Ungleichgewicht im triadischen System kommen kann. Dies kann ausgelöst werden durch Homonyme, bei denen einem Signifikanten zwei verschiedene Signifikate (Bedeutungen) und Referenzen zugeteilt werden, oder auch durch Synonyme, welche bei (beinahe) gleicher Bedeutung unterschiedliche Ausdrucksformen und Referenzen besitzen. Im weiteren werden die Begriffe der Metapher (= Übertragung der Bedeutung in einen anderen, fremden Kontext durch Vergleich) und der Metonymie behandelt. Durch  Einbeziehung der morphosyntaktischen Ebene wird am Ende des zweiten Kapitels die (semantische) Funktion der Zusammensetzung von Wörtern untersucht, bei der unterschiedliche Hierarchien in den Komposita hervortreten.

Im dritten und letzten Kapitel wird die lexikalische Sprachdynamik in Zeit und Raum behandelt, die bewirkt, dass ein perfektes Gleichgewicht innerhalb der lexikalischen Strukturen und unter den verschiedenen Strukturen der Semantik nicht erreicht werden kann. Störungen dieses Gleichgewichtes können leicht durch diachronische und diatopische Vergleiche der Sprache nachgewiesen werden, bei denen dann die Komplexität der Sprache zum Ausdruck kommt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Sprache als ein äußerst komplexes Gebilde dargestellt wird, das vor allem auf der semantischen Ebene dynamisch und lebendig erfasst werden sollte. Der Versuch, Sprache als ein geschlossenes System zu betrachten, würde zu viele Probleme aufwerfen, die durch einen solchen Ansatz nicht gelöst werden könnten.

Im Epilog fasst die Autorin ihre Beweggründe und die wichtigsten Aspekte ihrer Arbeit zusammen. In der Bibliographie und im Literaturverzeichnis liefert sie darüber hinaus die Möglichkeit, weitere Literatur zum Thema aufzufinden. Glossar, Wort- und Sachregister bieten eine Informationsquelle zu Fachbegriffen, die im Buch erwähnt werden und die zum Verständnis notwendig sind.

Marthe Philipp kombiniert eine strukturalistische Sichtweise mit einer dynamischen Systemtheorie der Sprache. Dabei greift sie unter anderem Ansätze und Definitionen von Saussure, Capra und Schippan auf. Ihre Argumentation basiert sowohl auf theoretischen Überlegungen als auch auf vielen praktischen Beispielen, mit denen vor allem die ersten beiden Kapitel übersät sind. Das Buch gibt einen sehr komplexen Einblick in die Semantik und beschreibt semantische Strukturen und deren stetige Veränderung nach diachronischen und diatopischen Gesichtspunkten. Obwohl der Text sehr übersichtlich gegliedert ist und der Anhang viele Möglichkeiten der Information über Fachbegriffe und Literatur bietet, verwirren einige Beispiele die eigentlich klare Erläuterung theoretischer Strukturen. Beim Nachschlagen einiger Fachtermini fällt durch unzureichende Erklärungen das Verstehen einiger Textstellen im Buch mehr als schwer, wenn man nicht schon großes Vorwissen zum Thema Semantik mitbringt. Daher ist dieses Buch eher geeignet für Leser, die über ein fundiertes Vorwissen verfügen und die an dieser Stelle das Thema Semantik vertiefen möchten. Als Einstieg in die Semantik ist dieses Buch hingegen nur bedingt geeignet.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Swen Kowal. Jahr: 2002

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