Schlüssel zur Linguistik

Mounin, Georges

Hamburg: Hoffmann und Campe 1978

 

Mounin möchte einen leicht verständlichen Einblick in die Hauptarbeitsgebiete der Sprachwissenschaft geben, und zwar am Beispiel der französischen Sprache. Der Übersetzerin, Heidrun Pelz, liegt viel an einer auf die englische und auf die deutsche Sprache ausgeweiteten Betrachtungsweise; des Weiteren möchte sie einen Bezug zur sprachlichen Wirklichkeit und der Anwendung der vorgestellten Theorien herstellen.

Das Buch ist in zwölf Hauptkapitel mit unterschiedlich vielen Unterkapiteln gegliedert. Diese oft sehr feingliedrige Aufteilung gewährleistet einen verständlichen Einblick dadurch, dass das große Arbeits- und Forschungsgebiet der Linguistik nicht als unübersichtliches und vermeintlich unüberwindliches Feld erscheint. Die verschiedenen Bereiche der Linguistik, die unterschiedlichen Fragestellungen und Probleme dieser „jungen Wissenschaft“ (S. 15) sowie ihrer wichtigsten Wegbereiter, - man soll sich als Leser „durch verschiedene Linguisten in die Linguistik einführen lassen“ - sind Thema dieses mit nur 145 Seiten doch sehr schnell lesbaren Buches.

Nach der Einleitung beschäftigt sich der Hauptteil (Kap. 2 - 7) mit dem großen Feld der Sprache. Kapitel 2 bietet einen Abriss der langen Geschichte der Sprachwissenschaft, die im Gefolge der Entdeckung des Sanskrit im späten 18. Jahrhundert erst im frühen 19. Jahrhundert eine gewisse Ordnung erhielt. In Kapitel 3 und 4 werden die Begriffe ,Sprache‘ und ,Kommunikation‘ sehr ausführlich geklärt. Mounin stellt die Besonderheiten der menschlichen Kommunikation heraus. Die Argumentationsstruktur, die er in diesen Kapiteln anwendet, ist charakteristisch für den Großteil seines Werkes. Der zu klärende Begriff wird in einem relativ allgemein abgefassten Teil eingeführt, anschließend wird die historische Entwicklung dargestellt, in einem weiteren Teilkapitel (besonders auffällig in Kapitel 4) werden die - nach Mounin - falschen Ansichten in ihrer Argumentation unwirksam gemacht. Auf die Weise werden die Fachtermini nicht kontextlos aufgelistet, sondern sind gut ins Textganze eingebaut.

Vor allem das vierte Kapitel möchte die Frage, worin die Besonderheit der menschlichen Sprache liegt, klären. Bei der Beantwortung dieser Frage führt Mounin den Leser über die verschiedenen Merkmale der menschlichen Sprache, z.B. im Gegensatz zur tierischen Kommunikation, zum ersten der im Buch ausführlicher behandelten Arbeitsgebiete der Linguistik, nämlich der Phonologie und Phonetik in Kapitel 8. Vorher werden allerdings noch die Randerscheinungen der menschlichen Sprache (Prosodie) aufgeführt, die zwar an der sprachlichen Nachricht mitwirken, sie aber nicht allein ausmachen.

In Kapitel 6 wird nun der Verwendungszweck der Sprache für den Menschen angesprochen, der in der Kommunikation zu finden ist. So stellt Mounin die Sprache als Instrument der Kommunikation heraus, womit die Linguistik die Wissenschaft zur Erforschung des Funktionierens dieses Instrumentes ist. Ein weiteres Arbeitsgebiet, die Syntax (also die Lehre vom Satzbau) wird ausführlich in Kapitel 9 behandelt. Kapitel 10 befasst sich mit der Zeichentheorie de Saussures.

Heidrun Pelz hat ein weiteres Kapitel zur sprachlichen Wirklichkeit, besonders unter Berücksichtigung des Strukturalismus, eingebracht. Ein in den 1970er Jahren noch wenig erforschtes Gebiet der Linguistik, die Stilistik (also die Lehre vom Stil) wird in einem abschließenden zwölften Kapitel thematisiert.

Der im Titel versprochene „Schlüssel zur Linguistik" reicht allein nicht aus, um das „Schloss der Linguistik“ zu öffnen. Die Lektüre weiterer und speziellerer Werke zur Linguistik ist notwendig. Doch erhebt Mounin auch gar nicht den Anspruch, das Thema erschöpfend zu behandeln, was zudem auf 145 Seiten auch nicht möglich wäre. Vielmehr soll es als Einführung in die Sprachwissenschaft dienen, was meiner Meinung nach in Teilen auch gelungen ist. Es erfordert kein großes Vorwissen, sondern klärt in grundsätzlicher Weise wichtige Begriffe und Fragestellungen. Das ist zum Beispiel in Kapitel 9 „Was ist ein Satz?" gut gelungen.

Leider ist die in der Einleitung versprochene „Leichtigkeit“ sowie die „lebendige und anschauliche Weise“ (je S. 9) nicht immer gewährleistet. Einzelne wichtige Kapitel, wie Kapitel 4.8 bis 4.11, erfordern doch eine genauere Auseinandersetzung mit der Problematik. Die historische Einordnung der jeweiligen Fragestellungen ist sicherlich sinnvoll, um die aktuellen Forschungsströmungen und Diskussionen nachvollziehen zu können.

Eine Angabe zu weiterführender oder speziellerer Literatur am Ende des Buches fehlt meiner Meinung nach: die wenigen in der Einleitung erwähnten Werke reichen als weitere einführende Literatur nicht aus. Als Studienanfänger der Linguistik wäre man für eine derartige Literaturangabe sehr dankbar gewesen. So ist, in letzter Instanz, das Buch als einführende Literatur nur eingeschränkt zu empfehlen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Heidi Sack. Jahr: 2001

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