Saussure zur Einführung

Prechtl, Peter

Hamburg: Junius Verlag 1994

 

Prechtl möchte mit seinem relativ kurzgefaßten Werk einen ersten Einstieg in den Strukturalismus ermöglichen. Zielgruppe ist hierbei der unbedarfte Leser, der sich zunächst über das Gebiet des Strukturalismus informieren möchte und nicht von vornherein "Experte" auf diesem Gebiet ist.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil, der Einführung, gibt Prechtl dem Leser einen ersten Überblick, was der Begriff des Strukturalismus meint, wer ihn begründet und weitergeführt hat und auf welche Bereiche er ausgedehnt wurde.

Der zweite, sehr umfangreiche Teil ist in sechs kleinere Kapitel unterteilt, in denen Prechtl versucht, dem Leser die Prinzipien und Grundgedanken des Strukturalismus nahezubringen.

Im ersten Kapitel, das mit "Biographisches" überschrieben ist, erhält der Leser die Biographie Ferdinand de Saussures, dem Begründer des Strukturalismus. Es wird erklärt, auf welche Weise Saussure zur Sprachwissenschaft gelangte und inwieweit Einflüsse anderer Gelehrter, wie zum Beispiel der des Sprachhistorikers Pictets, eine Rolle für Saussures Denkweise spielten.

Das zweite Kapitel, "Vorläufer und Einflüsse", widmet sich unmittelbaren Vorreitern des Strukturalismus und deren Einfluß auf Saussure und seine Theorien. Besonders gründlich betrachtet werden die historische Sprachwissenschaft (Grimm, Bopp, Rask), deren Revision durch die Junggrammatiker (Brugmann, Verner, Osthoff, Leskien) und Schleiermachers Kultur- und Sprachtheorie (Grundstein für Saussures "langue" und "parole").

Das dritte Kapitel ist überschrieben mit "Der Strukturalismus in der Sprachwissenschaft" und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Definition des Strukturbegriffs und mit der strukturalistischen Sprachbetrachtung. Wichtig sind hier die drei zentralen Momente der Struktur, die durch die Begriffsbestimmung angeführt werden - Ganzheit, Transformation und Selbstregelung - und die neue Akzentuierung der Sprachbetrachtung, nämlich die synchronische Beschreibung von Sprache in Verbindung mit der diachronischen Beschreibungsweise.

Im vierten Kapitel, "Der Schritt von der Diachronie zur Synchronie als Paradigmenwechsel", wird Saussures Akzentuierung auf die synchronische Betrachtungsweise verdeutlicht. Außerdem werden Synchronie und Diachronie näher charakterisiert.

Das fünfte Kapitel widmet sich der mit dem Strukturalismus verwobenen Zeichenlehre. Es ist überschrieben mit "Der Strukturalismus und die Entwicklung einer Zeichenlehre" und beschäftigt sich mit der Dualität von Wörtern.

So wird auf die Unterscheidung zwischen "langue" und "parole", auf das Verhältnis von "Signifikant" und "Signifikat" und auf die "syntagmatische" Abgrenzung im Gegensatz zur "paradigmatischen" eingegangen.

Im sechsten und letzten Kapitel, "Die Wirkung Saussures", werden die wissenschaftlichen Weiterentwicklungen, die aus Saussures Strukturalismus hervorgegangen sind, kurz erklärt.

Den dritten Teil des Buches bildet der Schluß. Prechtl führt noch einmal die drei gemeinsamen Bezugspunkte der verschiedenen Anordnungen des Strukturalismus auf:

Theoretische Begriffe erhalten ihren präzisen Sinn nur als Ganzes innerhalb der gesamten Theorie.

Ihre Berechtigung ergibt sich daraus, daß mit ihrer Hilfe eine Theorie aufgebaut werden kann, die komplexe Zusammenhänge und Erscheinungen der Wirklichkeit erklärbar macht.

Man muß erst Teilaspekte isolieren, um die Einsicht in komplexe Zusammenhänge zu ermöglichen.

Darüberhinaus sagt er, daß der Strukturalismus zu einer veränderten Methodik in allen anderen Sozial- und Geisteswissenschaften geführt hat.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei "Saussure zur Einführung" um ein sehr gelungenes Werk. Durch seine gute Gliederung ist es sehr überschaubar. Der Titel ist meiner Ansicht nach berechtigt, denn in kurzen Kapiteln geht Prechtl auf alle wichtigen Aspekte des Strukturalismus ein, so daß man als Leser nach Lektüre des Buches über ein gewisses Grundwissen bezüglich der strukturalistischen Denkweise und ihrer Ausläufer verfügt.

Durch die Einteilung in kurze Kapitel kann man problemlos einzelne Teilbereiche des Strukturalismus erkennen und sich wiederholt vor Augen führen, ohne das gesamte Buch erneut lesen zu müssen.

Um tiefer in einzelne Bereiche des Strukturalismus eindringen zu können, bedarf es weiterer, spezialisierter Lektüre, doch das ist in meinen Augen genau das, was Prechtl mit seinem Buch bewirken möchte: Er möchte den Leser für den Strukturalismus interessieren und ihn dazu bringen, sich weiter über das Thema zu informieren.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Stefanie Bednarz. Jahr: 1996

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