Reflexionen über die Sprache

Chomsky, Noam

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977

 

Deses Buch setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Der erste Teil ist eine erweiterte Fassung der von Chomsky gehaltenen Vorlesungen an der McMaster University im Januar 1975. Hier legt Chomsky Thesen über seine ganz persönliche und nicht unbedingt bewiesene Sprachtheorie dar. Im zweiten Teil beschäftigt er sich mit Überlegungen über Sprache, die zum einen in "einigermaßen geklärte Ansätze und Begriffe" münden, zum anderen aber noch ungeklärt und "undurchsichtig" sind.

Chomsky baut seine Überlegungen vor dem Hintergrund auf, daß nicht nur die strikte Betrachtung der Sprache von Bedeutung sei, sondern Sprache für eine Betrachtung der kognitiven Entwicklung und daraus resultierender kognitiver Fähigkeiten enorm wichtig sei. Das Thema dieses Buches ist somit nicht die Vermittlung einer fest konstruierten und endgültigen Sprachtheorie. Es geht in diesem Buch vielmehr um die Vermittlung der Ansätze verschiedener Sprachtheorien und der von Chomsky durchgeführten Überlegungen. Dabei ist wichtig, daß ein Teil seiner Ansätze aus früheren Überlegungen, wie sie im ersten Teil dargestellt werden, im zweiten Teil revidiert werden.

Inhaltlich umfaßt das Buch im ersten Teil drei Kapitel, die jedoch nicht jeweils eine abgeschlossene Einheit bilden. Im ersten Kapitel geht Chomsky auf die kognitiven Bedingungen und die Bedeutung von Sprache ein. Eine wichtige Feststellung ist dabei: "Sprache ist der Spiegel des Geistes." (S. 12). Er versucht in diesem Kapitel, über eine nähere Betrachtung der natürlichen Sprache und ihres Aufbaus spezifische Merkmale der menschlichen Intelligenz zu erlangen. Im zweiten Kapitel wird der Gegenstand der Linguistik, nämlich Sprache, genauer betrachtet. Für Chomsky ist hier die Diskussion über die Sprache und ihre Strukturen von zentraler Bedeutung. Das dritte Kapitel enthält Chomskys Überlegungen über die Analyse und Zerlegung der Sprache in allgemeine Strukturen und Regeln. Dabei ist die Betrachtung einer Universal-Grammatik überaus deutlich. Chomsky stellt hier seine Überlegungen zur Tiefen- und Oberflächenstruktur sowie die Bausteine der von ihm entwickelten generativen Transformationsgrammatik vor.

Der zweite Teil befaßt sich mit den bisherigen Betrachtungen über Sprache und den zum Teil schon von der Linguistik anerkannten und vertieften Thesen und Ansätzen sowie mit ungenauen und noch nicht ausgereiften Überlegungen, deren Richtigkeit erst noch bewiesen werden muß.

Das Buch trägt die persönliche Note Chomskys. Es ist in einem persönlichen und sehr offenen Stil geschrieben. Man merkt sehr deutlich, daß es eigene und neuartige Überlegungen enthält. Chomskys Feststellungen sind rein theoretischer Natur, doch hat er in einzelnen Passagen Beispiele zur näheren Verdeutlichung herangezogen.

Seine Argumentationen sind schlüssig, und er behält den ,roten Faden‘ durch die einzelnen Kapitel hindurch bei. Er baut seine Aussagen auf einzelne und zum Teil auch kurze Thesen auf, wie z.B. die Behauptung, die Sprache sei der Spiegel des Geistes. Diese Thesen werden dann im folgenden ergänzt und erweitert und zum Teil auch geringfügig verändert oder revidiert.

Meiner Meinung nach vermittelt dieses Buch nicht ausreichend die Thesen und die von Chomsky angestellten Überlegungen. Es ist zwar sehr umfangreich und genau, vermittelt aber durch die Sprache Chomskys eher den Eindruck, ein Notizbuch zu sein. Zwar ist der erste Teil des Buches auch eine Erweiterung seiner Vorlesungen aus dem Jahre 1975, doch läßt sich von einer Überarbeitung wenig erkennen. Dieses Buch war für mich eine sehr schwere Lektüre. Zum einen waren die oft sehr langen, verzweigten Sätze und die zum Teil von Chomsky konstituierten Begriffe hinderlich. Zum anderen fiel es mir nicht leicht, seinen Überlegungen zu folgen. Zwar war ein roter Faden durchgängig zu erkennen, doch die Rekonstruktion seiner Gedankengänge war mir oft nicht möglich. Dieses Buch gibt mir als Studienanfängerin jedenfalls nicht den Einblick in die Betrachtungen über Sprache, die ich, aufbauend auf meinen geringen Kenntnissen, erhofft hatte.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Claudia Gomulia. Jahr: 1998

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