Reden ist Schweigen, Silber ist Gold

Leuninger, Helen

München: dtv 1996

 

Helen Leuninger arbeitet am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Frankfurt als Professorin für Sprachwissenschaften; ihr Fachgebiet ist die kognitive Linguistik.

Für dieses Buch hat sie über einen längeren Zeitraum hinweg Versprecher gesammelt und zu Papier gebracht; eine Auswahl davon findet sich in ihrem Buch wieder.

Der erste der beiden Teile des Buches enthält einen nach diversen Kategorien geordneten Katalog von Versprechern. Unter der Überschrift "Was trinken wir bloß zum Champagner? oder Leibliches Wohl" findet man z.B. alle Versprecher, die etwas mit Nahrungsaufnahme zu tun haben. Im zweiten Teil des Buches beschreibt sie, wie und warum sie angefangen hat, Versprecher zu sammeln. Außerdem legt sie dar, wann man überhaupt begann, sich mit Versprechern zu beschäftigen. Eine große Rolle für ihr eigenes Buch spielt die erste deutsche Versprechersammlung mit dem Titel "Versprechen und Verlesen" von Rudolf Mehringer, einem deutschen Sprachwissenschaftler. Seine Theorien über Versprecher bilden die Grundlagen für ihre eigenen Studien, wobei ihre Erkenntnisse noch ein Stück über die Mehringers hinausgehen.

Anhand dieser Grundlagen erläutert Leuninger, wie unser "Sprachapparat" aufgebaut ist und auf welche Weise sich in diese komplexen Strukturen Fehlleistungen, d.h. Versprecher, einschleichen können. Ein Versprecher ist niemals eine grammatische Fehlleistung, da unsere grammatische Kompetenz selbst im Augenblick des Versprechens noch intakt ist. Versprecher sind vielmehr Fehlleistungen, die mit unserer physischen und psychischen Verfassung einhergehen. Befindet sich diese im Gleichgewicht, so nimmt die Zahl der Versprecher deutlich ab.

Auch die dynamische Struktur unseres Gehirns ist "schuld" an Versprechern: bei großer formaler und/oder inhaltlicher Ähnlichkeit von Wörtern, Silben oder Buchstaben wählt es aus unserem vorhandenen Wortschatz ab und zu die falsche sprachliche Einheit aus. Dazu kommt, daß das menschliche Gehirn keine Maschine ist. Gedanken, die uns im Augenblick der Planung einer sprachlichen Äußerung viel mehr beschäftigen als diese selbst, können wir nicht einfach verdrängen; und deswegen werden sie häufig bruchstückhaft in die sprachliche Äußerung eingebaut. In diesem Zusammenhang zieht Leuninger auch die sogenannten "Freudschen Versprecher" in Zweifel und stellt dar, wie oft Versprecher normalerweise vorkommen und in welchen Situationen sich ein Mensch besonders oft verspricht. Laut Helen Leuninger verspricht sich ein Mensch in Normalsituationen durchschnittlich alle 10 Minuten einmal, wenn er kontinuierlich und in normaler Geschwindigkeit reden würde. In "Streßsituationen" (Parties, Diskussionen, Disputen) kommen Versprecher wegen mangelnder Konzentration überdurchschnittlich oft vor.

Am Ende des Buches hat der Leser selbst die Möglichkeit, entweder eigene oder einige der im ersten Teil aufgeführten Versprecher zu analysieren.

Insgesamt ist das Buch unkompliziert geschrieben, so daß man auf wissenschaftliche, aber trotzdem kurzweilige und amüsante Art und Weise etwas über seine eigenen Versprecher lernt und auch erfährt, warum man sich nicht für sie schämen muß.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Christiane Finck. Jahr: 1998

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