Psychoanalyse und Sprache. Von Saussure zu Lacan

Teichmann, Gottfried

Würzburg: Königshausen und Neumann 1983

 

Der vorliegende Band befaßt sich mit dem Zusammenhang von Psychoanalyse und Sprache, genauer gesagt mit der Bedeutung, die der Sprache in der Psychoanalyse zukommt. Teichmann setzt zunächst bei dem Sprechen an, welches den betreffenden Menschen überhaupt erst krank werden ließ, um dann auf das Sprechen mit heilender Wirkung, das psychoanalytische Sprechen, einzugehen und es mit dem Sprechen, dessen Wirkung krankmachend war, zu vergleichen. Um zu diesem Vergleich zu gelangen, schildert der Verfasser in acht Kapiteln zunächst die grundlegenden Theorien der Psychoanalyse auf der einen und die der Sprache auf der anderen Seite.

Zu Beginn werden Freuds Modell von Psychoanalyse und sein Verständnis der psychoanalytischen Methode als "talking cure" am konkreten Fall der Anna O. vorgestellt. Freud schreibt der Sprache in der Psychoanalyse drei Hauptfunktionen zu: die Sprache dient der Anamnese, der Bewußtseinsveränderung durch das Sprechen und dem Aufdecken des Unbewußten. Im weiteren geht der Verfasser auf die strukturalistische Linguistik im allgemeinen und speziell auf die Saussures und Jakobsons ein. Er schildert Saussures Dichotomien (Synchronie und Diachronie, Langue und Parole, Signifikant und Signifikat, Syntagmatik und Paradigmatik) und stellt Jakobsons Untersuchungen bezüglich der Übersetzbarkeit von sprachlichen Zeichen und deren Sinn und Form heraus.

Im Anschluss an die Theorien von Saussure und Jakobson wird der Ansatz von Lévi-Strauss dargestellt. Lévi-Strauss hat Grundgedanken der strukturalen Linguistik auf anthropologische Fragestellungen übertragen. Zum Beispiel verglich er die Sprache mit Verwandtschaftssystemen, untersuchte das Inzestverbot und den Zusammenhang von Mythos und Traum.

Von hier aus leitet Teichmann zu Lacan und seinem Sprachkonzept als Grundlage der Psychoanalyse über. Lacans Untersuchungen widmet Teichmann den Hauptteil seiner Arbeit. Jacques Lacan (1901-1981) ist eine der wichtigsten Personen in der französischen Psychoanalyse. Die Ausbildung von Analytikern gehörte zu seinen Hauptaufgaben. Lacan vergleicht die Sprache mit dem Unbewußten: "denn ist der Text, den das Unbewußte schreibt, in einer Sprache geschrieben, so gehorcht er auch den Gesetzen dieser Sprache. Hier wird besonders gut verständlich, warum Lacan die Gesetze des Unbewußten mit den Gesetzen der Sprache gleichsetzen konnte." (Teichmann S.101). In diesem Zusammenhang wird der Psychoanalytikers mit einem Übersetzer verglichen. Mit zwei Fallbeispielen aus der psychoanalytischen Praxis Lacans schließt Teichmann seine Arbeit ab.

Fragt man nun nach dem Ergebnis von Teichmanns Untersuchungen, so meine ich, daß dieses nicht sofort nach der Lektüre eindeutig erkennbar ist. Die Lektüre stellt der Reihe nach die verschiedenen Theorien, die sich mit Psychoanalyse und / oder mit Sprache beschäftigen, dar und versucht, Verbindungen zwischen den einzelnen Verfassern herzustellen. Diese Verbindung besteht meiner Meinung nach hauptsächlich in der Wiedergabe der Untersuchungen und Theorien Lacans. Vor dem Hintergrund der Theorie Lacans könnte man die Frage nach dem Ergebnis der Arbeit Teichmanns damit beantworten, daß diese eine Antwort gibt, oder besser gesagt zu geben versucht, auf die Frage nach dem Wirkungsgrund von Psychotherapie. Diese Frage wird mit der zentralen Bedeutung der Sprache beantwortet, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, inwieweit diese Antwort eine Antwort des Verfassers selber ist beziehungsweise inwieweit diese Antwort lediglich mit der Wiedergabe der Theorie Lacans gegeben wird. Deutlicher gesagt: Obwohl mir persönlich der Aufbau des Buches mit der langsamen Heranführung an den Vergleich des Unbewußten mit der Sprache über Freud, Saussure, Jakobson und Lévi-Strauss gut gefällt, vermisse ich doch etwas die eigene Sprache und das eigene Urteil des Verfassers.

Insgesamt kann ich die Lektüre dieses Buches empfehlen, wenn man es mit der Intention liest, sich über Freud, Saussure, Jakobson, Lévi-Strauss oder Lacan zu informieren, nicht jedoch, wenn man völlig neue Erkenntnisse über den Zusammenhang von Psychoanalyse und Sprache erwartet.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Sandra Marschall . Jahr: 1999

Zurück