Phonetik im Fremdsprachenunterricht Deutsch

Dieling, Helga

Langenscheidt: Berlin, München 1992

 

Mit diesem Buch beabsichtigt die Autorin, die Defizite zu beseitigen, die durch mangelnde Ausbildung der Lehrkräfte im Bereich Phonetik vorliegen. Sie hält dies für unumgänglich, da sie die Phonetik als einen integralen Bestandteil der Vermittlung von Sprachen ansieht.

Das Ziel beim Erlernen einer Fremdsprache ist individuell verschieden, es reicht von bloßem Verständlich-machen-Wollen bis hin zum Wunsch nach akzentfreiem Sprechen. Lernerfolge sind nur durch imitatives und kognitives lernen möglich. Bei Sprachlernenden muss berücksichtigt werden, dass bestimmte Buchstaben in einigen Sprachen verschiedene Laute darstellen (vgl. S. 15). Daher muss auch die Schrift Bestandteil des Phonetikunterrichts sein. Des weiteren ist viel Wert auf die richtige Intonation zu legen, da diese einen positiven Einfluss auf die Artikulation ausübt. In der Regel wird eine „hohe“ oder „gehobene Formsprache“ erlernt; erst wenn diese gelernt ist, wird in Einzelfällen noch die „Gesprächsstufe“ (S. 13) gelernt.

Das zweite Kapitel befasst sich mit den Aufgaben des Fremdsprachenlehrers. Im Fremdsprachenunterricht und besonders in der Phonetik ist der Lehrer der wichtigste Faktor; er dient als uneingeschränktes Vorbild. Dadurch wird an ihn der Anspruch gestellt, mit der Phonetik der Zielsprache vertraut zu sein. Sinnvoll ist es auch, wenn er elementare Kenntnisse der Ausgangssprache der Deutschlernenden besitzt, da dies hilfreich bei der Bekämpfung eventuell auftretender Fehler ist. Der Lehrer muss darauf achten, sich nicht zu sehr in die Fehler seiner Schüler einzuhören und diese dadurch zu überhören.

Auch an die Lernenden werden gewisse Anforderungen gestellt. Diese werden im zweiten Kapitel behandelt. Der Lernende muss, um zu Lernerfolgen zu gelangen, ein neues Sprachmuster übernehmen. Hierbei kann es zu Identitätsproblemen kommen, da der Lernende seine eigenen Sprachmuster aufgeben muss, um die neuen übernehmen zu können. An ihn wird die Aufgabe gestellt, zwischen zwei verschiedenen Sprachmustern bzw. Sprachen wechseln zu können. Der Lernende sollte Aussprachewörterbücher benutzen können, auch ist es für ihn sinnvoll, die phonetische Transkription zu erlernen.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Fremdsprachenunterricht Deutsch. Der Unterricht sollte mit einem phonetischen Einführungskurs beginnen. Dadurch wird später eine Menge Zeit für Erklärungen und Korrekturen gespart. Im weiteren Unterrichtsverlauf ist der Phonetik kein gesonderter Raum zuzuordnen, da sie immer wieder in den normalen Unterrichtsverlauf einbezogen werden kann. Ob die phonetische Arbeit im Sprachlabor sinnvoll ist, muss individuell vom Lehrer beurteilt werden. Der Einsatz von Minimalpaaren wird allgemein als sinnvoll eingestuft, vor allem um Lautunterschiede zu verdeutlichen, z.B.

Anna - Hanna, Else - Ilse. Auch Akzentunterschiede können mit Hilfe von Minimalpaaren hervorgehoben werden. Ebenso sind Gesten ein wesentlicher Bestandteil im Fremdsprachenunterricht. Im Bereich der Phonetik können sie zur Verdeutlichung der Intonation bzw. des Rhythmus eingesetzt werden. Neben Sprachübungen sollten auch vermehrt Hörübungen in den Unterricht eingebaut werden; auch diese unterstützen das Lernen der richtigen Intonation. Natürlich gehören auch das Lesen und Schreiben zum Fremdsprachenunterricht. Im phonetischen Interesse steht hierbei besonders die Laut-Buchstaben-Korrelation. Es ist sinnvoll, zwischenzeitlich zu prüfen, ob die vermittelten Fertigkeiten auch wirklich verstanden und umgesetzt werden. Wenn nicht, müssen Fehler gesucht, bewertet und verbessert werden. Diese Prüfungen sollten der jeweiligen Entwicklungsstufe der Lernenden angepasst sein.
Lehr- und Lernmittel werden im fünften Kapitel vorgestellt. Im Phonetikunterricht werden neben den zentralen schriftlichen Materialien auditive (Kassettenrekorder, Mikrophone etc.), audio-visuelle (Kameras etc.) und taktile Lehrmittel (Fingerspitzen etc.) eingesetzt. Ebenfalls können alltägliche Gegenstände in den Unterricht einbezogen werden. An einer Kerze kann zum Beispiel der Unterschied zwischen „p“ und „b“ verdeutlicht werden: während die Flamme bei einem gesprochenen „p“ beginnt zu flackern, wird dies bei einem gesprochenen „b“ nicht geschehen (S. 59).

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit phonetischen Interferenzen, dargestellt an 31 Ausgangssprachen. Hierbei werden dem Leser mögliche Fehlerquellen erklärt, Wertungen und Arbeitsempfehlungen gegeben. Es wird angegeben, wo und von wie vielen Menschen die Sprache gesprochen wird, wo die phonetischen Unterschiede oder möglicherweise auch Ähnlichkeiten zur deutschen Sprache liegen und was beim Deutschlernen bzw. -lehren besonders zu beachten ist. Diese Empfehlungen beruhen auf Beiträgen verschiedener Autoren.

Am Ende des Buches befindet sich ein ausführliches Literaturverzeichnis; es enthält auch Hinweise zur Phonetik verschiedener Ausgangssprachen. Anschließend an das Literaturverzeichnis werden im Buch benutzte Termini erklärt und literarische Texte angegeben. Den Abschluss bildet eine Buchstabiertafel.

Das Buch ist sehr praxisorientiert. Vor allem das vierte, fünfte und sechste Kapitel geben zahlreiche Anregungen und konkrete Beispiele für den Unterricht. Auch wenn die Kapitel aufeinander aufbauen, ist es doch möglich, bei bestimmten Fragen die entsprechende Stelle im Buch nachzulesen. Dieses Nachschlagen wird auch durch die übersichtliche Gliederung vereinfacht. Dieling schreibt in einer allgemeinverständlichen Weise. Fachspezifische Termini werden am Ende des Buches erläutert. Ich bin der Meinung, dass die Autorin ihr Ziel, die Beseitigung der Defizite im Bereich der Phonetik zu unterstützen, weitestgehend verwirklicht hat.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Antje Lensing. Jahr: 2001

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