Orientierung Linguistik. Was sie kann, was sie will

Geier, Manfred

Reinbek: rororo 1998

 

Manfred Geier, geb. 1943, ist seit 1982 Sprach- und Literaturwissenschaftler an der Universität Hannover. Mehrere Bücher, wie beispielsweise "Linguistischer Strukturalismus als Sprachkompetenztheorie", "Sprache als Struktur" oder "Methoden der Sprach- und Literaturwissenschaft", weisen ihn als kompetenten Linguisten aus.

Sein 207 Seiten umfassendes neues Buch beginnt mit Fragen wie "Was ist Sprache?", "Was kann und was will die Linguistik?" sowie "Warum Sprachwissenschaft studieren?" Auf geschickte Weise werden Leserin und Leser kurz und prägnant mit den im weiteren behandelten Themenbereichen konfrontiert. Diese Methode der Einleitung ist ansprechend und weckt das Interesse des Lesers. Im weiteren Verlauf weist der Autor darauf hin, dass sein Buch als Orientierungshilfe für Schüler/innen geeignet sei sowie Anregungen für Studenten/innen biete. Darüber hinaus sei es für alle geschrieben, die sich für Sprache interessieren.

Das Inhaltsverzeichnis ist übersichtlich und erschließt dem Leser einen schnellen Zugang zu den einzelnen Themen. Das Buch ist schlüssig strukturiert und bietet einen interessanten Einblick in die Linguistik, ohne die Komplexität der Thematik zu unterschlagen. Geier stellt die Sprachwissenschaft als Studienfach vor und schafft es, die Verbindung zur Geschichte der Sprache, zur Lauterzeugung und zur Wahrnehmung herzustellen. Er nennt Lehrangebote und Lernanforderungen und erläutert Begriffe wie Seminar, Magisterabschluss etc. An dieser Stelle ist die Orientierungshilfe für Schüler/innen wichtig.

Im zweiten Kapitel wird Ferdinand de Saussures Theorie behandelt. Seine wichtigsten Begriffe (faculté de langage - langue - parole/ Signifikat - Signifikant/...) werden detailliert erklärt und verständlich gemacht.

Im dritten Kapitel geht Geier auf den Gegenstand der Sprachwissenschaft ein. Dabei gelingt es ihm, sprachliche Phänomene auf anschauliche Weise aufzuzeigen und durch scheinbar "dumme" Fragen (Können Tiere sprechen?) die Aufmerksamkeit zu fesseln und zum Weiterlesen anzuregen. Lebensnahe Beispiele etwa am Thema Lautstörungen — Herr B. konnte wegen Hirnschlags nicht mehr richtig sprechen — machen die Ziele und Aufgaben der Linguistik konkreter. Dadurch, dass zentrale Begriffe (Phonem, Morphem, Syntax etc.) in den Text mit einfließen, tritt der Lehrbuchcharakter zu Gunsten einer flüssigen Lesbarkeit in den Hintergrund - was den Leser allerdings nicht davon entbindet, sich gegebenenfalls an anderer Stelle mit diesen zentralen Aspekten auseinanderzusetzen. Bekannte Linguisten wie Chomsky und Jakobson werden nicht nur namentlich genannt, sondern sind wichtige Eckpfeiler dieses Kapitels.

Im weiteren Verlauf wird das "Sprachgefühl zur Wissenschaft" diskutiert, welches den Anspruch erhebt, eine "Wissenschaftstheorie für Anfänger" zu sein. Meines Erachtens ist Geiers Wissen an dieser Stelle sehr geballt und kann erschlagend wirken, obwohl dieses vierte Kapitel in sehr viele kleine Teilgebiete gegliedert ist. Zusätzliche Informationen werden benötigt.

Im letzten Kapitel werden die Hauptströmungen der Sprachwissenschaft aufgezeigt und verdeutlicht. Jakobson, dessen Name in dem ganzen Buch wiederholt auftaucht, wird vorgestellt, indem seine Lebensgeschichte skizziert wird. Hiermit findet das Buch einen gelungenen Abschluss.

Das Buch ist lesenswert und ermöglicht den zu Beginn angesprochenen Zielgruppen einen guten Einstieg in die Problematik. An einigen Stellen können Schüler/innen möglicherweise Schwierigkeiten bekommen: wessen Gedankenkonstrukt sollen sie folgen? Doch die versprochene Orientierung erhalten sie, soweit das bei der Komplexität der Linguistik überhaupt möglich ist. Durch gute Beispiele und den Verzicht auf unnötige Fremdwörter wird Verunsicherungen und Verständnisproblemen weitestgehend vorgebeugt. Insgesamt wird der Inhalt plausibel und nachvollziehbar vermittelt. Für Studenten/innen eignet sich das Buch ideal zur Vertiefung, soweit sie mit der Thematik der Linguistik schon etwas vertraut sind.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Julia Schlichting. Jahr: 2000

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