Orientierung Linguistik. Was sie kann, was sie will

Geier, Manfred

Reinbek: rororo 1998

Mit dieser Orientierungsgrundlage stellt Manfred Geier Voraussetzungen, Methoden und verschiedene Forschungsparadigmen im breiten Feld der Linguistik vor. Die verschiedenen Ansätze werden, auch unter Rückbezug auf zugrundeliegende Traditionen, in ihrer Vielfalt einander gegenübergestellt und diskutiert, so daß sich dem Leser ein Überblick über das sprachwissenschaftliche Studium eröffnet. Im Anhang werden viele nützliche Tips, Adressen, weiterführende Literaturhinweise, Informationen und Informationsquellen rund um das Thema Studium und Beruf präsentiert.

Das Buch richtet sich an Schüler, die ein sprachwissenschaftliches Studium in Erwägung ziehen, an Studienanfänger und bereits Studierende, die sich orientieren und ihr Wissen ordnen bzw. vertiefen wollen, und an all jene, die sich für das Phänomen Sprache interessieren.

Nach der kurzen Einleitung im Vorwort wird im ersten Kapitel das Thema "Sprachwissenschaft als Studienfach" behandelt. Zunächst werden das Fach und sein Erkenntnisinteresse kurz vorgestellt und seine Legitimationskrise thematisiert, bevor Lehrangebote und Lernanforderungen dargestellt werden. Außer allgemeinen Fragen der Organisation und des Aufbaus des Studiums wird auch die geschichtliche Entwicklung des Faches skizziert. Außerdem finden sich hier bereits Verweise auf die Klassiker der Linguistik.

Auf einen dieser wichtigen und für die Sprachwissenschaft immer noch grundlegenden Vertreter geht Geier im zweiten Kapitel ("Wie Ferdinand de Saussure die Linguistik begründet hat") näher ein, um anhand dessen in Grundfragen, Ziele und Arbeitsweisen der Linguistik einzuführen. Einschlägige Begriffe der Saussureschen Terminologie (langue vs. parole; Synchronie vs. Diachronie; das bilaterale Zeichenmodell etc.) werden eingeführt, und die revolutionäre Wirkung und epochale Bedeutung des "Cours de Linguistique Génerale" wird herausgestellt, indem er in einen wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt wird und aufgezeigt wird, daß Saussures Betrachtung der Sprache als System von Zeichen eine Umwälzung der gesamten Sprachwissenschaft zur Folge hatte, die bis heute nachwirkt.

Im dritten Kapitel "Womit sich die Sprachwissenschaft beschäftigt" stellt der Verfasser ausgewählte linguistische Probleme und ihre Lösungen vor und bezieht sich dabei immer wieder auf Saussures Begriffe. Die dargestellten Probleme geben ein breites Spektrum der Arbeitsgebiete wieder, welche von aphasischen Störungen und Problemen im Sprachgebrauch über poetische und textuelle Fragen bis hin zum Bereich Computer und Internet reichen (um nur einige wenige zu nennen). Hierbei werden auch grundlegende Fachausdrücke und die zugehörigen Theoretiker vorgestellt.

Das vierte Kapitel "Vom Sprachgefühl zur Sprachwissenschaft - Wissenschaftstheorie für Anfänger" behandelt allgemeine wissenschaftstheoretische Aspekte, d.h. die Voraussetzungen und Prinzipien, die der Linguistik als Erfahrungswissenschaft zugrundeliegen. Die im dritten Unterpunkt vorgestellte Forderung eines Methodenpluralismus (Paul Feyerabend) zeigt, daß es die einzig wahre, für alle Fragestellungen verbindliche Methode nicht geben kann. Innerhalb dieses Spielraums des "Anything goes" gibt es jedoch einige charakteristische Verfahrensweisen, die im Anschluß erörtert werden.

Die in den vorhergehenden Kapiteln bereits erwähnten unterschiedlichen linguistischen Ansätze und ihre Vertreter werden im fünften Kapitel unter dem Titel "Hauptströmungen der Sprachwissenschaft" mit Bezug auf die historische Entwicklung in unterschiedlichen Ländern vorgestellt. Dabei wird deutlich, wie sich unterschiedliche Forschungsprogramme etabliert und Paradigmenwechsel stattgefunden haben - von den traditionellen griechisch-römischen Grammatikern über Wilhelm von Humboldt, Saussure und den europäischen Strukturalismus, die amerikanische Linguistik mit Edward Sapir, Leonard Bloomfield und Noam Chomsky, die kulturhistorische Entwicklungstheorie bis hin zu einer linguistischen Pragmatik (John Searle, Karl Bühler). Im Anschluß an diese Einführungen werden unter dem Titel "Interdisziplinäre Linguistik" die sog. Bindestrich-Linguistiken kurz charakterisiert (z.B. Gesprächs-, Text-, Psycho-, Sozio-, Historio-, Bio-Linguistik...) , wobei deutlich wird, daß sich das Phänomen Sprache in sehr vielen verschiedenen Formen zeigt, denen sich die Linguistik als eine in sich differenzierte Disziplin zuwendet.

Dieses Fazit greift Geier in seinem Nachwort auf, in welchem er auch darauf hinweist, daß das Studium gewissen äußerlichen Bedingungen unterliegt wie z.B. Ausstattung der Fachbereiche, Gestaltung der Studienordnung und eigenen Schwerpunktsetzungen, die je nach Universität stark variieren können. Trotz des gängigen Tones der Klage sieht der Autor das Thema Studium optimistisch und mit Zuversicht und ermutigt jeden, der sich wissenschaftlich mit Sprache auseinandersetzen will und sich ernsthaft für das Studium der Linguistik interessiert, dieses Fach zu studieren.

Im sehr informativen und reichen Anhang findet der Leser nützliche Literaturhinweise zu diversen Themen, wie z.B. Studienführer, linguistische Fachwörterbücher und Nachschlagewerke, Grammatiken, Fachzeitschriften etc. mit jeweils kurzen Benutzungshinweisen. Schließlich werden mögliche Berufsfelder für Linguisten skizziert.

Manfred Geier behandelt in diesem Buch sehr viele verschiedene Aspekte, die er aber so aufbereitet, daß man nicht das Gefühl hat, in einem Strudel aus neuen, unverständlichen Termini zu ertrinken. Im Gegenteil: die einzelnen Kapitel sind untereinander verknüpft bzw. bauen schrittweise aufeinander auf, und es werden geschickte Übergänge gewählt. Der Autor weist immer wieder auf zuvor Beschriebenes zurück und faßt kurz zusammen. Auch wird immer wieder auf die zuvor eingeführten Grundbegriffe (langue - parole etc.) zurückgegriffen, so daß ein runder Eindruck entsteht und das Buch auch für Anfänger geeignet ist. Alle klassischen Ansätze, aber auch modernere, sehr interessante Gebiete werden gut lesbar und anregend vorgestellt. Hilfreich ist auch der ausführliche Anhang, der es erlaubt, den Stoff selbständig zu vertiefen und/oder andere Informationsquellen zu nutzen. Positiv zu bewerten ist die positive bzw. optimistische Grundeinstellung, die der Autor vertritt und die - gerade auf Studienanfänger - sehr ermutigend wirkt.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Agathe Galinski. Jahr: 2000

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