Orientierung Linguistik. Was sie kann, was sie will

Geier, Manfred

Reinbek: rororo 1998

 

Manfred Geier, Prof. Dr. phil., geboren 1943, ist seit 1982 als Sprach- und Literaturwissenschaftler an der Universität Hannover tätig. Sein 205 Seiten umfassendes Buch richtet sich an orientierungssuchende Schüler, Studenten und andere sprachwissenschaftlich Interessierte in einer angenehm allgemeinverständlichen Weise, indem er seine Kapitel durch Zitate diverser Linguisten und Philosophen einleitet und selbstaufgeworfene Fragen schrittweise gut nachvollziehbar erläutert und zu klären versucht.

Sein Buch gliedert sich in ein persönliches Vorwort zur Einleitung und fünf Kapitel, denen ein resümierendes Nachwort und ein umfangreicher Anhang mit ausführlichen Literaturhinweisen zur Orientierung folgen. Leitgedanke dieses Buches ist die Frage nach Sinn und Zweck von Sprache: Was ist Sprache, was kann sie, was will sie?

Im ersten Kapitel stellt Geier die Spektren der Sprache wie Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik u.a. in einem kurzen Abriss vor, weiter die unglaubliche Funktionalität des menschlichen Sprechapparats, durch den es uns möglich ist, bedeutungsvolle Zeichen hervorzubringen bis zur Entstehung ganzer Aussagen. Abschließend beschreibt Geier die geschichtliche Entwicklung von Sprachwissenschaft und die Bedeutung von Linguistik heute in Bildung, Ausbildung und Studium.

Ein Zitat des Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure leitet das zweite Kapitel ein, das sich eben mit de Saussure und dessen wissenschaftlichen Erkenntnissen, niedergeschrieben im "Cours de linguistique générale" (1916 posthum veröffentlicht ), befasst. Die wichtigsten Begriffe de Saussures ( faculté de langage - langue - parole / das bilaterale Zeichenmodell / Synchronie und Diachronie / syntagmatisch versus paradigmatisch) werden detailliert erklärt und an konkreten Beispielen festgemacht.

Im dritten Kapitel führt Geier den Leser in einige Gegenstände der Sprachwissenschaft ein. Er nennt z.B. aphasische Störungen, umreißt die sprachliche Konstruktion des überstrukturierten Poetischen und beschreibt beispielhaft den strukturellen Aufbau normaler Sprache, indem er den amerikanischen Linguisten Noam Chomsky und dessen Studien zu syntaktischen Strukturen mit den Begriffen Phonem und Morphem und deren Bedeutung für "unendliche[n] Gebrauch von unendlichen Mitteln" (S.63) anführt. Weitere Gegenstände ergeben sich u.a. aus Problemen mit Personalpronomen, Negationen, anderen Sprachen/ anderem Denken, Versprechern, Metaphern und Computerlinguistik. Auch in diesen Fällen zeigt Geier passende Beispiele auf, die das Verständnis erleichtern.

Im vierten Kapitel erörtert er die Differenz zwischen "linguistischer Unkenntnis" (S.108) und dem, "was der Sprecher wirklich kennt" (ebd.), das heißt, der Sprecher kann durch Sprache kommunizieren, weiß jedoch nicht zu beschreiben, wie seine Sprache funktioniert. Er kann sich also bewusst von jemandem unterscheiden, der unter einer sprachlichen Störung leidet, kann jedoch nicht definieren, weshalb. Hier setzt die Sprachwissenschaft an: "sie will augenscheinlich machen, worüber ein Sprecher nur verdeckt, unbewusst oder intuitiv Bescheid weiß" (S.108) und will Unbewusstes bewusst machen. Dazu stellt Geier die Lösungsansätze verschiedener Sprachwissenschaftler vor, mit der Erkenntnis, dass es keine allgemeingültige Methode zur Lösung des Problems gibt.

Im fünften Kapitel umreißt Geier die "Hauptströmungen der Sprachwissenschaft" (S.121) im historischen Wandel, Forschungsprogramme und Paradigmenwechsel, verweist auf wissenschaftliche Größen wie Humboldt, Kuhn, Chomsky und de Saussure in den Erläuterungen über die traditionelle Grammatik, den europäischen Strukturalismus bzw. die amerikanische Linguistik. Des weiteren stellt Geier die kulturhistorische Entwicklungstheorie und die interdisziplinäre Linguistik dar, die man hier in sechs verschiedenen Untergruppen finden kann.

Doch trotz aller dargestellten Ansätze, Disziplinen und Formen der Linguistik kommt Geier letztendlich betreffend der vorangestellten Leitfrage - was ist Sprache, was kann sie, was will sie - zu folgendem Schluss, den er in seinem Nachwort beschreibt: es gibt nicht die Sprachwissenschaft, sondern viele Ansätze und Theorien, die von Fall zu Fall variieren können und sich am Konkreten orientieren.

Derjenige also, der dieses Buch zur Orientierung wählen möchte, darf nicht auf eine einzig richtige, definitive Antwort auf unsere Leitfrage hoffen, sondern sollte sich der Fülle von sprachwissenschaftlichen Möglichkeiten im positiven Sinne gegenübersehen, deren Mittel durch Manfred Geier auf interessante und gut verständliche Art und Weise dargestellt werden.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Nicoline Westermann. Jahr: 2000

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