Ökolinguistik. Eine Einführung

Fill, Alwin

Tübingen: Gunter Narr Verlag 1993

Alwin Fills Buch versteht sich als eine Einführung in die Ökolinguistik. Diese ökologisch orientierte Sprachwissenschaft verbindet Linguistik mit der Anthropologie, Ethologie und Soziologie. Die Ökolinguistik betrachtet den Aspekt der Wechselwirkungen, so z.B. zwischen einzelnen Sprachen oder Wechselwirkungen, die durch die Sprache, zwischen Menschen oder Nationen entstehen. Die verschiedenen Bereiche dieser Linguistik der Wechselwirkungen werden in den Kapiteln im einzelnen vorgestellt. Außerdem wird versucht, die Ökolinguistik, vor allen Dingen im Vergleich zu anderen Bereichen der Sprachwissenschaft, darzustellen.

Kapitel 1 ("Grundlegung") versucht, die historische Entwicklung des Begriffes "Ökologie" bzw. "Ökolinguistik" und somit eine "Ökologie der Sprachen" darzustellen wie auch den Begriff zu definieren. In einigen Unterpunkten wird die Ökolinguistik verschiedenen Gebieten gegenübergestellt. Ökolinguistik wird mit der strukturalistischen und mit der historischen Sprachwissenschaft verglichen, hinzu kommt noch die Gegenüberstellung mit der Sprachkritik und der Pragmatik. Letzter Punkt dieses Kapitels ist eine kurze Darstellung der Teilgebiete der Ökolinguistik, die in den nachfolgenden Kapiteln ausführlich untersucht werden. Kapitel 2 ("Ökologie der Sprachen") untersucht die Wechselwirkungen zwischen Sprachen und Dialekten bei einzelnen Personen, aber auch von Sprachgemeinschaften, ebenso die Verdrängung von Sprachen oder deren Ausbreitung ("Weltsprachen"). Das 3.Kapitel ("Etholinguistik") betrachtet die Rolle der Sprache im menschlichen Verhalten, kurz die Sprachverwendung. Wichtigster Aspekt ist dabei die Sprache als Mittel zur Gemeinschaftsbildung bzw. Gemeinschaftserhaltung. Kapitel 4 ("Sprache und Konflikt") behandelt die Rolle der Sprache bei der Regelung und Dämpfung von Konflikten. Gegenstand des 5. Kapitels ("Sprache zwischen Gruppen") ist die Wirkung von Sprache in und auf Gruppen. Unterschiede bezüglich Alter, Geschlecht, Beruf, Religion, Nationalität etc., die sich sprachlich äußern, werden analysiert. Kapitel 6 ("Sprache, Mensch, Tier und Pflanze") gibt einen Überblick über die Rolle der Sprache beim Zusammenleben von Mensch, Tier und Pflanze. Als letztes Kapitel führt Fill eine "Schlußbetrachtung" auf, in der vor allem die Problematik ökologischen Denkens im Vordergrund steht. Zwar versucht der Mensch, durch ökologisches Handeln Umweltprobleme zu beseitigen, z.B. werden "umweltfreundliche" Müllverbrennungsanlagen gebaut, das Problem des stetig anwachsenden Müllberges wird so aber nicht behoben. Eine Folgenbekämpfung erfolgt ohne Ursachenbekämpfung. Ziel ökologischen Handelns wird es sein, "Lebensqualität" zu erhalten oder zu verbessern, und zwar ohne ständiges Wachstum. Nach Meinung Fills führt unser stetiges Streben nach Wachstum unausweichlich zu großen Schäden für den Menschen und die gesamte Natur.

Fills "Ökolinguistik" untersucht ein Gebiet der Sprachwissenschaft, das meiner Meinung nach viel zu selten im Mittelpunkt linguistischer Diskussionen steht. Die These, daß die Menschen nach ständigem Wachstum streben, um eine hohe Lebensqualität zu erlangen, kann nur bestätigt werden. Um unser Wohlbefinden zu befriedigen, sei es z.B. durch immer bessere Technik, die unser Leben leichter macht, wird die Natur systematisch ausgebeutet, um ein immer größer werdendes Wirtschaftspotential zu schaffen, das alle unsere Wünsche erfüllt. Ökologische Maßnahmen, die durch dieses Wachstumsstreben nötig werden, sind nur dann sinnvoll, wenn Folgenbekämpfung und Ursachenbekämpfung parallel erfolgen. Damit wird sichergestellt, daß sowohl die Folgen als auch die Ursachen langsam eliminiert werden. Die Entwicklung einer 'Ökolinguistik' ist nach Fill notwendig, um auf Gefahren, die durch ungezügeltes Wachstum entstehen, reagieren zu können (wenn auch mit einiger Verzögerung). Eine Evolution des Denkens ist somit der 'Ökolinguistik' immanent und kann nur durch Lehre und Kommunikation erfolgen, also durch Sprache im weitesten Sinne.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Martina Eichmann. Jahr: 1996

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