Neue Perspektiven in der Erforschung der Sprache

Lenneberg, Eric H.

Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 1972

 

In diesem Band, der auf ein 1963 in Washington abgehaltenes Symposium zurückgeht, geben ausgewählte amerikanische und englische Wissenschaftler einen Querschnitt durch die Sprachforschung der 60er Jahre unseres Jahrhunderts.

Die einzelnen Beiträge lassen sich in zwei Kategorien einordnen. Die ersten fünf der insgesamt sieben Artikel entstanden anläßlich des erwähnten Symposiums, während die letzten beiden Aufsätze im Rahmen anderer Symposien vorgestellt wurden. In den Artikeln 1 bis 5 wird, unter Einbeziehung der Forschungsgebiete Reifung, Sozialanthropologie, Humanbiologie und experimentelle Psychologie, ein weiter Bereich sprachbezogener Probleme aufgezeigt. Mit einem wichtigen Gebiet der Sprachpsychologie, nämlich dem primären Erwerb von Sprechen und Sprache, beschäftigen sich speziell die Artikel 6 und 7. Das Ergebnis des Buches ist die Charakterisierung der wichtigen neuen Tendenzen um die Mitte unseres Jahrhunderts.

Leonard Carmichael (National Geographic Society, Washington, D.C.) widmet sich in seinem Aufsatz "Das frühe Wachstum der Sprachfähigkeit beim Individuum" zunächst der Frühphase der Sprachmechanismen beim Individuum. Dabei reduziert er den Begriff ,Kommunikation‘ nicht nur auf die Äußerung von bedeutungstragenden Wörtern, was von vielen Linguisten als erstes menschliches Sprechen definiert wird, sondern er versucht darüber hinaus, die Ontogenese der Entwicklungsstufen, die vor dieser Äußerung liegen, zurückzuverfolgen. Dabei kommt auch dem Geburtsschrei eine bedeutende Rolle zu. Aus seinen Beobachtungen schließt Carmichael, daß bei einem normalen menschlichen Kind die Benutzung bedeutungstragender Wörter auf eine fortdauernde Reifung der spezifischen Sprachmechanismen zurückzuführen ist.

Unter dem Titel "Anthropologische Aspekte der Sprache: Tierkategorien und Schimpfwörter" setzt sich Edmund Leach (Universität Cambridge, England) mit dem Tabu in der Sprache und beim Verhalten auseinander. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt er nicht nur Beziehungen zwischen Eßbarkeit und sozialer Bewertung der Tiere auf, sondern widmet sich auch ausführlich dem Thema "Tabu und die Distinktheit der benennbaren Kategorien". Verblüffende Verbindungen zwischen Tiernamen und Nahrungsmittelnamen im Englischen deckt er ebenso auf wie zwischen Nahrungs- und Verwandtschaftsbezeichnungen sowie zwischen Tierschimpfwörtern und Eßgewohnheiten. Abschließend festigt ein außereuropäisches Beispiel, nämlich ein Wortspiel in einer tibetisch-birmesischen Sprache, sein Ergebnis von den unvermuteten Zusammenhängen zwischen Sprache und menschlichem Verhalten.

Der Herausgeber Eric H. Lenneberg (Harvard Universität) betrachtet die "Sprache in biologischer Sicht". Die Annahme, daß spezifische biologische Bedingungen für unseren Spracherwerb notwendig sind, begründet er u.a. mit einem Zeitplan der Entwicklung. Die Einzigartigkeit charakteristischer Merkmale sowie genetische Grundlagen sind weitere Bereiche, die er in seinem Aufsatz anspricht. Eine besondere Bedeutung kommt der Abhängigkeit von Spracherwerb und Intelligenz im Zusammenhang mit dem Gehirngewicht im Vergleich zum Körpergewicht zu. Lenneberg nimmt an, daß die Basis für das Sprachvermögen genetisch vermittelt ist. Er weist die Ansicht zurück, derzufolge die menschliche Fähigkeit, Sprache zu erwerben, auf ein Anwachsen der Intelligenz oder des Gehirngewichts zurückzuführen sei. Vielmehr scheint es, als ob Sprache auf bisher unbekannten artspezifischen biologischen Fähigkeiten beruht.

George A. Miller (Harvard Universität) setzt sich mit "Sprache und Psychologie" auseinander. Sein Artikel zeigt, wie Psychologen damals auf der syntaktischen, semantischen und pragmatischen Ebene zu arbeiten begannen. In Anlehnung an pragmatische Untersuchungen zeigt er generelle Phänomene, die Psycholinguisten bei ihren Experimenten entdeckt haben. Als Beispiel läßt sich hier der für die Menschen weitaus schwierigere Umgang mit negativen Fällen von Begriffen im Gegensatz zu den entsprechenden positiven Fällen nennen.

Frieda Goldmann Eisler (University College, London) macht in ihrem Aufsatz "Diskussion und weitere Kommentare" deutlich, daß für sie Erklärungen für den Sprachgebrauch, die ausschließlich auf Stimulus-Response-Assoziationen beruhen, nicht länger haltbar sind. Sie differenziert klar zwischen Sprachen, die der Kommunikation unter Tieren dienen, und dem menschlichen Sprechen. Eisler erklärt die dynamische Beziehung zwischen Gehirnprozessen und Sprechsituation und arbeitet einen experimentellen Ansatz zur Behandlung psycholinguistischer Probleme heraus.

Die Gemeinschaftsarbeit von Roger Brown und Ursula Bellugi (Harvard Universität) widmet sich dem Thema "Drei Prozesse beim Erwerb der Syntax durch das Kind". Ein Experiment mit zwei Kindern zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Sprachentwicklung. Nachahmung in Verbindung mit dem Gebrauch und der Reduktion von Inhaltswörtern und Funktoren, Nachahmung in Verbindung mit Erweiterung durch eine erwachsene Person (hier die Mutter) und die Erschließung der latenten Struktur sind Inhalt dieser Prozesse. Als Ergebnis ihrer Untersuchung stellt sich heraus, daß die Entwicklung der allgemeinen Struktur der Kindersprache in einer progressiven Differenzierung im Gebrauch der Wörter und somit in einer progressiven Differenzierung syntaktischer Klassen besteht.

"Nachahmung und Strukturveränderung in der Kindersprache" von Susan M. Ervin (Universität von Kalifornien, Berkeley) ist der Titel des letzten Aufsatzes. Bei einem Experiment möchte die Wissenschaftlerin die Frage klären, ob sich nachgeahmte Äußerungen grammatikalisch von freien Äußerungen unterscheiden, und wenn ja, ob sie dann grammatikalisch weiter fortgeschritten sind. Die Untersuchung mit fünf Kindern zeigt u.a., daß sich das Verstehen unabhängig von den Äußerungen entwickeln kann sowie daß es neben spontanen Nachahmungen auch über einen längeren Zeitraum hinweg nachgeahmte Äußerungen gibt. Anhand zahlreicher Experimente, bei denen u.a. der Umgang mit Pluralformen, Imperfektformen und anderen grammatikalischen Unregelmäßigkeiten beobachtet wurde, gelangt Ervin schließlich zu dem Ergebnis, daß, wenn man eine Untersuchung mit fünf Kindern als verläßliche Basis ansehen kann, Nachahmungen unter den optimalen Bedingungen nicht grammatikalisch progressiv sind. Dennoch streitet sie deren Wichtigkeit in der kindlichen Sprachentwicklung nicht ab.

Die Aufsätze geben einen weiten Überblick über unterschiedliche Wissenschaftsbereiche der Linguistik. Wenn auch die Ergebnisse z.T. nicht mehr auf dem neusten Stand sind, so erhält man als Leser doch einen Einblick in den Wissensstand der 60er Jahre unseres Jahrhunderts. Durch die Vielzahl der behandelten Themen ist der Band ideal für den Einstieg in die einzelnen Bereiche der Linguistik. Zahlreiche Diagramme, Tabellen, Beispiele und Experimente machen diesen Band nicht nur anschaulich und leichter verständlich, sondern gliedern die Theorie in einen praxisorientierten Zusammenhang ein. Die Untersuchungen sowie deren Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf die englische Sprache, was einem Linguisten, der sich in erster Linie mit der deutschen Sprache beschäftigt, negativ erscheinen mag. Jedoch lassen sich in den meisten Fällen Parallelen von den englischen Beispielen zur deutschen Sprache ziehen. Kurzweilig und unterhaltsam geschrieben wird das Buch zu einem Lesevergnügen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Ute Güttel. Jahr: 1997

Zurück