Methoden der Sprachwissenschaft

Bartschat, Brigitte

Berlin: Erich Schmidt Verlag 1996 (188 S.)

 

Brigitte Bartschat lehrt seit vielen Jahren die Geschichte der Sprachwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Leipzig. Das vorliegende Buch soll dem Leser einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung der Sprachwissenschaft und deren wichtigste Vertreter bieten. Dadurch soll der Leser besser mit den gegenwärtigen sprachwissenschaftlichen Prozessen umgehen können. Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, wobei die ersten sechs Kapitel nach dem gleichen Schema gegliedert sind: die Autorin stellt zunächst die Biographie der Hauptvertreter der jeweiligen sprachwissenschaftlichen Richtung vor und führt danach die Inhalte dieser Schule auf. Am Ende des betreffenden Kapitels wertet sie die Wirkung dieser Schule auf die damalige sowie heutige Zeit aus.

Im ersten Kapitel stellt Bartschat die Junggrammatische Schule, eine Vereinigung damals junger Wissenschaftler aus Leipzig, vor. Brugmann, Paul, Osthoff und Leskien waren die Begründer dieser sprachwissenschaftlichen Schule des 19. Jahrhunderts. Jacob Grimm und August Schleicher beeinflußten mit ihren Theorien deren Werke. Grimm setzte die wissenschaftliche Grammatik mit der historischen Grammatik gleich. Schleicher empfand die Sprache als einen Organismus. Die Junggrammatiker hingegen betrachteten die Sprache nicht als Organismus, sondern als psychophysische Tätigkeit. Ihre Forschungen beziehen sich von den aktuellen Sprachen als Ausgangbasis zurück auf die alten Sprachen. Hierbei widmen sich die Junggrammatiker vor allem den Lautgesetzen und der Analogiewirkung. Außerdem orientieren sie sich an den Ergebnissen anderer Wissenschaften wie der Biologie und der Physik.

Im nächsten Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit dem bedeutenden Sprachwissenschaftler Jan Baudouin de Courtenay. Baudouin gilt als Wegbereiter der Linguistik des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Forschungsgebieten gehörten unter anderem die Phonetik, Morphologie, Syntax, Lexikologie, Etymologie sowie die Kindersprache und die Welthilfssprachenproblematik. Baudouin zählt zu den Mitbegründern der Junggrammatischen Schule, doch aufgrund seiner umfangreichen Vielfalt an Forschungsgebieten ist es schwer, ihn einer bestimmten Schule zuzuordnen. Er betrachtete Sprache als Tätigkeit, deren Funktionen zu erforschen waren.

Das dritte Kapitel gibt eine Übersicht über Ferdinand de Saussures wissenschaftliches Werk. Im Gegensatz zu Baudouins Theorien wurden Saussures heute noch gelesenen Arbeiten nicht von ihm selbst, sondern durch seine ehemaligen Studenten anhand von Vorlesungsnachschriften des "Cours de linguistique générale" nach seinem Tod veröffentlicht. In diesem "Cours" grenzte Saussure die Begriffe "langage", "langue" und "parole" voneinander ab, um zu begründen, daß die Linguistik sich ausschließlich der "langue" zu widmen habe. Er sah nämlich eine wichtige Aufgabe der Sprachwissenschaft darin, sich von den anderen Wissenschaften abzugrenzen und als eine selbstständige Disziplin zu begründen. Die menschliche Sprache im allgemeinen zählte für ihn nicht mehr zur Sprachwissenschaft, da sie Gegenstand verschiedener Wissenschaften ist.

Im vierten Kapitel beschäftigt sich Bartschat mit dem Prager Linguistenkreis. Baudouins Gedanken beeinflußten diese Richtung so sehr, dass sie sich wie Baudouin von dem historisch- vergleichenden Paradigma der Junggrammatiker lösten. Sie griffen auch Saussures Auffassung der Sprache als Zeichensystem auf, berücksichtigten jedoch auch die parole-Ereignisse, die Saussure ja ausgegrenzt hatte. Das Theorieverständnis dieser Schule war sehr praxisorientiert und richtete sich außerdem nach den funktionalistischen Sprachschichten und deren Beziehungen.

Im fünften Kapitel behandelt Bartschat die Themen der Glossematik des Kopenhagener Strukturalismus. Die Glossematik war sehr strukturell und theoretisch ausgerichtet und galt als Mischung zwischen der Semiotik und der Wissenschaftstheorie unter starkem mathematischem Einfluss. Begründer waren Hjelmslev und Uldall.

Das sechste Kapitel widmet sich der US-amerikanischen deskriptiven Linguistik des 20. Jahrhunderts. Zu deren Begründern gehören Boas, Sapir und Bloomfield. Franz Boas brachte das Handbuch der Indianersprachen heraus. Zu seinen Hauptgedanken gehörte, dass es keine rückständigen Völker und Sprachen gibt und dass man die traditionellen Sprachmethoden nicht auf die Sprachen der nordamerikanischen Indianer übertragen darf, da diese Sprachen andere grammatische Strukturen als die europäischen Sprachen aufweisen. Von dem starken Praxisbezug dieser Richtung (IC-Analyse, sprachwissenschaftliche Feldarbeit) profitiert der heutige Fremdsprachenunterricht in großem Maße.

Das siebte Kapitel bietet einen Vergleich der bisher vorgestellten sprachwissenschaftlichen Richtungen. Im letzten Kapitel stellt Bartschat den bedeutenden Sprachwissenschaftler Noam Chomsky und dessen Transformationsmodell vor. Innerhalb dieses Modells untersucht Chomsky die Tiefen- und Oberflächenstruktur des Satzes. Die Tiefenstruktur bezeichnet den inneren Gehalt des Satzes und die Oberflächenstruktur den äußeren Satzbau. Beim Sprechen wird die Tiefenstruktur des Satzes in die Oberflächenstruktur transformiert. Chomsky berücksichtigt besonders die kognitive Sprachfähigkeit des Menschen und bezeichnet das Wissen eines Menschen über die Sprachregeln als Kompetenz und die Anwendung dieser Regeln, also die Erzeugung von Sätzen, als Performanz. Vor allem durch die Berücksichtigung der kognitiven Sprachfähigkeit unterscheidet sich Chomsky von den anderen Sprachtheorien und erweitert somit das Aufgabenfeld der Sprachwissenschaft.

Der Autorin gelingt es, die komplexen Theorien der genannten Schulen auf verständliche Weise vorzustellen. Sie gibt dem Leser eine allgemeine Übersicht über die wichtigsten Gedanken dieser sprachwissenschaftlichen Richtungen und bietet am Ende der Kapitel jeweils eine Liste weiterführender Literatur an. Daher ist das Buch für Studienbeginner sehr empfehlenswert.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Sonia Grimm. Jahr: 2001

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