Marx und Engels in der DDR-Linguistik: zur Herausbildung einer "marxistisch-leninistischen Sprachtheorie"

Wurche, Jens

Frankfurt am Main: Lang 1999

 

Grundlage des Buches bildet eine Magisterarbeit, die im Dezember 1997 bei Prof. Ernst Erich Metzler am Institut für Deutsche Sprache und Literatur II der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main eingereicht worden ist. Es handelt sich folglich um eine sehr wissenschaftliche Ausführung, deren Anliegen es ist, den Einfluß von Karl Marx und Friedrich Engels auf die DDR-Linguistik zu beleuchten. Themen sind hierbei sowohl der direkte Einfluß verschiedener Schriften der „Klassiker“ (Marx und Engels) als auch parteiideologische Vorgaben der SED, die DDR-Linguisten dazu brachten, sich mit der Herausbildung einer „marxistisch-leninistischen Sprachtheorie“ zu befassen.
Das Buch enthält zwei Teile, von denen sich der erste den Grundlagen der Sprache nach Marx und Engels widmet. So wird Sprache in verschiedenen Abschnitten in Relation gesetzt zu Klassenverhältnissen, zum Denken, zu Ideologie etc., um nur einige Beispiele zu nennen. Der zweite Teil befaßt sich durch Rückgriff auf die Grundlagen mit verschiedenen Wissenschaftsepochen der DDR-Geschichte, so z.B. mit der Zeit der Herausbildung der Kaderlinguistik, der Zeit kurz vor und kurz nach dem Untergang der DDR etc. Außerdem werden zwei Ansätze zur Herausbildung einer „marxistisch-leninistischen Sprachtheorie“, der Neumannsche und der Hartungsche, gegenübergestellt und kritisch analysiert.

Die Argumentationsführung des Autors baut auf dem ersten Teil des Buches, den Grundlagen, auf und untersucht anhand von Zitaten diverser DDR-Linguisten, ob diese einerseits eine richtige Interpretation der „Klassiker“ vorgenommen haben und ob andererseits sich die verschiedenen Aussagen und Auffassungen mit dem decken, was die Partei, also die SED, mit ihrer Aufforderung zur Herausbildung einer „marxistisch-leninistischen Sprachtheorie“ forderte. Der Autor stellt die Urheber dieser Aussagen dabei in ihrem historisch-politischen Kontext dar und erläutert ihre Aussagen anhand von Zitaten, die er denen der „Klassiker“ aus dem ersten Kapitel gegenüberstellt. Wurche selbst betrachtet die Forderung der SED nach einer zumindest vorläufig geltenden Sprachtheorie durch den Versuch Neumanns zwar als erfüllt, hält diese aber für die DDR insgesamt für mißlungen.

Aufgrund des wissenschaftlichen Charakters des Buches ist es nur für denjenigen interessant, der sich sowohl in der Fachtermini der Sprachwissenschaft als auch in der der Marx-Engels-Theorie bzw- Ideologie auskennt. Der Autor gibt wenig Erläuterungen zu seinen Ausführungen und setzt voraus, daß sich der Leser mit dem „historischen Materialismus“ genauso gut auskennt wie mit Saussures Unterscheidung von „langue“ und „parole“. Aufgrund dessen und aufgrund der vielen Zitate verschiedener DDR-Linguisten fällt es dem Laien auf diesem Gebiet oft schwer, den Ausführungen des Autors problemlos zu folgen. Die Parteiideologie der SED und der historische Kontext werden gut veranschaulicht, insgesamt ist es aber ein Buch, das sehr viel Zeit und Konzentration in Anspruch nimmt und somit nur dem interessierten und fachlich versierten Leser zu empfehlen ist.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Nina Haubrock. Jahr: 2001

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