Linguistik und Literaturwissenschaft

Spillner, Bernd

Stuttgart: Kohlhammer 1974

 

Auf 147 Seiten gibt der Autor einen allgemeinen Überblick über die Linguistik und Literaturwissenschaft und baut dies auf der Stilforschung, Rhetorik und Textlinguistik auf. Er tritt für eine stärker integrierte Analyse dieser Forschungsbereiche ein, im Gegensatz zu der historisch begründeten getrennten Betrachtung.

Das Buch ist in 12 Kapitel unterteilt und umfaßt zusätzlich einen Anmerkungsteil, Bibliographie und Literaturverzeichnis.

Im ersten Kapitel "Linguistik und Literaturwissenschaft" stellt der Autor ein Forschungsprogramm einer künftigen Literaturwissenschaft auf linguistischer Grundlage dar, die Stilforschung, Rhetorik und Literaturtheorie umfaßt.

Im zweiten Kapitel "Stil; Stiltheorie; Stilforschung; Stilanalyse" zeigt er, daß es bis heute keine einheitliche Definition von Stil gibt. Er sagt, daß man die Termini Stiltheorie, Stilforschung und Stilanalyse nicht mit der häufig gebrauchten Bezeichnung Stilistik verwechseln dürfe. Er analysiert auch die Beziehungen zwischen Stiltheorie und Stilforschung, Linguistik und Literaturwissenschaft sowie ihren Komponenten.

Das dritte Kapitel "Stil als linguistische Kategorie" ist in vier Teile unterteilt.

  • Der Autor definiert die Begriffe "langue" und "parole".
  • Er sagt, daß sich aus einem Regelsystem eine generative Grammatik ergebe.
  • Die generative Semantik könne man durch Einbeziehung pragmatischer oder textlinguistischer Kriterien semantisch differenzieren.
  • Das Problem der Synonymie sei in der Linguistik ungelöst und umstritten, auch das Paraphraseproblem sei in der Semantik noch weit von einer Lösung entfernt.

Im vierten Kapitel "Stilkonzeptionen und ihre Relevanz für die Literaturwissenschaft" werden die verschiedenen Ausprägungen von Stil vorgestellt, z. B. Stil als textimmanentes Phänomen, Stil als rhetorische Ausarbeitung und ästhetische Beigabe, Stil als Affektivität und Konnotation, Stil als Auswahl etc.

Das fünfte Kapitel behandelt "Stiltheorie: Text und Stil im Kommunikationsprozeß".

Innerhalb der Stiltheorie werden Text und Stil im Kommunikationsprozeß behandelt. Der Haupteinwand gegen die dargestellten Stilkonzeptionen ist, daß sie nicht umfassend genug seien, sondern jeweils nur einen Teilbereich dessen erklärten, was intuitiv vom Leser als Stil aufgefaßt werde und was von der Literaturwissenschaft zu Recht als stilistisch relevant angesehen werde. Der Stil literarischer Texte könne dabei im Verein mit regionalen, dialektalen, sozialen Varianten etc. beschrieben und zu pragmatischen Kategorien der Kommunikationssituation in Beziehung gesetzt werden. Die Einstellung auf den Kontext heißt referentielle Funktion; sie ist bei vielen Nachrichten dominierend. Die auf den Sender bezogene emotive Funktion versucht den Eindruck von — wirklichen oder vorgegebenen — Gefühlen hervorzurufen. Die Problematik der rein linguistisch fundierten Arbeiten zur Poetik beruht u.a. auf dem "Rückzug von der sprachlichen Kommunikation auf die Regeln des Sprachsystems". Man kann daher nur zustimmen, wenn sie das "Scheitern einer autonomen linguistischen Poetik" konstatiert.

Im sechsten Kapitel "Aufgaben der Stilforschung" wird am Beispiel der Gewichtung von Stilmerkmalen auf die Zusammenarbeit der Linguistik mit der Literaturwissenschaft bei der Analyse des Stils literarischer Texte hingewiesen. In literaturwissenschaftlicher Sicht können auch Einzelaspekte der literarischen Kommunikation von besonderem Interesse sein, z.B. die historisch-pragmatische Determination der Auswahl des Autors, die stilistischen Kontraste im Verhältnis zur normativen Stilistik, die Abhängigkeit der Stilmerkmale von der Textsorte, die Wirkung der Stileffekte im Rezeptionsprozeß. Die Stilforschung hat also die genauen Ziele der Stilanalyse zu fixieren und die dafür geeigneten Analysemethoden auszuwählen.

Im siebten Kapitel "Methoden der Stilanalyse" führt der Autor aus, daß die Grundlage jeder Interpretation durch operationalisierbare Analysemethoden gewonnen werden sollte. Besonders geht er dabei auf das Vorgehen von Leo Spitzer und Adelson ein.

Das achte Kapitel "Linguistik und Rhetorik" zeigt, daß in einer chronologisch angelegten Darstellung der die Sprachwissenschaft und die Literaturwissenschaft verbindenden Bereiche die Rhetorik an erster Stelle hätte stehen müssen. Herkömmlicherweise wird die Textproduktion in der Rhetorik in fünf sachlich aufeinanderfolgenden Stufen, den "partes artis", abgehandelt:

1.Inventio, 2. Dispositio, 3. Elocutio, 4. Memoria, 5. Pronuntiatio. Der Autor stellt fest, daß es eine lohnende Aufgabe sein dürfte zu überprüfen, welche Komponenten der rhetorischen Lehre sinnvoll für die Linguistik verwendbar sind und — umgekehrt - welche der Kategorien des rhetorischen Instrumentariums mit den Methoden der Linguistik exakt neu definiert werden können.

Im neunten Kapitel "Rhetorik und Stiltheorie" wird dargestellt, daß die Rhetorik traditionell pragmatische Kategorien der Textproduktion mit einbezieht. Eine besondere Rolle spielen dabei die Effekte und Wirkungen der Rede auf den Adressaten. Die Integrierbarkeit rhetorischer Kategorien steht aber ebenso wie die empirische Erforschung der Wirkung von Stileffekten auf Leser noch weitgehend aus. Man könnte rhetorischen Schmuck und rhetorische Ausarbeitung als Abweichung von der sprachlichen Norm verstehen und zur Abweichungsstilistik gelangen.

Das Hauptinteresse, das der Rhetorik von der Stilforschung traditionell entgegengebracht wird, gilt dem rhetorischen System der Figuren und Tropen, die sprachliche Muster sind, mit denen ein Autor potentiell textuelle Kontraste und Kongruenzen erzielen kann, die auch für Stiltheorie und Stilanalyse sehr bedeutsam sind.

Das zehnte Kapitel "Rhetorik in der literaturwissenschaftlichen Textanalyse" beschreibt, welche wichtige Rolle für die Literaturwissenschaft die von Curtius neubelebte rhetorische Topik spielt.

Bei der literaturwissenschaftlichen Textanalyse und speziell bei der Stilanalyse ist es natürlich erforderlich, solche Vorschriften der zeitgenössischen normativen Rhetorik und den Grad ihrer Autorität für die Verfasser literarischer Texte zu kennen. Somit kann die Rhetorik als ein System von Anweisungen zur Textproduktion verstanden werden.

Das elfte Kapitel zeigt die Entwicklung der "Textgrammatik — Textlinguistik — Texttheorie". Als Ergebnis hält der Autor fest, daß im Gegensatz zu textinternen Definitionen, die den Text aus seinen Konstituenten zu bestimmen versuchen, Texte in neueren texttheoretischen Ansätzen auf die kommunikative Situation und ihre pragmatischen Implikationen bezogen und etwa als "sozio-kommunikativ funktionierende, geäußerte Sprachzeichenmengen" verstanden werden.

Das zwölfte und letzte Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema "Textlinguistik — Narrativik — linguistische Poetik". Der Autor resümiert, daß ein Desiderat die funktionale Verbindung von textlinguistischen Beschreibungen mit den Ergebnissen der Stilanalyse, eines Tages möglicherweise die Vereinigung solcher Ansätze in einer homogenen Textanalyse sei. Hierzu bedürfe es aber einer heute noch nicht zu leistenden Synthese aus Verfahren und theoretischen Modellen der Textlinguistik und Texttheorie, der Stiltheorie und Stilforschung und dem in der Rhetorik niedergelegten System von Kategorien und Regeln.

Insgesamt baut Spillner seine Argumentation auf Textbeispielen und der Darstellung der Ideen und Argumentationen anderer Autoren auf. Der Leser erhält eine klare Vorstellung der Bedeutung und des Zusammenhangs zwischen den verwendeten Begriffen. Ansonsten war das Buch grauenvoll langweilig.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Montserrat Torrent Rando. Jahr: 2000

Zurück