Linguistik der Lüge

Weinrich, Harald

4. Aufl. Heidelberg: Lambert Schneider 1970

 

Die elf Teile des Buches gehen der Frage nach, wie man lügt, wann man lügt und mit welchen "Hilfsmitteln" der Mensch lügt.

Im ersten Teil wird die Lüge im Kontext der Sprache behandelt. Nach Weinrich soll die Sprache des Menschen seine Gedankengänge, Gefühle, Abneigungen etc. aufzeigen und nicht durch eine Lüge verbergen. Allerdings wird bei bestimmten Berufsgruppen die Lüge als solche vorausgesetzt, z.B. bei Politikern, Diplomaten und sogar Journalisten. Die Lüge gehört einfach zum Berufsleben.

Der Sprachwissenschaftler Friedrich Kainz ist der Meinung, dass "alle Lügen sprachliche Ausssagen sind und folglich zum großen Bereich der Sprache gehören." (S. 12) Er gibt auch zu bedenken, daß zu den sprachlichen Lügen Hyperbeln, Ellipsen, Ironie etc. gehören – freilich nur, wenn man es ganz genau nimmt. Der Wahrheit bleibt, wie man sieht, nicht mehr viel Spielraum.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, wie man lügt. Hierzu gibt es die "Vier Hauptsätze der Semantik". Sie lauten: (1) Jede Bedeutung ist weitgespannt. (2) Jede Bedeutung ist vage. (3) Jede Bedeutung ist sozial. (4) Jede Bedeutung ist abstrakt. Natürlich kann man diese Sätze nicht trennen, denn wenn die Bedeutung eines Satzes weitgespannt ist, ist er auch nur vage zu verstehen. Zu diesen "vier Hauptsätzen der Semantik" gehören auch noch vier "Korollarsätze". Diese beschäftigen sich nicht mit der weitgespannten, vagen, sozialen und abstrakten Bedeutung von Wörtern, sondern mit der engumgrenzten (nicht weitgespannten) Meinung eines Erzählers. Diese Meinung ist präzise, individuell und konkret.

Im Kapitel "Wort und Begriff" formuliert und diskutiert Weinrich u.a. die Behauptung: "Daß es überhaupt verschiedene Bezeichnungen für den jeweils einen Begriff gibt, gilt als Übel und Quelle möglicher Mißverständnisse" (S. 28). Weiterhin beantwortet er die wichtige Frage, ob Wörter lügen können. Daß man mit Sätzen lügen kann, ist eine Tatsache, aber wie ist es mit einzelnen Wörtern? Laut Weinrich kann kein Zweifel daran bestehen, daß Wörter, mit denen oft gelogen wird, selber verlogen werden (z.B. "Endlösung" oder "Weltanschauung"), aber daß nicht jedes Wort lügen kann; denn Wörter ohne Kontextdeterminierung können nicht lügen. Es genügt schon ein einfaches "UND", um Wörter lügen zu lassen.

Den nächsten Denkanstoß gibt uns Weinrich mit der nächsten Überschrift: "Denken". Er ist der Meinung, daß die Linguistik eine Lüge als gegeben ansieht, wenn hinter dem (gesagten) Lügensatz ein (ungesagter) Wahrheitssatz steht, der jenem widerspricht, d.h. um das Assertionsmorphem ja/nein abweicht.

Auch auf den folgenden Seiten des Buches finden wir noch eine Fülle interessanter Thesen und Fragen, welche z.B. die Themen "Metapher", "Ja und Nein" (denn eine Lüge ist letzten Endes immer auf jene Antwort bezogen) und "Ironie" einschließen.

Dieses Buch zu lesen wird sich bestimmt nicht als verlorene Zeit herausstellen, denn es ist sehr informativ und vor allen Dingen leicht verständlich geschrieben. Ein weiterer Grund, dieses Buch zu studieren, ist der Aspekt, daß Lügen uns alle betreffen. Wer stand nicht auch schon einmal in der Zwickmühle, benutzte die eine oder andere Notlüge oder wurde schon im frühen Kindesalter mit Lügen konfrontiert? Man denke nur an den Baron Münchhausen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Janine Filipowski. Jahr: 1999

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