Lesen und Schreiben - ein Problem?

Stauffacher, Verena

Zürich: Hagmann Edition SZH/SPC 1992

 

Verena Stauffacher befasst sich mit funktionalem Analphabetismus, besonders im Bezug auf schulpädagogische Zusammenhänge. Sie behandelt zentrale Fragen, wie die Frage nach schulischen Bedingungen und Verhältnissen, die funktionalen Analphabetismus begünstigen oder verursachen, und die Frage, welche schulischen Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Kinder lesend und schreibend ihren Alltag bewältigen können. Diese Fragen versucht sie im Laufe ihrer Ausarbeitung zu beantworten.

In dem aus drei Hauptteilen und einem Schluss bestehenden Buch definiert die Autorin zunächst den Begriff des „funktionalen Analphabetismus“ (f. A.) als die Unfähigkeit von Jugendlichen und Erwachsenen, ihren Alltag lesend und schreibend zu bewältigen, obwohl sie die Schule besucht haben. Sie informiert über das Ausmaß (BRD: ca. 0,5 bis 3 Mio.; CH: 20 -30 000 Betroffene ) und die Entstehungsbedingungen des f. A. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es ungünstige schulische Faktoren (Außenseiterposition, Verweis zur Sonderschule und damit verbundene Abwertung der Person), familiäre Aspekte (zerrüttete Familien, finanzielle Probleme) und persönliche Bedingungen gibt, die das Lernen von Lesen und Schreiben erheblich erschweren oder fast unmöglich machen. Analphabeten erfahren eine Abwertung durch ihre Umwelt. So entwickeln sie Angst, entdeckt zu werden, die ihre Handlungsmöglichkeiten bestimmt.

Im 2.Teil („Lesen und Schreiben“) reflektiert die Autorin über die Bedeutung des Lesen- und Schreibenkönnens als notwendige Voraussetzungen für die Teilnahmen am gesellschaftlichen Leben. Der Wert der geschriebenen Sprache als Medium der Konservierung, Kommunikation und Integration von Wissen wird hervorgehoben. Eine Grundthese der Autorin lautet: Lesen ist Beziehung. Das heißt, dass der Mensch durch Lesen in Kontakt zu seiner Umwelt tritt und etwas über sie erfährt. Des weiteren wird der Weg zum „Lesen lernen“ als Kommunikationsprozess gedeutet, der Geborgenheit, Akzeptiertsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten voraussetzt, also vor allem eine positive Beziehung zwischen LehrerIn und Kind hervorhebt.

Im 3. Kapitel („Schule und f. A.“) untersucht Stauffacher die schulischen Entstehungsfaktoren, wobei sie den ersten beiden Schuljahren eine besondere Bedeutung zukommen lässt. So könne die Beziehung zwischen LehrerIn und Schülerin durch unbewusste, unaufgearbeitete Haltungen der Lehrperson belastet sein (Beispiel: „So spricht man nicht!“). Doch auch andere Beziehungsfaktoren (z. B. gestörtes LehrerIn-Eltern-Verhältnis) könnten sich ebenso nachteilig auswirken wie unangemessener Unterricht, der jenseits der Lebenswelt der Kinder liegt und Individualisierung nicht zulässt. Insbesondere hält die Autorin die zu starke Betonung des Formalen (Grammatik) unter Vernachlässigung der Inhalte für einen Entstehungsfaktor des f. A. Neben Mängeln in der Schulorganisation (generalisierendes Notensystem, Vernachlässigung der Zusammenarbeit, Stereotypisierung und Abwertung von Kindern) sieht sie auch Mängel (in Bezug auf Fachkompetenz und Beziehungsfähigkeit) in der Lehrerausbildung.

Auf den letzten neun Seiten zieht die Autorin Schlussfolgerungen aus dem zuvor Analysierten. Damit Lese- und Schreib-Lehrgänge gelingen könnten, müssten die Unterrichtenden Grundhaltungen entwickeln, bei denen das Kind geachtet und seine Erfahrungen berücksichtigt werden. Individualisierung des Unterrichts, soziales Lernen und Förderung der Verantwortung der Kinder seien ebenso wichtige Voraussetzungen für guten Unterricht wie die Fachkompetenz der Lehrpersonen, deren Qualifikation durch hier vorgeschlagene Aus- und Weiterbildungsprojekte gefördert werden solle.

Abschließend kann ich sagen, dass ich es sehr interessant fand, dieses Buch zu lesen. Es ist aus der Sichtweise einer Grundschullehrerin geschrieben und bezieht sich in realistischer Weise auf den Unterricht. So war es für mich als Primarstufenstudentin interessant zu erfahren, welche schulischen Faktoren funktionalen Analphabetismus auslösen. Ich fand auch gut, dass sie, wie sie auch schon in ihrer Einleitung bemerkte, in einer sehr verständlichen Sprache schreibt, so dass sie nicht nur von Fachleuten, sondern auch von Laien verstanden werden kann. Dies sieht sie als sehr wichtig an, da sonst einige Leser eine Ausgrenzung erführen, was eine Haupterfahrung der funktionalen Analphabeten ist. Sie macht viele Verbesserungsvorschläge, die sich jedoch oft wiederholen, so dass der Stil langatmig wirkt. Ansonsten finde ich dieses Buch jedoch gelungen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Stephanie Petersen . Jahr: 2002

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