Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze

Jakobson, Roman

2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1969

 

Roman Jakobson hat sich in seinem in deutscher Sprache verfassten und zuerst in Uppsala 1941 erschienenen Werk „Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze“ zum Ziel gesetzt zu beweisen, dass Kindersprache und Aphasie in die vergleichende Sprachwissenschaft einbezogen werden müssen, da ihnen die gleichen Gesetze zugrunde liegen wie der Lautgeschichte aller Völkersprachen. Es handelt sich also nicht um eine allgemeine Einführung in die Linguistik, sondern um eine spezielle Thematik.

Im ersten Teil des in vier Kapitel gegliederten Buches geht es um die ,Lautentwicklung der Kindersprache und der Aphasie als linguistisches Problem‘. Jakobson erklärt, dass bei allen Kindern, egal welcher Nationalität sie angehören, gewisse Konstanten in der Reihenfolge ihres Lauterwerbs nachgewiesen werden können. Das bedeutet, dass sie in der ersten Phase des Spracherwerbs, der sogenannten ,Lallperiode‘, auch Laute äußern, die in ihrer Muttersprache überhaupt nicht existieren. Die Stufe des Lallens geht irgendwann in die Stufe des Sprachwerdens über, in der einige Phoneme fehlen, die die Kinder zuvor schon als Lalllaute hervorgebracht haben. Auf dieser Stufe wurde wiederum festgestellt, dass Kinder aller Länder die Phoneme in ungefähr der gleichen Reihenfolge erwerben.

Parallel dazu beschreibt Jakobson die aphasischen Lautstörungen, also gewissermaßen den Sprachverlust. Zunächst unterscheidet er allerdings die ,Lautstummheit‘ und die ,Lauttaubheit‘. Ersteres bedeutet, dass der Aphasiker unterschiedliche Phoneme zwar wahrnehmen, jedoch in der Aussprache nicht richtig anwenden kann. Der Lauttaube dagegen benutzt selbst das richtige Phonem, kann es aber nicht von einem anderen unterscheiden, wenn er es hört; er kann es höchstens aus dem Zusammenhang erschließen. Da ein Phonem nun die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit eines Wortes ist, tritt nach einiger Zeit eine Wortamnesie ein. Der Aphasiker (Lauttauber und Lautstummer) leidet dann in etwa an einer Sprachnot wie sprechenlernende Kinder. Folglich weist der Sprachverlust ähnliche Konstanten auf wie der Spracherwerb, nur dass er in umgekehrter Reihenfolge verläuft.

Im zweiten Teil des Buches stellt Jakobson den ,Schichtenbau des Sprachlautsystems‘ dar, indem er die Äquivalenz des Sprachaufbaus und –abbaus erläutert. Er greift zunächst erneut das Thema der relativ ähnlichen Zeitfolge der lautlichen Erwerbungen auf. Dann geht er konkret auf den Erwerb der einzelnen Laute ein. Der Aufbau des Vokalismus wird durch einen breiten Vokal geleitet, das heißt, das a taucht als erster Vokal auf. Der erste Konsonant in der Kindersprache ist gewöhnlich ein labialer Verschlusslaut. Der erste konsonantische Gegensatz ist der zwischen Mund- und Nasenlaut, worauf der Unterschied des Labialen und Dentalen folgt. Diese beiden Gegensätze bilden den minimalen Konsonantismus. Ähnlich wird der minimale Vokalismus erklärt: Das Kind spaltet den ersten Vokal in einen palatalen und einen velaren (oder in einen dritten, mittleren Öffnungsgrad).

So setzt jeder Erwerb eines neuen Lautes einen gewissen anderen voraus. Der Erwerb derjenigen Laute oder Phoneme, die nur in sehr wenigen Sprachen vorkommen, gehört zu den spätesten des Kindes. Französische und polnische Kinder lernen zum Beispiel die Nasalvokale, die es in den meisten Sprachen nicht gibt, erst mit dem dritten Lebensjahr. Ebenso gibt es viele Sprachen mit nur einer Liquida (r oder l), und es zeigt sich, dass Kinder sich lange Zeit auch mit nur einer begnügen, obwohl es in ihrer Sprache zwei gibt.

Wie schon im ersten Teil geht Jakobson nach der Darstellung des Erwerbs der Sprache auf ihren Abbau ein. Dieser spiegelt den Aufbau genau wider. Die Unterscheidung der Liquidae, die wie gesagt sehr spät erworben wird, ist eine „der frühesten und häufigsten Verluste bei der aphasischen Lautstörung“ (S. 81). Ebenso gehen die sekundären Vokale eher verloren als die primären, und die Gegensätze, die beim Kind zum Erwerb neuer Konsonanten führen, verschmelzen wieder miteinander. Der Aufbau der Kindersprache und der Abbau der aphasischen Sprache weisen also einige gemeinsame Gesetzmäßigkeiten auf, die nach Jakobson „den stufenförmigen Ausbau des Sprachsystems, insbesondere des Phonemsystems“ bezeugen (S. 87 f.).

Die Begründung dieser Baugesetze versucht der Autor im dritten Teil zu erläutern. Sein Ausgangsgedanke für den Aufbau der Sprache ist der des maximalen Kontrastes, der sich vom Einfachen und Ungegliederten zum Abgestuften und Differenzierten wandelt (s. S. 93). So ist zum Beispiel der erste Laut eines Kindes ein breiter Vokal (a), bei dem es den Mund ganz öffnet, und im Gegensatz dazu bildet es als zweiten Laut einen Konsonanten, bei dem es den Mund geschlossen hat, also einen Verschlusslaut (m). Dieses Schema des Kontrastes kann man nach Jakobson auf den gesamten Sprachaufbau beziehen.

Im vierten Teil fasst der Autor zusammen, dass der Kindersprache und der Aphasie die gleichen Gesetze zugrunde liegen wie der Lautgeschichte aller Völkersprachen, und dass jene deshalb in die vergleichende Sprachwissenschaft einbezogen werden müssen (S. 130). Der Schichtenbau der Sprache ist in der Kindersprache und der Aphasie nach Jakobson ,bloßgelegt‘, was bedeutet: Je mehr Befunde es darüber gibt, desto tiefer können die Linguisten die Strukturgesetze der Sprachen ergründen.

Das Buch ist sicherlich nicht als allgemeine Einführung in die Linguistik geeignet, da es sich einem speziellen Thema widemet und ein gewisses Grundwissen voraussetzt. Die Ergebnisse des Autors sind jedoch von weitreichender Bedeutung und gut nachvollziehbar, da er sehr langsam auf seine Hauptaussage hinarbeitet. Das Thema ist sehr interessant, man muss sich jedoch vorher mit einigen Grundbegriffen der Linguistik vertraut machen. Alles in allem ist dieses Buch auf jeden Fall empfehlenswert.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Martina Keidel. Jahr: 2001

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