Kinder und ihre Sprachen – Lebendige Mehrsprachigkeit

Krumm, Hans-Jürgen

Wien: Eviva 2001

 

„Aus den großen Umwälzungen unserer Gesellschaft folgert die Europäische Kommission, jeder europäische Bürger solle in Zukunft neben der Muttersprache zwei lebende Fremdsprachen lernen.“

Das Buch basiert auf der Sammlung der Sprachenporträts, mit denen sich der Autor seit 1990 beschäftigte. Er konzentrierte sich auf die Schulkinder in Hamburger und Wiener Schulen, wobei ihr Alter nicht konkretisiert wird. Er bat Lehrer und Lehrerinnen, den Kindern Männchensilhouetten zu geben, damit die Schüler alle „ihre Sprachen“ dort hineinmalen, wobei sie für jede Sprache eine andere Farbe benutzen sollten. Das Niveau des Könnens der jeweiligen Sprachen spielte keine Rolle; die Kinder durften die Bilder auch beschriften, wenn sie es für nötig hielten. Dank vielen Zeichnungen sieht das Buch ziemlich bunt und manchmal chaotisch aus, obwohl es ganz deutlich in acht Kapitel aufgeteilt ist. In den gedruckten Texten werden oft die Aussagen und Kommentare der Kinder zitiert, aus denen sofort belehrende Schlüsse gezogen werden. Die Intention des Buches liegt darin, die Schullehrer auf die Mehrsprachigkeit der Kinder aufmerksam zu machen und sie dazu zu bringen, diesem Faktum nicht auszuweichen, sondern sich intensiver und individueller mit den Sprachen zu beschäftigen und dadurch den Kindern helfen, gleichzeitig Deutsch zu lernen und ihre eigene Muttersprache nicht zu verlieren.

Mit einem Wort würde ich das Buch als „emotional“ beschreiben. Der gesamte Eindruck entzweit sich. Einerseits ist die Hauptaussage sehr allgemein: Man wird aufgefordert oder dazu eingeladen, der Mehrsprachigkeit Aufmerksamkeit zu schenken und die heutige europäische Gesellschaft mit vielen Migranten in Betracht zu ziehen. Es wird der soziale Aspekt angesprochen und der Nutzen erwähnt. Andererseits flimmert es von vielen bunten Kinderzeichnungen mit Über- und Unterschriften. Die Farben sind manchmal ganz bewusst bestimmten Körperteilen wie Kopf oder Herz zugeordnet, sodass es mich persönlich zum Nachdenken bringt. Ich habe es noch nie so konkret betrachtet und noch weniger daran gedacht, dass Kinder sich gut darin zurechtfinden und orientieren. In manchen Fällen fühlen sie es, in anderen verstehen, was welche Sprache bedeutet und wofür sie sie brauchen. Als Beispiel kann man das Bild nennen, wo ein Mädchen Deutsch den Händen zugewiesen hat mit der Erklärung, sie würde diese Sprache für die Arbeit brauchen. Es gibt auch Schüler, die eine Sprache sehr schlecht beherrschen, sie aber trotzdem ins Herz geschlossen haben, weil sie sie unbedingt lernen wollen. Ich gehe ganz bewusst auf den Aspekt der Zeichnungen ein, denn ich bin selbst Ausländerin und Deutsch wird für mich vermutlich immer eine Fremdsprache bleiben, obwohl ich es liebe und mir das Erlernen relativ leicht gefallen ist.

Das Problem, das in dem Buch dargestellt wird, ist wirklich aktuell und dadurch, dass der Autor die Kinder selbst durch ihre Zeichnungen sprechen lässt, wird es noch persönlicher und bewegender. Ich würde es jedem empfehlen, der sich mit der Mehrsprachigkeit der Kinder näher auseinandersetzen und die Situation mit den Augen der Schüler betrachten möchte.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Nadja Kostioutchenko. Jahr: 2005

Zurück