Ideen- und Problemgeschichte der Sprachwissenschaft. Mit besonderer Berücksichtigung des 19. und 20. Jahrhunderts

Robins, R. H.

Frankfurt am Main: Athenäum Verlag 1973

 

R. H. Robins, Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft in London, macht im Vorwort die beiden Hauptanliegen seines Buches deutlich:

1.die Darstellung der Sprachwissenschaft als eines Teils der Ideengeschichte und

2.die Verdeutlichung der Beziehung zwischen der Entwicklung der Sprachwissenschaft und der wissenschaftlichen Denkweise einzelner Epochen.

Den Schwerpunkt setzt er dabei, wie schon im Untertitel deklariert, auf das 19. und 20. Jahrhundert.

Im Einführungskapitel seines Buches wendet er sich jedoch zunächst der älteren Geschichte der Sprachwissenschaft zu. Angefangen von der Antike bis ins 19. Jahrhundert bietet er einen groben Überblick über die Themen, Schwerpunkte und Methoden früherer Sprachwissenschaftler.

Das zweite Kapitel, das das neunzehnte Jahrhundert in den Blickpunkt rückt, befaßt sich, beginnend mit Sir William Jones 1786, mit der Blüte der diachronischen (also historisch-vergleichenden) Sprachwissenschaft. Der Einfluß des Sanskrit, die zunehmende Bedeutung der Phonetik und die allmähliche Anpassung an das naturwissenschaftliche Denken in der Sprachwissenschaft werden hier schwerpunktmäßig behandelt.

Das dritte Kapitel wendet sich dem Strukturalismus und damit der synchronischen Sprachwissenschaft zu. Über die Junggrammatiker und die Auseinandersetzung mit Ferdinand de Saussure erläutert Robins die Entstehung der Phonemtheorie. Er beschreibt in diesem Zusammenhang die Einflüsse des Prager Zirkels und widmet sich auch den amerikanischen Wissenschaftlern, die die Erforschung der Indianersprachen noch vor der Hinwendung zur synchronischen Sprachwissenschaft zu ihrem Hauptaufgabengebiet erklärt hatten.

Im vierten Kapitel beschreibt der Autor die Abkehr vom Strukturalismus als allumfassendem Instrument der Linguistik und die Hinwendung zu semantischen, soziologischen und psychologischen Aspekten der Sprache. Verschiedene Modelle der Systematisierung dieser neuen Art der Sprachforschung und die Einführung von Bedeutungsebenen werden erläutert.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der Generativen Transformationsgrammatik. Diese Art der Grammatik wäre thematisch Kapitel 4 zuzuordnen. Robins hat jedoch ganz bewußt ein eigenes Kapitel für diesen Komplex vorgesehen, da er ihn für den bedeutendsten Ansatz der fünfziger Jahre hält. Er beschreibt die immer detaillierter werdenden Modelle zur Erfassung des Ausdrucks einer Sprache und seiner Beudeutung.

Im sechsten und letzten Kapitel verweist Robins auf die aktuellen Tendenzen, die er in der erneuten Hinwendung zur diachronischen Sprachwissenschaft sieht. Die jüngste Veröffentlichung, auf die er sich dabei stützt, stammt aus dem Jahr 1968.

Das Buch schließt ab mit dem Nachwort der Übersetzer aus dem Englischen (Christoph Gutknecht und Klaus-Uwe Panther). Sie verweisen hier auf den Begriff Pragmatik in der Sprachwissenschaft und erklären den Ansatz dieser Therorie anhand zahlreicher deutsch- und englischsprachiger Beispielsätze. So werden auch modernere Strömungen (bis 1973) noch zusätzlich in das Buch integriert.

R. H. Robins hat sich in seinem Buch einer umfangreichen Aufgabe angenommen. Die Komplexität des Themas, das im Vorwort mit nur wenigen Sätzen umrissen wird, wird dem Leser erst bei der Lektüre wirklich bewußt. Und auch wenn Robins sich nur auf die wichtigsten Ansätze und Ideen der Entwicklungsgeschichte beschränkt, so erliegt er doch der Tatsache, daß die Geschichte der Sprachwissenschaft kein einheitlicher Prozeß ist und sich nicht homogen entwickelt hat.

So orientiert sich der Aufbau des Buches weniger am chronologischen Ablauf der Ereignisse, sondern ist in den Unterkapiteln einmal nach Themen, ein anderes Mal nach geographischen Räumen, dann aber wieder nach Epochen gegliedert. Dabei wird auf die eigentliche Darstellung der einzelnen Theorien weitestgehend verzichtet. Robins setzt voraus, daß einem die sprachwissenschaftlichen Grundgedanken von Ferdinand de Saussure, der Junggrammatiker oder der generativen Trasformationsgrammatiker bekannt sind.

Wichtige Entwicklungen, die in vorangegangenen Kapiteln bereits erklärt wurden, werden jedoch in anderen Zusammenhängen immer wieder aufgegriffen, aufs Neue erklärt und eingeordnet. Die einzelnen Kapitel sind also auch herausgelöst aus dem Kontext des Buches verständlich.

Robins bedient sich durchgängig einer Fülle von Material (allein die Bibliographie des Buches umfaßt mehr als sechs Seiten) und verwendet für seine Darstellung viele Querverweise auf Stellungnahmen, Entwicklungen und Ansätze früherer, zeitgenössischer und/oder späterer Sprachwissenschaftler.

Dies zeugt von einer umfangreichen Sachkenntnis des Verfassers, machte es mir aber schwer, einen roten Faden innerhalb des Buches zu entdecken oder gar zu verfolgen. Die Menge der Namen und Verweise waren hier eher verwirrend.

Auch die Darstellung einzelner Theorien habe ich in diesem Buch schmerzlich vermißt.

Liegt auch die Hauptaufgabe des Buches darin, die Verknüpfungen und Einflüsse sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse untereinander transparent zu machen, so hätte doch eine kurze Beschreibung der einzelnen Grammatiken zum besseren Verständnis einiger Abhandlungen beigetragen. Auch Robins scheint sich dieses Mankos bewußt gewesen zu sein, empfiehlt er doch hier und da einen Blick in entsprechende Fachliteratur.

Zusammenfassend kann man sagen, daß dieses Buch einem die Grundzüge der Entwicklung der Sprachwissenschaft vermittelt und Einflüsse anderer Wissenschaften zum Teil deutlich macht. Für Leser mit geringen Vorkenntnissen im Bereich linguistischer Theorien bleiben viele Einzelheiten jedoch nicht nachvollziehbar.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Stefanie Multhaup. Jahr: 1996

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