Idealistische Philologie und moderne Sprachwissenschaft

Christmann, Hans Helmut

München: Wilhelm Fink Verlag 1974

 

Hans Helmut Christmann möchte eine gerechtere und reflektiertere Auseinandersetzung mit der Idealistischen Philologie nach Karl Vossler begründen. Hierzu möchte er die Idealistische Philologie mit Hilfe ihrer Vorgänger wie Benedetto Croce und Wilhelm von Humboldt näher vorstellen, um sie anschließend an die moderne Sprachwissenschaft heranzuführen und ihren Kritikern andere Deutungsmöglichkeiten bzw. andere Betrachtungsweisen zu eröffnen. Christmann betont, dass er keineswegs die Rückkehr zu dieser frühen sprachwissenschaftlichen Richtung wünscht; er möchte aber der unsachgemäßen Auslegung sowie ihrer zu gering ausfallenden Berücksichtigung in der Geschichte der Sprachwissenschaft Abhilfe leisten. Seine feine Gliederung dieser wissenschaftlichen Abhandlung ist nötig, damit der Leser den Überblick zu wahren vermag, da sehr vielschichtige und verschiedene sprachwissenschaftliche Theorien von Humboldt bis Saussure vorgestellt werden.

Christmann beginnt nach seinen einleitenden Worten mit einem Überblick über die Vorgänger Vosslers und ihre Sprachtheorien, um dann die Idealistische Philologie darzustellen. Die zentrale Aussage Vosslers, dass Sprache Kunst und Schöpfung sei und sich dadurch die Kunstgeschichte der Sprachgeschichte annähere, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Auch seine Parallelisierung von Sprache und Kultur ist eine wichtige Aussage in seiner Theorie und gab viel Anstoß zur Kritik. Indem Christmann im Verlauf seiner Darstellung diese Aussagen Vosslers aufgreift und mit der anerkannten modernen Sprachwissenschaft und ihren bedeutsamsten Vertretern vergleicht, um Parallelen aufzuzeigen, verdeutlicht er seinen Standpunkt, dass die Kritik an der Idealistischen Philologie oftmals unbegründet sei. Hierzu nutzt er Wilhelm von Humboldt als eine Schlüsselfigur, da dieser nach Vosslers Meinung sowohl mit idealistischen als auch mit strukturalistischen Gedanken einhergeht. Im anschließenden Teil legt Christmann seinen Schwerpunkt auf die moderne Sprachwissenschaft und findet hier Aussagen mit idealistischem Charakter.

Christmann versucht, auf 150 Seiten nahezu die gesamte Geschichte der Sprachwissenschaft vorzustellen, zu deuten und hierbei den Platz der idealistischen Philologie zu verteidigen. Dabei fällt es einem sehr schwer zu folgen, wenn man nicht sämtliche Theorien der aufgeführten Sprachwissenschaftler kennt. Da Christmann aber für Sprachwissenschaftler schreibt und nicht voraussetzt, dass sprachwissenschaftlich interessierte Laien sein Buch lesen und verstehen können, kann man dieses verzeihen. Dennoch schafft er es nicht, mich restlos davon zu überzeugen, dass er für die Idealistische Philologie lediglich einen nicht grundlos kritisierten Platz in der Geschichte sucht, da er allzu krampfhaft Elemente dieser Theorien verbindet und meiner Meinung nach dabei sein eigentliches Ziel aus den Augen verliert.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Sabine Lohkamp. Jahr: 2002

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