Herkunftssprache – Zielsprache

Rieder, Karl

Innsbruck: Studien-Verlag 2000

Der Autor Prof. Dr. Karl Rieder möchte mit seinem Buch eine Handreichung für Lehrer multikultureller Klassen schaffen, so dass diese bewusst mit strukturellen Sprachbesonderheiten von Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache umgehen können. Dies umfasst die Fähigkeiten zu einer gezielten sprachdidaktischen Entscheidungsfindung und zu qualifizierten Fehleranalysen sowie insbesondere die Kompetenz, prophylaktische und 'therapeutische' Maßnahmen durchführen zu können (S. 11). Zu diesem Zweck werden nach der Reflexion der eigenen (deutschen) Sprache Strukturen verbreiteter Migrantensprachen wie Türkisch, Serbokroatisch und Albanisch dargestellt.

Im ersten Kapitel erläutert der Autor kurz diese Ziele. Er stützt die Notwendigkeit einer solchen Handreichung auf Zahlenmaterial aus Österreich, wonach der Anteil von Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache, abhängig von der Schulform, bei bis zu 40% liegt.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit sprachlicher Bewusstheit (Language Awareness). Diese wird definiert als "Verstehen der grundsätzlichen menschlichen Sprechfähigkeit und der Bedeutung, die sie für Denken, Lernen und das Leben in Gemeinschaft insgesamt hat" (S. 14). Die Kenntnis linguistischer Grundlagen ist hierfür unabdingbar und dementsprechend für alle Lehrer zum besseren Verständnis des Schülers in der pädagogischen Interaktion von wesentlicher Bedeutung.

Das dritte Kapitel gibt eine kurze Einführung in Möglichkeiten zur Klassifikation von Sprachen. Der Autor orientiert sich dabei vorwiegend an morphologischen Kriterien und fasst als Ergebnis vier Haupttypen zusammen: a) isolierende Sprachen (u.a. Chinesisch), b) agglutierende Sprachen (u.a. Japanisch), c) polysynthetische Sprachen (insbesondere Südseesprachen) sowie d) flektierende Sprachen (u.a. Deutsch).

Der Hauptteil des Buches widmet sich in den folgenden Kapiteln 4 bis 7 der systematischen Vorstellung sprachlicher Strukturen im Deutschen, im Türkischen, im Serbokroatischen sowie im Albanischen. Neben allgemeinen Informationen zu den Sprachen wird ausgehend von einer Textprobe zunächst das Laut- und Schriftsystem der Migrantensprachen jeweils im Vergleich mit dem Deutschen und unter Hinweisen auf mögliche spezifische Lernschwierigkeiten dargestellt. Im Weiteren werden wichtige Satzbestandteile (u.a. Substantive, Verben) thematisiert, ehe näher auf die jeweilige Syntax eingegangen wird. Den Abschluss der Besprechung jeder Sprache bilden Beispieltexte von Schülern der entsprechenden Muttersprache, an denen eine Fehleranalyse exemplarisch demonstriert wird.

Mein Eindruck von diesem Buch ist sehr positiv, so dass ich es jedem angehenden Lehrer empfehlen möchte. Trotz einer recht komprimierten Darstellung (vier Sprachen auf 100 Seiten!) ist das Buch leicht verständlich und gut lesbar. Sehr hilfreich ist das recht umfangreiche Glossar. Inhaltlich besonders zu würdigen ist vor allem die Nähe zur pädagogischen Praxis durch zahlreiche Schülertexte. Auch die systematische Vorstellung der einzelnen Sprachen ist sehr gut gelungen, zum Teil sogar so spannend, dass es in mir den Wunsch auslöste, eine dieser Sprache zu erlernen.

Kritisch zu sehen ist die doch sehr verkürzte Darstellung zur sprachlichen Bewusstheit und zu den Klassifikationsmöglichkeiten. Hier sollten andere Werke ergänzend zu Rate gezogen werden. Auch eine Erweiterung oder ein Folgeband mit weiteren populären Migrantensprachen, etwa Russisch, wäre wünschenswert.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Christoph Ziehm . Jahr: 2003

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