Grundfragen der Linguistik

Heeschen, Claus

Stuttgart: Kohlhammer 1972

 

In fünf Kapiteln gibt Heeschen einen Einblick in die moderne Sprachwissenschaft seit ihrer Etablierung Anfang des 20. Jahrhunderts. Er stellt dar, mit welchen Fragestellungen die Sprachwissenschaft unter Abgrenzung gegen alle anderen Wissenschaften, speziell der Psychologie, an das ‚,Werkzeug Sprache“ herangeht. Sein primäres Anliegen ist es zu zeigen, inwieweit die Linguistik gegenüber den Verhaltenswissenschaften eine autonome Wissenschaft ist.

Der Autor skizziert im ersten Kapitel „Die Sprachwissenschaft vor de Saussure: Die Junggrammatiker“ die nichtstrukturelle Sprachwissenschaft unmittelbar vor de Saussure, während in allen anderen Kapiteln die strukturelle Sprachwissenschaft von Beginn ihrer Fundierung durch Saussure behandelt wird. Unter den „Junggrammatikern“ versteht man eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern, die alle in Leipzig studiert haben und ihre damals revolutionären Absichten in äußerst wirkungsvollen Manifesten propagiert haben. Im zweiten Kapitel geht der Autor auf Ferdinand de Saussures Ansätze und Grundbegriffe wie „langue“ vs. „parole“, „syntagmatisch“ vs. „paradigmatisch“ und „Diachronie“ vs. „Synchronie“ ein. Im Anschluß daran zeigt er die „Kontroverse um das Arbitraritätsprinzip“ auf, indem er Saussures Gedanken zum Beliebigkeitsprinzip anderen Auffassungen gegenüberstellt. Darauf folgen Stellungnahme und Kritik des Autors sowie ein knapper Einblick in die Genfer Schule.

Das dritte Kapitel „Der europäische Strukturalismus“ stellt drei Schulen vor: „Die Prager Schule“, „Weisgerber und die Inhaltforschung“ sowie die „Glossematik“. Unter dem Punkt ,,Prager Schule“ erläutert er grundlegende Begriffe der Phonetik und der Phonologie sowie verschiedene Modelle zum „Funktionalismus“, der die Sprache eng an die Realität und den kommunizierenden Menschen bindet; auch die Grenzen des Funktionalismus werden diskutiert. Danach stellt Volker Heeschen die sprachwissenschaftlichen Theorien von Leo Weisgerber vor, der Sprache als Teil der Kultur bestimmt und sie als soziales Gebilde betrachtet. Schließlich wird die „Glossematik“ behandelt, eine abstrakte Theorie, deren Bedeutung für den europäischen Strukturalismus darin liegt, daß sie in hoher Präzisierung den de Saussureschen Ansatz radikalisiert und somit für die europäische Linguistik Maßstäbe setzt. Das vierte Kapitel behandelt „Bloomfield und die Distributionalisten“. Unter Distributionalismus versteht man den klassischen Strukturalismus. Die Bedeutung Bloomfields lag darin, daß er mit seinem klassisch gewordenen Werk „Language“ einen strengen sprachtheoretischen Rahmen für die Linguistik fortgesetzt hat. Im fünften Kapitel beschäftigt sich Claus Heeschen mit der generativen Grammatik, die maßgeblich von Noam Chomsky entwickelt wurde, und erläutert auch hier die zentralen Gedanken. Danach stellt er die „mentalistische cartesianische Interpretation des Standardmodells“ dar.

Insgesamt läßt Claus Heeschen verschiedene Modelle und Theorien, unter Einbeziehung systematischer und historischer Gesichtspunkte, aufeinander aufbauen. Das Buch beabsichtigt nicht, eine Einführung in die Linguistik zu geben, sondern es verfolgt einige durch die linguistische Forschung aufgeworfene Fragen und stellt ihre Errungenschaften dar. Das Buch ist eher für eine/n Leser/in geschrieben, der/die sich schon einmal mit Linguistik beschäftigt hat.

Als eine Erinnerung an die Schwerpunkte und Theorien verschiedener linguistischer Schulen ist das Buch recht hilfreich, da es kurz und auch sehr eingängig die maßgebliche Methode und Terminologie der einzelnen Schulen erklärt. Auch die historische Vorgehensweise erweist sich als sinnvoll, denn damit werden die Grundlagen, die den folgenden Generationen von Linguisten zur Verfügung standen, auch zeitlich eingeordnet.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Amir Causevic. Jahr: 2001

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