Geschichte der Sprachwissenschaft

Thomsen, Vilhelm

Bern, Frankfurt am Main, Las Vegas: Lang 1979

 

Däne Vilhelm Ludvig Peter Thomsen (1842 - 1927) ist einer der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet der allgemeinen und vergleichenden Sprachwissenschaft. Das dänische Original dieses Buches entstand aus einer akademischen Vorlesung und wurde 1902 als Einladungsschrift der Universität Kopenhagen zur Jahresfeier am Geburtstag des Königs veröffentlicht.

Im Vorwort der vorliegenden Fassung wird darauf hingewiesen, daß mit diesem Werk ein Klassiker der historischen Sprachwissenschaft vorliegt. Thomsen behandelt die Geschichte der Sprachwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Erste Ansätze der Beschäftigung mit Sprache findet man bereits in den Schriften des Alten Testaments. Im Altertum setzten sich vor allem zwei Völker intensiv mit der Sprachwissenschaft auseinander, nämlich die Inder und die Griechen. Die Inder beschäftigten sich mit alten heiligen Hymnen und Veden, aber auch mit der altindischen Sprache des Sanskrit, woraus ihre Spachwissenschaft erwuchs. Ihre Grammatik war empirisch, das heißt sie analysierte und beschrieb die Sprachformen. Bei den Griechen waren es hauptsächlich die Philosophen, die über das Verhältnis zwischen Gedanken und Worten spekulierten. Sie setzten sich mit sprachphilosophischen Fragen auseinander, weniger mit dem empirischen Sprachstudium. Von den Griechen übernahmen die Römer das Grammatikstudium.

Auf dieser Sprachwissenschaft ist, laut Thomsen, die grammatische Wissenschaft in Europa bis zum 19. Jahrhundert aufgebaut, was man leicht an der grammatischen Terminologie ablesen kann. Allerdings betont Thomsen, daß die Schwachstellen dieser Sprachwissenschaft in der Abhängigkeit von den Philosophen und der einseitigen Kenntnis einer oder maximal zweier Sprachen, nämlich Griechisch und Latein, bestanden. Die bisherige Schranke zwischen den Kulturvölkern und den sogenannten "Barbaren" fiel u.a. durch den Einfluss des Christentums. Langsam entwickelte sich ein Interesse für Volkssprachen.

Im Mittelalter kam es zu einem vorübergehenden "Stillstand" der Sprachwissenschaft. Latein war die einzige Sprache, die studiert wurde. Über die Grammatiken des Altertums entstanden keine neuen. In der Renaissance hingegen erwachte "neues Leben": Interesse an orientalischen, hauptsächlich semitischen Sprachen (Hebräisch, Arabisch, Syrisch etc. ) wurde geweckt. Die Reformationszeit, geprägt durch Intoleranz und Autorität der Bibel, ließ die Annahme hervortreten, dass alle Sprachen von einer einzigen, nämlich dem Hebräischen, abstammten.

Das 17. und 18. Jahrhundert wurde vom Aufklärungsgeist gelenkt. Durch die Verbreitung des Christentums und die Lust am Reisen entdeckte man neues Material, das zum Nutzen der allgemeinen Sprachwissenschaft beitrug. Der Schlußstein dieser Periode der Sprachwissenschaft, vom Altertum bis zum 18. Jahrhundert, wird durch die sogenannten Polyglottsammlungen bezeichnet; das sind zusammenfassende Bearbeitungen des gesamten bekannten Materials aus mehreren verschiedenen Sprachen.

Die neuere Sprachwissenschaft, so wie Thomsen sie hier beschreibt, unterscheidet sich insofern von der älteren, als man erkannte, daß man die Verwandtschaft und historische Entwicklung der Sprachen nicht durch die Gleichheit einzelner Wörter herausbekommen kann, sondern nur durch die methodische Untersuchung des ganzen Sprachbaus. Daraus entwickelte sich in der Folgezeit die vergleichende Sprachwissenschaft. Etwa Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts widmete man das Sprachstudium einzelnen Sprachen, vor allem der älteren Stufen, z.B. dem Sanskrit, und wandte dabei die historisch vergleichende Methode an. Mit der Zeit trat die Sanskritisierung allerdings zurück, weil man erkannte, daß das Sanskrit nicht die ältesten Formen darbietet. Nun konzentrierte man sich auf andere Sprachgruppen, wie z.B. romanische, slavische, keltische und germanische Sprachen. Hieraus entstanden neue Philologien.

Dabei wurden bedeutende Ergebnisse erzielt, weil man sich der Methoden der neuen Sprachwissenschaft bediente. Gleichzeitig traten verschiedene Spekulationen über den Ursprung der grammatischen Formen auf (z.B. bei Franz Bopp und August Schleicher), die gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei der sogenannten "junggrammatischen" Richtung allerdings starkes Mißtrauen weckten. Durch die vertiefte Untersuchung der Sprache kam man zu dem Ergebnis: "(...) dass die Sprache nicht ein selbständiger Organismus ist, der wächst, verfällt und stirbt, sondern dass sie nur in und mit den Menschen lebt, die sie sprechen und dass die Faktoren, die ihr Leben im ganzen, ihre Bildung, ihre Überlieferung und ihre Veränderung bedingen, zu allen Zeiten dieselben gewesen sind." (Thomsen, S. 83). Fortan richtete man seine Untersuchungen mehr auf die jüngeren Sprachen und Dialekte aus. Die Entwicklung der Lautlehre galt als der Schlüssel zum historischen Verständnis der Sprachwissenschaft. Seit ca. 1870 betrieb man eingehend das Studium der sogenannten allgemeinen Phonetik (Lehre der Lautphysiologie). Allmählich wurde diese zu einem eigenständigen Zweig der Wissenschaft. Ergebnis dieser Studien war, daß das Sanskrit nicht durchgehend die älteste Stufe sei, sondern daß das Griechische in einigen wesentlichen Punkten, besonders in den Vokalverhältnissen, auf einer älteren Stufe steht. Weitere Entdeckungen über das Lautsystem und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Lauten schließen sich an.

Am Ende seines Werkes erinnert Thomsen die Sprachforscher daran, daß sie an Grenzen stoßen und diese auch akzeptieren sollten.

Thomsen gibt mit diesem Buch einen komplexen Einblick in die Sprachwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Neben der historischen Erläuterung findet man zahlreiche Beispiele und Hinweise auf bedeutende Sprachforscher. Wer sich eingehend mit dem Gebiet der Sprachhistorie beschäftigen möchte und nebenbei über Kenntnisse vor allem der griechischen und lateinischen Sprache verfügt, kann ein intensives Studium mit diesem (doch nur !) knapp 100 Seiten umfassenden Werk verbringen. Aber auch dem "Laien" ist dieses Buch durchaus weiterzuempfehlen, da man einen klar detaillierten Überblick über die Sprachgeschichte erhält.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Natalie Smarczyk. Jahr: 1999

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