Einführung in die rhetorische Textanalyse

Plett, Heinrich F.

Hamburg: Buske, 2001

 

„Rhetorik lehrt nicht nur, Texte zu machen; dank ihres ausgebauten >>Systems<<, vor allem im Bereich der Stilistik, ermöglichte sie es auch, Dichtung zu interpretieren.“ – Walter Jens

Mit diesem Zitat, gegeben noch vor dem Vorwort zur ersten Auflage, führt Plett in zwei der wichtigsten Funktionen der Rhetorik, der Erschaffung und dem Verstehen, also der Interpretation, von Texten ein. Die klassische Rhetorik und ihre Arbeitsschritte wurden verwendet um einen Text zu erschaffen,  die rhetorische Textanalyse hingegen hat zum Ziel, eben die Methode, Texte zu verfassen, zu verwenden, um sie zu analysieren.

Nach einem Auszug aus dem Vorwort zur ersten Auflage von 1971 und dem Vorwort zur 9. Auflage folgt ein ausführliches Inhaltsverzeichnis, das den formalen Aufbau des Lehrbuches aufzeigt. Das Fachbuch ist in vier inhaltliche Kapitel unterteilt, die weiter aufgeschlüsselt werden. Schließlich folgen die Kapitel Fünf (E.) und Sechs (F.), Bibliographie und Register. Schon anhand seines Umfangs, 107 des 149 Seiten starken Buches, wird klar, dass der Schwerpunkt des Werks wohl auf dem dritten Kapitel, der „Rhetorischen Stilistik“, liegt.

In seinem ersten Kapitel befasst sich Plett mit dem Begriff der Rhetorik und klassischen Definition desselben. Außerdem hebt er den Unterschied zwischen der ursprünglichen Funktion der Rhetorik, der Erschaffung von Texten und der, dem Lehrbuch zugrunde liegenden, Zielsetzung der Analyse von Texten anhand der Methoden der Rhetorik hervor. Im Folgenden befasst er sich mit dem Zweck der Rhetorik und gibt zum Ende des Kapitels einen Abriss über ihre Historie, von der Antike über Mittelalter und Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert. Dabei sind vor allem die vielfältigen Literaturverweise zu jedem Zeitalter hervorzuheben, falls sich der Leser noch weiter in das Thema einarbeiten möchte. Zum Schluss folgen noch einige Übungsaufgaben, um das Gelernte zu vertiefen.

Das zweite Kapitel befasst sich mit den fünf Arbeitsschritten der Rhetorik, der Inventio, Dispositio, Elocutio, Memoria und Actio- Pronuntiatio. In diesem kurzen Kapitel werden Inventio und Dispositio, zu Deutsch Erfindung und Anordnung, knapp umrissen, ebenso wie Memoria und Actio-Pronuntiatio, Gedächtnis und Vortrag. Dem dritten Arbeitsschritt, der Elocutio, widmet Plett ein eigenständiges Kapitel, daher ist hier nur ein kurzer Verweis darauf zu finden. Schließlich folgen zum Ende des zweiten Kapitels eine kurze Zusammenfassung und, wie bereits in Kapitel A., einige Übungsaufgaben.

Zu Beginn des dritten Kapitels führt Plett an, dass sich die „[…]elocutio als Lehre vom sprachlichen Ausdruck[…]“ (S.27) in drei verschiedene Unterbereiche, Stilprinzipien, -kategorien und –arten gliedern lasse. Analog zu diesen drei Unterkategorien gliedert er dieses Kapitel weiter auf. Direkt zu Beginn gibt Plett zu, dass die Bereiche nicht klar voneinander abzugrenzen sind und sich gegenseitig bedingen, jedoch versucht er generelle Definitionen der einzelnen Gebiete zu formulieren. Anders als in den vorangegangenen Kapiteln, folgen die Übungsaufgaben in diesem Kapitel nicht am Ende, sondern spezifisch für jede einzelne Unterkategorie, am Ende derselben.  In den jeweiligen Abschnitten werden die entsprechenden Themen, vor allem die Stilkategorien, ausführlich vorgestellt. So finden sich beispielsweise bei den Stilkategorien, eine Vielzahl rhetorischer Stilmittel, die meistens noch aus der Schule bekannt sind, oder sein sollten. Diese sind dann nach ihrer Form und ihrer Funktion aufgeteilt und erläutert.

Im letzten inhaltlichen Kapitel umreißt Plett die „Interrhetorik“, Merkmale einer Entwicklung, in deren Zuge „[…]die  Tradition der textbezogenen Rhetorik eine sinnvolle Erweiterung erfährt, die der Realität der zeitgenössischen Entwicklung entspricht.“ (S. 135) Dabei werden moderne wissenschaftliche Denkansätze in die Rhetorik miteinbezogen. Diese „Interrhetorik“ gliedert Plett abermals in drei Unterkategorien, intertextuelle, intermediale und interkulturelle Rhetorik, auf und erläutert diese.

„Einführung in die rhetorische Textanalyse“ zählt gewiss nicht zu dem, was man gemeinhin als „leichte Kost“ bezeichnen würde. Auch wenn der Titel ein grundlegendes und einführendes Werk verspricht, täuscht man sich, wenn man denkt, dass es daher simpel oder anspruchslos wäre. Plett arbeitet sehr strukturiert und transparent, so dass der Leser den Gedankengängen und der Logik des Aufbaus folgen kann. Plett gibt eine Vielzahl an Beispielen, auch auf Englisch und Französisch, was besonders ‚Einsteigern‘ verdeutlicht, dass es sich bei der Rhetorik keinesfalls um ein deutsches Phänomen handelt, sondern, dass ihr, „[…]wenigstens in Europa und in der von europäischer Sprache und Kultur geprägten Welt[…]“ (S.1), nahezu universelle Gültigkeit beigemessen werden kann. Außerdem wird der Leser durch die Beispiele zum eigenständigen Denken angeregt und erlebt einen direkten Praxisbezug des, ab und an, trockenen  bzw. sehr theoretischen Stoffes. Die Übungsaufgaben des Fachbuches sind, wenn auch sehr anspruchsvoll und eventuell zeitaufwendig, gut dazu geeignet, dass Erlernte zu vertiefen und umzusetzen.

Negativ ins Gewicht fällt jedoch, dass die Erklärung der Sachverhalte meist sehr kompliziert gestaltet ist. Auch eine Art Überblick oder ein Schaubild, beispielsweise zu den rhetorischen Stilmitteln, sucht man vergebens. Zudem is  zu beobachten, dass Plett eine hohe Zahl an fremdsprachlichen Begriffen verwendet. Diese werden allerdings nahezu immer sofort erklärt. Als Beispiel dafür soll der folgende Satz dienen. „Zwischen Einleitung und Beweisführung können sich manchmal propositio (griech. próthesis) = Themenstellung und/ oder divisio (partitio) = Glieder des Beweisgehalts schieben, während in anderen Redetexten Einleitung, Erzählung oder Widerlegung extrem verkürzt sind bzw. entfallen, je nach der aktuellen Redesituation.“ (S.19) Die verwendeten Ausdrücke werden zwar geklärt, doch wird das flüssige Lesen des Textes dadurch deutlich gehemmt. Dies mag gegebenenfalls dienlich sein, denn es verhindert, dass der Leser den Text einfach überfliegt ohne darüber nachzudenken, jedoch kann es auch dazu führen, dass sich das Lesen sehr in die Länge zieht und der Text „zäh“ erscheint.

Abschließend ist zu sagen, dass „Einführung in die rhetorische Textanalyse“ ein ausgezeichnetes Buch ist. Es erfordert ein konzentriertes Arbeiten und wer einen klaren Überblick über rhetorische Stilmittel sucht, wird ihn in diesem Fachbuch wohl nicht finden. Sucht man aber die Hintergründe über die Rhetorik und interessiert sich für die Theorie(n) dahinter, ist „Einführung in die rhetorische Textanalyse“ definitiv lesenswert.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Holger Tröger. Jahr: 2007

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