Einführung in die Psycholinguistik

Slobin, Dan I.

Berlin: Scriptor 1974

 

„Einführung in die Psycholinguistik“ von Dan Isaac Slobin ist 1974 im Rahmen der Reihe „Linguistik und Kommunikationswissenschaft“ in der von Angelika Becker übersetzten Fassung im Scriptor Verlag für wissenschaftliche Veröffentlichung als Hardcover- Ausgabe erschienen.

Wie bereits aus dem Titel dieses Werkes hervorgeht, gibt der Autor und Psycholinguistiker Dan I. Slobin, der vielen Linguisten und Studierenden aus der frühkindlichen Sprachforschung ein Begriff sein wird, mit diesem 154 Seiten starken Werk eine Einführung in das sprachwissenschaftliche Arbeitsgebiet der Psycholinguistik. Diese interdisziplinäre Wissenschaft wird in einer kurzen aber prägnanten Einleitung von Slobin selbst leicht verständlich definiert :

„ Die Psycholinguistik verbindet das theoretische und empirische Werkzeug von Psychologie und Linguistik; ihr die Ziel ist die Erforschung der geistigen Prozesse, die dem Erwerb und Gebrauch der Sprache zugrunde liegen[1]

Dabei nimmt er unter anderem Bezug auf Noam Chomsky, der dem Leser noch des Öfteren begegnen wird - sowohl in einleitenden Zitaten als auch in seinen Theorien-da sich dieses Werk, wie Slobin in den Anmerkungen verlauten lässt, stark an dessen Syntaxtheorie der generativen Transformationsgrammatik orientiert.

Wie der Leser im ansprechend kurzen und sympathischen aber dennoch informativen Vorwort erfährt, basiert dieses Buch auf ausgewählten Aspekten einer 22 wöchigen Vorlesung in Berkeley, die der Autor dort zu Beginn der 70er Jahre gehalten hat.

Die Auswahl der Themen legt einen klaren Schwerpunkt des Werkes auf die Grammatik in der Psycholinguistik, mit welcher sich drei der fünf Kapitel des Buches befassen.

Diese fokussieren das Zusammenspiel von „Grammatik und Psychologie“[2], die „ Psycholinguistischen Untersuchungen der Grammatik“[3] und „Die Sprachentwicklung beim Kind“[4] in Bezug auf den frühkindlichen Erwerb der Grammatik. Die übrigen zwei Kapitel sind den Problemen der Semantik sowie der Sprache im Zusammenhang mit Kognition gewidmet.

Informiert man sich als potentieller Leser also vorab ausreichend über die Schwerpunktsetzung dieses Werks, was bereits ein kurzer Blick ins Inhaltsverzeichnis gewährleistet, ist man sich schnell darüber im Klaren, dass hier einige Gebiete der Psycholinguistik nur sehr kurz oder überhaupt nicht angesprochen werden und kann dann entscheiden, ob die vorliegende ‚Spezialisierung’ zur eigenen Fragestellung und Thematik passt. Leider wird hier nicht genannt, auf welche Aspekte genau verzichtet wurde, so dass der Leser auch nicht nur ansatzweise die Teilgebiete der Psycholinguistik zumindest namentlich kennen lernen und sich zu den vernachlässigten Themengebieten gezielt anderweitig informieren könnte.

Anders als es häufig bei wissenschaftlichen Publikationen der Fall ist, ist das verwendete Vokabular hier auch für den Durchschnittsleser verständlich, zum einen wohl weil sich die Basiselemente des Buches ursprünglich an Studierende richteten, zum anderen auch weil Slobin zu den jeweiligen Fachtermini eine kurze aber prägnante appositionsartige Erläuterung gibt.

Auch unter einem anderen Aspekt kommt dem Leser der ursprüngliche Adressat des hier vermittelten Wissens zu Gute. Slobin trägt nicht bloß fachspezifisches Wissen der Psycholinguistik zusammen, sondern gibt auch Erläuterungen und Beispiele zu denBezugselementen der einzelnen Teilgebiete der gemeinen Linguistik, so dass ein gefestigtes germanistisches Grundwissen ausreicht, um die Inhalte nachvollziehen zu können. So werden beispielsweise komplette Satzanalysen der verschiedenen Grammatiken durchgeführt, die dem Leser das Verständnis deutlich erleichtern. ‚Neulinguisten’ erhalten so eine Einführung in das Grundwissen der Linguistik im Allgemeinen und für Studenten wird eventuell Vergessenes rekapituliert. Fortgeschrittene oder gefestigte Linguisten dagegen könnten eine Repetition solchen Basiswissens zwar als störend empfinden, doch sollte ein Blick ins Vorwort genügen, um diese als potentielle Zielgruppe dieses Werkes ausschließen zu können.

Diese Werk ist, wie der Titel bereits deutlich macht, eben nur als eine „Einführung in die Psycholinguistik“ gedacht und sowohl sprachlich als durch die Aufbereitung der Inhalte bestens als solche für die behandelten Themengebiete geeignet- wobei es einzig zu bemängeln gilt, dass bereits eine deutliche Spezialisierung vorliegt, so dass dieses Werk nicht die einzige einführende Lektüre bleiben sollte, um einen unfassenden Einblick in das Forschungs- und Arbeitsgebiet der Psycholinguistik zu erhalten.

Da dieses Werk allerdings bereits vor 30 Jahren entstanden ist, empfiehlt es sich außerdem, das hier Gelesene durch neuere Literatur zu ergänzen und zu verifizieren, da sich die Psycholinguistik als noch relativ junges Forschungsgebiet schnell und unter Einfluss neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Möglichkeiten breit gefächert weiter entwickelt hat.Zwar liefert Slobin nicht nur mit der enthaltenen Bibliographie mögliche weitere Autoren und Werke, sondern macht in den Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln diverse Lektürevorschläge, doch können auch diese aufgrund ihres Alters keine Aktualität und Vollständigkeit derErkenntnisse und Ergebnisse der Forschung mehr garantieren.


[1] „Einführung in die Psycholinguistik“; Dan I. Slobin; 1974; Scriptor Taschenbücher: Linguistik und Kommunikationswissenschaft, S. 9

[2] Übernahme der Kapitelbezeichnungen aus dem rezensierten Werk; S. 5

[3] s. oben Slobin (1974)

[4] s. oben Slobin (1974)

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Vivienne Heinrichs. Jahr: 2005

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