Einführung in die Linguistik

Zarnikow, Annemarie

Frankfurt/M.: Verlag Moritz Diesterweg 1973

 

Die Autorin möchte einen Einblick in die Entwicklung der modernen Linguistik der letzten Jahrzehnte bis etwa 1970 geben. Hauptsächlich berücksichtigt sie dabei die außerdeutsche Entwicklung der Sprachwissenschaft. Des Weiteren liefert sie einen Überblick über verschiedenste Modelle und Theorien, die aus benachbarten wissenschaftlichen Disziplinen entstanden sind.

Das Buch ist in zwei größere Abschnitte aufgeteilt. Der erste Abschnitt besteht aus fünf Kapiteln und befasst sich mit der Entwicklung der modernen Linguistik bis 1970. Das erste Kapitel "Absicht der Darstellung" beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Beginn der modernen Sprachwissenschaft, die mit den Betrachtungsweisen des Genfer Linguisten Ferdinand de Saussure eingeleitet wurde. Die Autorin gibt anhand sehr anschaulicher Beispiele einen Einblick in de Saussures sprachwissenschaftliche Grundbegriffe. Im zweiten Kapitel "Strukturalismus" liefert die Autorin einen kurzen Überblick sowohl über die europäischen Schulen des Strukturalismus (Prager Schule, Kopenhagener Schule, Französischer Strukturalismus) als auch über den amerikanischen (taxonomischen) Strukturalismus. Das dritte Kapitel "Generative Grammatik" geht zunächst kurz auf Harris (Noam Chomskys Lehrer) und seine Distributions-Methode ein. Anschließend folgt eineÜberleitung zu einer Einführung in die beiden frühen Hauptwerke Chomskys, nämlich "Syntactic Structures" (1957) und "Aspekte der Syntax-Theorie" (Aspects of the Theory of Syntax, 1965). Im dritten Kapitel "Zusammenfassung" und im vierten Kapitel "Einige Anmerkungen zur deutschen Sprachwissenschaft" macht die Autorin noch einmal deutlich, dass es Ziel des ersten Abschnittes war, einen ersten Einblick in die Entwicklung der Sprachwissenschaft im 20. Jahrhundert zu gewähren. Außerdem betont sie, sie habe sprachwissenschaftliche Theorien deutscher Autoren derselben Zeit nicht berücksichtigt, da deren Werke stets allgemein zugänglich waren und im Wesentlichen die Richtung der bekannten deutschen Grammatik bestimmt haben.

Der zweite Abschnitt des Buches, wiederum unterteilt in fünf Kapitel, gibt nun einen Einblick in die Erweiterung des linguistischen Forschungsbereiches. Das erste Kapitel über "Linguistik und Pragmatik" erklärt, wie es zur Kritik an der ,reinen' Linguistik kam. Daraufhin werden die verschiedenen Theorien bzw. Modelle aus benachbarten Forschungsbereichen vorgestellt. So zum Beispiel: die Kommunikationstheorie, das Semiotik-Modell von Morris, das Organon-Modell der Sprache von Bühler und das Modell des Sprachverhaltens von Wunderlich. Im zweiten Kapitel über "Linguistik und Philosophie" werden zwei Bereiche, die die Linguistik beeinflussten, behandelt. Zum einen ist dies die formale Logik und zum anderen die sprachanalytische Philosophie. Da es nicht möglich ist, einen Überblick über die formale Logik zu geben, verweist die Autorin auf spezielle Fachbücher, die auch für "Nichtfachleute" leicht verständlich aufgebaut sind. Um einen Einblick in die sprachanalytische Philosophie zu geben, beginnt die Autorin mit einem Hinweis auf Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen" (Philosophical Investigations) und leitet dann über zu der Sprechakttheorie der Sprachphilosophen Austin und Searle.

Das dritte Kapitel "Soziolinguistik" befasst sich mit der Entstehung der Soziolinguistik in den 1960er Jahren, als Folge von zunehmender Kritik an der reinen (strukturalistischen) Linguistik. Um einen kurzen Einblick in diese Disziplin zu gewähren, geht die Autorin kurz auf die Hypothesen der zwei Soziologen Basil Bernstein und Ulrich Oevermann ein. Diese gaben hauptsächlich den Impuls in der soziolinguistischen Forschung. Die Autorin räumt aber im Abschluss des Kapitels ein, dass es noch keine alles umfassende soziolinguistische Theorie gebe, und verweist anschließend auf zwei Aufsätze anderer Autoren.

Im vierten Kapitel "Psycholinguistik" wird erklärt, dass diese Disziplin sich mit der menschlichen Sprechtätigkeit und dem Verhältnis von Sprache und Denken im Individuum beschäftigt. Die Verfasserin macht dabei deutlich, dass es zwei Gruppen von Psycholinguisten gibt, die einander feindlich gegenüber stehen. Zum einen sind dies die Behavioristen mit ihrer Stimulus-Response-Theorie, und zum anderen sind dies die Rationalisten, deren Hauptvertreter Chomsky, Katz und Lenneberg sind. Auch hier erläutert sie kurz, dass nicht über das gesamte Gebiet der Psycholinguistik berichtet werden kann. Es soll lediglich gezeigt werden, dass die Linguistik in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Psychologen dazu beiträgt, Fragen zu klären wie z.B.:Wie hat der Mensch seine Sprache erworben?

In der "Schlussbemerkung" im fünften Kapitel  macht die Autorin noch einmal deutlich, dass es Ziel dieses Buches war, einen Einblick zu gewähren. Dieser Einblick könne aber immer nur eine Momentaufnahme sein, und es gebe in der modernen Linguistik keine Frage, die ein für allemal geklärt wäre.

Annemarie Zarnikow gewährt einen ersten Einblick in die Linguistik zu Beginn der 1970er Jahre und in damals neueste Forschungsansätze aus Nachbardisziplinen. Anhand zahlreicher Verweise auf weitere Fachliteratur bietet sie dem Leser die Möglichkeit, sich über das Gelesene hinaus weiter in das Thema einzuarbeiten. Wenn man stets berücksichtigt, dass dieses Buch schon 1973 erschien, dann bietet es eine gute Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck von dem Begriff "Linguistik" zu machen. Die Autorin benutzt sehr anschauliche Beispiele, anhand derer sie die verschiedenen Begrifflichkeiten erklärt. Da dieses Buch eine Fülle von Querverweisen zu weiterer Fachliteratur bietet, erweist sich dies als eine gute Gelegenheit, sich zuerst einen Überblick zu verschaffen, um dann das vorhandene Grundwissen durch zusätzliche Fachlektüre zu erweitern.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Constanze Warthmann. Jahr: 2002

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