Einführung in die Geschichte der Sprachwissenschaft

Brekle, Herbert Ernst

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1985

 

Der Autor möchte Lesern, die sich zum ersten Mal mit Sprachwissenschaftsgeschichte beschäftigen, die Fragestellungen und Methoden dieser Disziplin vorstellen. Dies soll anhand eines theoretischen Eingangskapitels und anhand weniger, exemplarisch ausgewählter Autoren verschiedener Epochen geschehen.

Das Buch ist in zehn Kapitel unterteilt. Das erste Kapitel “Was heißt und zu welchem Ende studiert man Sprachwissenschaftsgeschichte?” behandelt methodische, methodologische und substantielle Fragestellungen der Sprachwissenschaftsgeschichte, zum Beispiel wovon die Historiographie der Sprachwissenschaft handelt.

Im zweiten Kapitel “Kritische Betrachtung vier neuerer Geschichten der Sprachwissenschaft” stellt der Autor vier Werke vor (z. B. R. H. Robins: ,A Short History of Linguistics‘), die einen Überblick über den geschichtlichen Verlauf der Sprachwissenschaft geben, und kritisiert diese.

Das dritte Kapitel “,Volkslinguistik‘: ein Gegenstand der Historiographie der Sprachwissenschaft?” definiert zunächst den Gegenstandsbereich der Volkslinguistik und klärt, weshalb sie berücksichtigt werden sollte. Zudem enthält es Beispiele für volkslinguistische Äußerungen, wie etwa den Bereich der Sprachmagie.

Im Kapitel “Sprachtheorie und Grammatik bei den Stoikern” führt der Autor zuerst kurz in die stoische Philosophie ein und bietet dann eine kritische Auseinandersetzung mit exemplarisch ausgewählten heutigen Interpretationsansätzen, die stoische Begriffe zu klären versuchen, so z. B. die Frage, welchen Stellenwert der Vokativ innerhalb der stoischen Lehre einnimmt.

Im Mittelpunkt des fünften Kapitels “Ein Blick auf die Anfänge der arabischen Sprachwissenschaft” steht die beginnende Entwicklung der arabischen Grammatik. Hierzu gibt Brekle als erstes einen Abriß der arabischen Sprachgeschichte bis zum zwölften Jahrhundert, wobei er einen Disput zwischen zwei Gelehrten (al-Sirafi und Matta) exemplarisch aufgreift und näher erläutert.

Das sechste Kapitel “Zur Sprach- und Grammatikauffassung von Juan Luis Vives (1492-1540)” stellt am Anfang knapp den sprachwissenschaftlichen Wandel in der Renaissance dar, beschreibt dann den Lebenslauf Vives und führt in die neuere Sekundärliteratur über Vives ein. Des Weiteren enthält das Kapitel eine teilweise interpretierende Darstellung von Vives erstem Buch “De censura veri”, wobei Brekle auf einige Thesen hinweist, die von heutigen Erkenntnissen abweichen oder mit ihnen übereinstimmen.

Im siebten Kapitel “Benedetto Buommattei: ,Della lingua toscana‘ (1623, 1643)” wird ein Autor vorgestellt, der in der Sekundärliteratur bislang wenig Beachtung fand. Dies geschieht durch eine kurze Darstellung von Buommatteis Lebensumständen und durch die Erläuterung einiger Positionen aus dem ersten Band seiner zweibändigen Grammatik, die beispielsweise phonetisch-phonologische Überlegungen zur toskanischen Sprache enthält.

Das zentrale Thema des achten Kapitels “Wolfgang von Kempelen: ,Mechanismus der menschlichen Sprache nebst Beschreibung einer sprechenden Maschine‘ (1791)” ist von Kempelens Entwicklung einer Sprechmaschine. Brekle stellt zunächst dar, welches Erkenntnisinteresse die Sprachwissenschaft zur Zeit von Kempelens hatte, welche Forscher ihn mit ihren Erkenntnissen beeinflusst haben und inwiefern er die zukünftige Forschung beeinflusst hat. Dann geht Brekle dazu über, einige Theorien von Kempelens (unter anderem seine Vokaltheorie) mit dem heutigen Forschungsstand zu vergleichen.

Das neunte Kapitel “Ein frühes Plädoyer für eine relationslogische Analyse der Verben und Präpositionen: John Fearns ,Anti-Tooke‘ (1824/27)” diskutiert einige der philosophisch orientierten grammatisch-theoretischen Positionen Fearns, die auf der Kategorie der Relationen beruhen. Der Schwerpunkt des Kapitels liegt auf Fearns Betrachtungen über Verben und Präpositionen.

Das Thema des letzten Kapitels “Eine Neueinschätzung der wortbildungstheoretischen Ansätze in Karl Bühlers ,Sprachtheorie‘ (1934)” ist die Darstellung eines Teilbereichs (Analyse von Komposita) von Bühlers Theorie, wobei Brekle die Bedeutung dieser Theorie für die heutige Linguistik betont. Zum Schluss folgen Bibliographie und Personenregister.

Der Autor widmet den einzelnen Epochen, die er ausgewählt hat, jeweils ein Kapitel. Die Kapitel bauen nicht aufeinander auf. Brekle leitet jedes Kapitel ein, indem er das Thema knapp zusammenfasst, bevor er es ausführlich behandelt. Das Buch bietet einen stark komprimierten Überblick darüber, wie Sprachwissenschaftsgeschichte betrieben werden kann. Auf eine allgemeine, möglichst allumfassende Darstellung von Epochen und Autoren verzichtet Brekle zugunsten weniger, beispielhaft ausgewählter Autoren, so dass der Leser sich zusätzlich einen allgemeineren Überblick durch weiterführende Literatur verschaffen sollte. Besonders interessant ist, dass die vorgestellten Autoren laut Brekle von der Forschung bislang vernachlässigt wurden. Somit kann das Buch für den Leser auch eine Anregung zu weiterer eigener Forschung sein. Für das Verständnis der Theorien sind gute linguistische Kenntnisse notwendig. Zudem werden die zahlreichen fremdsprachlichen Zitate (z. B. italienisch) nicht übersetzt, was unter Umständen das Verstehen der Argumentation erschweren kann. Die Einteilung der einzelnen, nicht aufeinander aufbauenden Kapitel ist durch die einleitenden Zusammenfassungen der jeweiligen Themen übersichtlich gestaltet. Dadurch ist das Buch auch für den Leser brauchbar, der nur einen Einblick in eines der Themen wünscht.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Nicole Rutkowski. Jahr: 2001

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