Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung

Braem, Penny Boyes

(=Internationale Arbeiten zur Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Band 11). Hamburg: Signum-Verlag 1992

Wie der Titel schon sagt, befasst sich Penny Boyes Braem mit der Erforschung der Gebärdensprache. Diese Erforschungen umfassen die letzten dreißig Jahre, die wichtigste Zeit der Erforschung der Gebärdensprache. Als Gegenstand für ihre Arbeit nimmt sie die visuell-gestischen Codes, die in den Gehörlosengemeinschaften der ganzen Welt auf natürliche Weise entstanden sind. In dieser Einführung geht Braem auf die ständig in der Bevölkerung aufkommenden Fragen ein, ob die Gebärdensprache überhaupt eine Struktur besitzt und wenn ja, wie sie aufgebaut ist. Um diese Fragen zu klären, führt sie zunächst in die Geschichte ein. Sie sagt, dass bis zu den 60er Jahren davon ausgegangen wurde, dass Gebärdensprache keine eigentliche Sprache sei, sondern eine Ansammlung globaler Gesten. Erst danach erkannte man, dass die Gebärdensprache eine ganz natürliche Sprache ist, die eine eigene linguistische Struktur besitzt und demnach genauso aufgebaut ist wie jede hörbare Sprache. Um näher auf das Erforschte eingehen zu können, unterteilt Braem das Buch in drei große Abschnitte, die jeweils in mehrere Kapitel unterteilt sind.

1) Die Bausteine einer visuell-gestischen Sprache

Braem erläutert zunächst die Kommunikationsmittel der Gebärdensprache. Das sind, anders als in der gesprochenen Sprache die oral-akustischen Kanäle, die manuellen und nicht manuellen Ausdrucksmittel, wie z.B. Hände, Arme, Kopf, Oberkörper, Gesichtsausdruck, Mundbild und der Blick. Dabei sind ganz wichtig die sich minimal untereinander unterscheidenden Handformen, Handstellungen, die Ausführungsstelle und die Bewegung. Zu beachten sind auch die sublexikalischen Regeln der Symmetrie und der Dominanz der Hände. Als nächstes geht Braem auf die Schwierigkeit der Notation der Gebärdensprache ein, da sie sonst schwer zu erlernen ist. Aber es hat sich nach vielen Ansätzen noch immer keine richtige Notation durchsetzen können, so dass es noch kein durchgängiges Notationssystem gibt.

Nun kommt Braem darauf zu sprechen, dass viele Menschen die Gebärensprache mit der Pantomime gleichsetzen, was aber keineswegs der Fall ist, da der Pantomime seinen ganzen Körper, der für sich selbst steht - im Gegensatz zu in der Gebärdensprache der Gebärdenraum um Gesicht und Oberkörper, wobei der Körper für linguistische Symbole steht - einsetzt.

Des Weiteren gibt es zwar viele sogenannte ikonische (bildhafte) Gesten in der Gebärdensprache, die jeder Laie versteht, aber diese umfassen nur etwa ein Drittel aller Wörter. In der Geschichte haben die Gesten nämlich an Bildhaftigkeit verloren, weil der Gebärdenraum eingeengt wurde, die Symmetrie der Hände eingeführt wurde und mehrteilige Gesten durch eine zusammengefügte Geste ergänzt wurden. Demnach sind die ikonischen Gesten natürlich für Hörende einfacher zu lernen, weil sie sich darunter etwas vorstellen können. Für die Anwender der Gebärdensprache ist dies aber egal, da sie nicht in Bildern, sondern im linguistischen Code denken.

2) Die Grammatik einer visuell-gestischen Sprache

Bei einer genaueren Untersuchung der Grammatik der Gebärdensprache stellte sich heraus, dass sie dieselben universellen linguistischen Funktionen wie eine gesprochene Sprache besitzt Es wurde eine Studie über das Produktionstempo der Gebärdensprache gemacht, und es stellte sich heraus, dass die einzelnen Gebärden fast doppelt so lange an Zeit beanspruchen wie ein gesprochenes Wort, aber dass der Inhalt eines ganzen Satzes genauso schnell produziert wird. Als Antwort auf die Frage, warum das so ist, sagt Braem, die Gebärdensprache gebe die Grammatik schneller wieder, da sie gleichzeitig durch die Gesten produziert und mit den Augen wahrgenommen werden kann. Dagegen muss man in der gesprochenen Sprache alle Wörter sprachlich formulieren, was einen enormen Zeitaufwand im Vergleich zu der Gebärdensprache beansprucht. Braem geht nun näher auf die grammatikalischen Funktionen eines Körperteils ein, indem sie erklärt, dass bestimmte Wörter durch von einer Seite zur anderen bewegende Gesten, verschiedene Handhaltungen und bestimmte Blickrichtungen klar werden. Somit werden Tätigkeiten, pronominale Referenz, Beziehungen zwischen einzelnen Wörtern und Zeitangaben verdeutlicht.

Ein zweiter wichtiger Aspekt sind die nichtmanuellen Komponenten der Grammatik in der Gebärdensprache. Durch Gesichtsausdruck, Haltung, Mundbilder und Kopfbewegung wird die Gebärdensprache viel deutlicher gemacht, als es in der gesprochenen Sprache der Fall ist. Bei Fragen oder ähnlichen Sätzen dienen sie aber auch zur Verstärkung der manuellen Gesten.

3) Varianten, Anwendung und Erwerb der Gebärdensprache

Braem betont im nächsten Abschnitt, dass es keine feste Gebärdensprache gibt, die für die ganze Welt gilt, sondern dass diese von Land zu Land ähnlich, aber doch unterschiedlich ist. Um miteinander kommunizieren zu können, lernen die meisten Gehörlosen als Fremdsprache die amerikanische Gebärdensprache, verständigen sich mehr pantomimisch oder sprechen eine Mischform, die allgemein üblich ist (International Sign Communication). Die Gebärdensprache ist demnach der gesprochenen Sprache in allem sehr ähnlich, auch was die von Region zu Region unterschiedlichen Dialekte betrifft. Aber eine Standardisierung der Gebärdensprache ist nicht von Nöten, da die Verständigung klappt. Zudem kommt Braem auf die unterschiedlichen Stile der Gebärdensprache zu sprechen, z.B. die Kindersprache, Plaudern, akademisch, witzig oder poetisch. Ein nächster wichtiger Punkt umfasst die (Gebärden-/Laut-) Mischsprache, eine Zusammensetzung aus Gebärden- und Lautsprache, die meistens in Anwesenheit eines Hörenden gesprochen wird.

Die Erforschungen und Studien von Braem haben gezeigt, dass die Gehörlosen zumeist unter sich ihre eigene Kultur bilden und sich abgrenzen. Da aber etwa 90% aller gehörlosen Kinder hörende Eltern haben, hat die Gehörlosenschule viel Arbeit zu leisten. Die Lehrer solch einer Schule lehren die gesprochene Sprache, während die Gebärdensprache nur außerhalb des Klassenraums gesprochen werden darf, damit die Kinder sich besser in der überwiegenden Welt der Hörenden zurechtfinden können und sich auch die Haltung von Hörenden gegenüber Gehörlosen ändert, da diese zumeist äußerst negativ ist. Die Gebärdensprache lernen die Kinder demnach nur durch den praktischen Umgang mit anderen gehörlosen Kindern, wie zum Beispiel beim Unterhalten in den Schulpausen.

Eine weitere Form der manuellen Kommunikation liegt im Fingeralphabet, welches aber von den Gehörlosen selber nur zum Buchstabieren der Lautsprache oder Namen benutzt wird. Noch eine Form ist die gebärdete Lautsprache, wo die einzelnen Gebärden vom Aussprechen des Wortes begleitet sind. Sie ist aber nicht zu verwechseln mit der Mischform. Die gebärdete Lautsprache enthält viel mehr Gebärden, da sie linear nach der Struktur der gesprochenen Sprache angewendet wird. Sie wird deshalb auch fast nur in der Schule verwendet, um den gehörlosen Kindern die gesprochene Sprache näher zu bringen.

Als nächsten großen Unterpunkt markiert Braem die Erforschung über das unterschiedliche Erwerben der Gebärdensprache. Dabei wurden viele Studien über den natürlichen Erwerb von gehörlosen Kleinkindern im Vergleich zu hörenden Kindern angestellt, wobei dieser Teilbereich der Erforschung noch immer nicht gänzlich abgeschlossen ist und somit nur einige Aspekte dieser Studien näher erläutert werden. In den bereits erforschten Studien stellte sich heraus, dass die Kinder etwa gleich schnell lernen, wobei sich das später differenziert in Gebärden auf der einen und Wörter auf der anderen Seite. Daraus wird geschlossen, dass, auch wenn alle Kinder zuerst besser Gebärden verstehen können, die Gebärden dennoch gleich schnell mit der Sprache erlernt werden. Braem geht näher darauf ein, wie das gehörlose Kind bei gehörlosen Eltern die Sprache erwirbt, indem die Mutter die Gesten oft wiederholt und am Körper des Kindes ausführt. Des Weiteren stellte sich heraus, dass all die Kinder, die die Gebärdensprache erst im Kindergarten oder in der Schule lernen, sie niemals so gut beherrschen wie von Geburt an lernende Kinder.

Zum Schluss betont Braem, dass die Forschung auf dem Gebiet der Gebärdensprache noch keineswegs abgeschlossen ist und es wahrscheinlich noch lange dauern wird, ehe man noch viele Einzel- und Randgebiete dieser Sprache erforscht hat. Für mich war dieses Buch sehr interessant zu lesen. Da ich mich schon immer mit der Gebärdensprache beschäftigt habe und sie mich immer interessiert hat, hat mich der Titel des Buches auch direkt angesprochen. Wie Penny Boyes Braem auch schon in ihrer Einleitung bemerkte, ist dieses Buch nicht für Leute geschrieben, die die Gebärdensprache erlernen möchten, sondern an eine sehr vielseitige Leserschaft gewendet, die sich für dieses Thema interessiert. Deswegen hat die Autorin das Buch auch, meiner Meinung nach, in einer sehr verständlichen Art und Weise geschrieben. Gerade auch die vielen Bilder, um bestimmte Gesten zu verdeutlichen, lockern das Buch sehr auf und gestalten es anschaulicher. Auch die im Anhang noch einmal vermerkten Begriffserläuterungen, um das Buch für wirklich jeden Laien verständlich zu machen, finde ich sehr gut. Des Weiteren ist das sehr ausführliche Literaturverzeichnis zur weiteren Vertiefung des Themas sehr nützlich. Etwas schade, aber sicherlich auch sehr schwer für die Autorin, fand ich, dass sich das Buch nicht nur auf die schweizerdeutsche Gebärdensprache spezialisierte, sondern allgemein immer zwischen verschiedenen Arten von Gebärdensprachen gewechselt wurde. Auf der anderen Seite war aber gerade das auch sehr interessant und wichtig, um die ganzen Unterschiede deutlich werden zu lassen. Den Titel des Buches hätte ich etwas anders formuliert, da es meiner Meinung nach nicht direkt eine Einführung in die Gebärdensprache ist, sondern mehr die Erforschung in den Vordergrund stellt. Aber ansonsten finde ich dieses Buch sehr gelungen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Almut Lang. Jahr: 2001

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