Einführung in die feministische Sprachwissenschaft

Samel, Ingrid

Berlin: Erich Schmidt Verlag 1995

Die Autorin gibt einen Überblick über die wichtigsten Forschungsthemen, Positionen und Ergebnisse der feministischen Sprachwissenschaft. Dabei legt sie ihre Schwerpunkte auf die feministische Kritik an Sprache und Sprachgebrauch sowie auf die Betrachtung des kommunikativen Sprachverhaltens von Frauen und Männern. Jedes der sechs Kapitel gibt zu Beginn einen kurzen Abriss seines Inhalts.

Das erste Kapitel über „Entstehung und Themen der feministischen Sprachwissenschaft“ führt in die Thematik ein und erläutert Grundbegriffe wie „Sexismus“ und „Feminismus“. Außerdem stellt sich in diesem Kapitel die Frage nach einer sogenannten „Frauensprache“. Die Frage, ob es eine solche eigene Sprache gibt oder nicht, versuchten zum Beispiel Jespersen, Trömel-Plötz, Key und Lakoff zu beantworten, welche die weibliche Sprache als defizitär betrachten und damit die „Defizithypothese“ aufstellten. Eine andere Hypothese- die „Differenzhypothese“- wurde von Spender vertreten, welcher der Meinung ist, dass Frauen sich ihrer Fähigkeiten erst bewusst werden und diese nutzen sollten. Die dritte und letzte Hypothese - die „Code-Switching-Hypothese“ - geht davon aus, dass Frauen je nach Situation von einer Sprachvarietät (Code) in die anderewechseln, jedoch keine eigene Sprache benutzen. Somit bestätigte die erste Dekade der feministisch-linguistischen Forschung mit diesen drei Hypothesen also, dass es keine reine Frauensprache gibt, sondern Frauen allenfalls einen bestimmten Sprach- oder Sprechstil bevorzugen. Weiterhin werden in diesem Kapitel der Begriff der „patriarchalischen Sprachen“ (z.B. Deutsch auf Grund des Genussystems) erläutert und deren Sprechnormen kritisiert, womit man nun nicht mehr von Sprachwissenschaft, sondern von SprachKRITIK sprechen muss.


Das zweite Kapitel über „Sprachgebrauch und Sprachsystem in der feministischen Kritik“ stellt zunächst einige Aspekte der feministischen Sprachkritik vor, welche den Sprachgebrauch und das sprachliche System an sich kritisiert. Auch wird in diesem Kapitel auf den androzentrischen Sprachgebrauch eingegangen und die androzentrische Ersetzungsregel erläutert, welche besagt, dass maskuline Personenbezeichnungen neutral sind, also stellvertretend für die Bezeichnungen von Frauen gebraucht werden können, während feminine Personenbezeichnungen maskuline nicht ersetzen können. Daraus resultieren drei Ansätze zur Durchsetzung eines geschlechtergerechten Deutschs nach Pusch. Der erste Ansatz ersetzt das generische Maskulinum durch „Beidbenennung“, während der zweite Ansatz die „Neutralisation“ verficht. Der dritte Ansatz dann schlägt vor, ein „generisches Femininum“ einzuführen, also das Suffix „-in“ zu forcieren. Zum Ende wird in diesem Kapitel noch der Einfluss der Sprache auf Wahrnehmung und Denken erläutert, wobei von einem „Sprachdeterminismus“ ausgegangen wird, was bedeutet, dass Einzelsprachen und ihre grammatischen Strukturen Sprecherinnen und Sprecher stark beeinflussen.


Im dritten Kapitel über „Sprachwandel unter dem Einfluß der Frauenbewegung“ stellt sich die Frage, inwiefern die Thesen der feministischen Sprachwissenschaft einen Sprachwandel initiiert haben. Die feministische Sprachwissenschaft nimmt zum Beispiel daran Anstoß, dass sich das Indefinitpronomen „man“ auf Personen im Allgemeinen bezieht, da seine Nähe zum Substantiv „Mann“ etymologisch und semantisch nachweisbar ist. Also wurde das neue Indefinitpronomen „frau“ vorgeschlagen. Auch wurde von der feministischen Sprachwissenschaft gefordert, dass es feminine Berufsbezeichnungen geben sollte. Tatsächlich wurde 1979 geregelt, dass künftig männliche UND weibliche Berufsbezeichnungen verwendet werden mussten. Dabei ist die häufigste Art, aus maskulinen Berufsbezeichnungen feminine zu machen, die Motion auf „-in“, wobei jedoch nicht nur dieses Femininsuffix verwendet wurde, sondern auch Fremdsuffixe wie zum Beispiel das französische „-euse“.


Das etwas kürzer gehaltene vierte Kapitel über „Feministische Sprachpolitik“ erläutert zunächst deren Ziel, nämlich die Förderung des Sprachgebrauchs zur Gleichstellung der Geschlechter und die Eliminierung sexistischer Ausdrucksweisen. Hierzu werden zunächst die Merkmale sexistischen Sprachgebrauchs erläutert, welche zum Beispiel Beschimpfungen, „Nicht-Ausreden-Lassen“ oder die Entstehung von Gewalt aus dem Gesprächsverhalten heraus sind. Auch wird erklärt, dass sprachlicher Sexismus nicht nur in der Verwendung des generischen Maskulinums zum Ausdruck kommt, sondern auch in bestimmten Wörtern oder in dem, was diese Wörter an Nebenbedeutungen haben. Das Kapitel endet mit dem Verweis darauf, dass man alle sprachlichen Möglichkeiten ausschöpfen und nicht nur auf alt Bewährtes vertrauen sollte.


Im fünften Kapitel über „Feministische Gesprächsforschung“ werden unterschiedliche Methoden erklärt, mit denen das weibliche Gesprächsverhalten erforscht worden ist. Im einzelnen befasst es sich mit der Textanalyse, Befragungen, Beispielsammlungen und Beobachtungsanalysen, wobei jedoch der Schwerpunkt auf die Gesprächsanalyse gelegt wird. Die Gesprächsanalyse dient als Grundlage und Methode der Erforschung geschlechtsspezifischen Sprachverhaltens, wobei die Ausgangshypothese aller Untersuchungen die ist, dass es Privilegierungen von Männern und Diskriminierungen von Frauen gibt. Das bedeutet, dass das Sprachverhalten der Männer dominiert, und zwar durch Unterbrechungen, Wortergreifungen, Eigenübernahme und durch seitens der Frauen missglückte Versuche, das Wort zu ergreifen. Auch stellt dieses Kapitel einige Untersuchungsbereiche der Gesprächsforschung zum geschlechtstypischen Gesprächsstil vor. Ein Untersuchungsbereich dabei ist zum Beispiel die Fernsehdiskussion, da das Fernsehen das öffentlichkeitswirksamste Medium ist, womit ihm eine besondere Relevanz zukommt, gesellschaftliche Verhältnisse und somit auch das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, darzustellen.
Gegenstand des sechsten und letzten Kapitels „Geschlechtstypische Gesprächsstile“ sind kommunikative Verhaltensweisen, welchen Gesprächsmerkmale wie „autoritär“ oder „dominant“ zugrunde liegen. Auch werden in diesem Kapitel dominante und nichtdominante Formen des Gesprächsverhaltens erläutert. Mit dominanten Gesprächsformen ist gemeint, dass mit Mitteln wie Unterbrechungen und Themenwechseln die Themen eines Gesprächs gesteuert und kontrolliert werden. Nichtdominante Formen des Gesprächsverhaltens zeigen sich dagegen in Merkmalen wie Minimalbestätigungen, Unschärfemarkierern und Rückversicherungsfragen. Zum Ende des Kapitels werden nun noch die Unterschiede zwischen dem weiblichen und dem männlichen Gesprächsstil erläutert, wobei zu dem Schluss gekommen wird, dass der weibliche Gesprächsstil kooperativ und nichtdominant, der männliche Gesprächsstil dagegen nonkooperativ und dominant ist.


Das Buch schließt mit einer umfangreichen Literaturliste und einem Sachregister.
Auf Grund der vielen Einteilungen in Kapitel und Unterkapitel ist das Buch sehr gut gegliedert. Auch ist es meiner Meinung nach sehr gut zu lesen, da alle Grundbegriffe erklärt werden und somit alles auch für einen Anfänger auf diesem Gebiet gut verständlich ist. Eine empfehlenswerte Lektüre - nicht nur für Frauen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Kristin Wiethoff. Jahr: 2001

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