Einführung in die allgemeine Sprachwissenschaft. Sprachtypen, sprachliche Kategorien und Funktionen

Dauses, August

Stuttgart: Steiner 1997

 

Dauses trägt Überlegungen zur Entwicklung und zum Funktionieren von Sprache vor. Seine Überlegungen beziehen sich vorzugsweise auf die indogermanischen Sprachen. Er nimmt zur Sprachtypologie und zu typologischen Einteilungen Stellung, indem er sich kritisch mit dem Einfluß von indogermanischen Sprachen auf die linguistische Theoriebildung und die linguistische Terminologie auseinandersetzt. Dadurch versucht er, ein vorurteilsfreies Verständnis von Sprache und sprachlichen Funktionen zu schaffen.Zuerst charakterisiert Dauses in kurzen "Steckbriefen" die typologischen Merkmale einiger indogermanischer und auch nicht-indogermanischer Sprachen der Welt (Chinesisch, Vietnamesisch, Suaheli, Japanisch, Türkisch, Baskisch, Latein, Italienisch, Englisch) (Kap.1).

Im folgenden beurteilt er diese Betrachtungsweise als unzureichend, indem er auf die hohe Relativität sprachlicher Phänomene verweist. Jede Sprachcharakteristik erscheint ihm demnach willkürlich, wenn sie nicht dem Systemcharakter von Sprache und ihrer Diachronie, also dem historischen Wandel einer Sprache, gerecht wird. Die Sprachtypologie, die dieser Forderung gerecht zu werden versucht, handelt seiner Meinung nach durch die Aufstellung allgemeingültiger Organisationsprinzipien zu voreilig. Im folgenden untersucht er die Herausbildung und die Funktion grammatikalischer Kategorien in indogermanischen Sprachen. Dabei erläutert er dem Leser an vielen Beispielen, daß unser Vorverständnis von Grammatik zu selbstverständlich ist. So kritisiert er z.B. die unbewußte Einteilung von Wörtern in Wortkategorien, die nicht der von ihm geforderten sprachgeschichtlich zu deutenden Einteilung, nämlich der onomasiologischen Sicht, gerecht wird. Eine onomasiologische Betrachtungsweise erforscht, als Zweig der Semantik, welche Wörter im Laufe der Sprachentwicklung mit welcher Bedeutung gebraucht worden sind, so daß die Onomasiologie der von Dauses geforderten Diachronie gerecht wird (Kap.2).

Im Anschluß daran verdeutlicht er die hohe Relativität sprachlicher Kategorien, indem er die Verfügungsgewalt des Sprechers über seine Sprache betont, der diese Kategorisierung nach Belieben vornehmen kann (Kap.3). Darauf folgt eine Erläuterung des "syntagmatischen" und "pleonastischen" Prinzips. Hier wird erklärt, daß jedes sprachliche Phänomen kontextabhängig interpretiert werden kann und muß. Die hohe Relativität von Sprache, die durch den sich ändernden historischen Kontext erfolgt, wird besonders an der syntagmatischen Relativität von Sprache deutlich. Danach sind die Beziehungen einer linearen Abfolge und ihre Funktion (Syntagmatik), z.B. in zwei unterschiedlichen Sätzen, relativ, wenn sie die gleiche Information übermitteln. Diese Relativität drückt sich auch in Pleonasmen ( z.B. ,alter Greis‘) aus (Kap.4).

Im folgenden wird diskutiert, wie sich die Forderung der Systemlinguistik nach einem schematisch geordneten System zur Idiomatik mit ihrer hohen kategoriellen Vielfalt verhält (Kap.5). Diese kategorielle Vielfalt wird z.B. durch die Spracheigentümlichkeiten innerhalb eines Landes sichtbar.

Schließlich zeigt er auf, wie und warum sich Sprache und Sprachtypen im Laufe der Zeit verändern (Kap.6/7). Im folgenden Schlußwort gibt er eine kurze Zusammenfassung einiger Thesen. So definiert er die Aufgabe der Philologie folgendermaßen: "Eine Philologie, die die Gesamtsystematik der Sprache [...] verstehen möchte, darf nicht innerhalb der jeweiligen Kategorien oder Paradigmen nach dem Wesen suchen, sondern onomasiologisch außerhalb derselben, um zu verstehen, daß sie nur ein Teil eines viel größeren ist" (S. 122).Es werden ausreichend Beispiele gegeben, die helfen, den Ausführungen des Autors gut zu folgen. Dabei unterstützen einige Beispiele eine Gegenüberstellung indogermanischer und nicht-indogermanischer Sprachen. Problematisch ist die fachspezifische Terminologie, die das Verstehen - für Studienanfänger - sehr schwierig und teilweise sogar fast unmöglich macht.

Der durchweg fließende, kompakte Aufbau der Kapitel, ohne daß Thesen präziser dargestellt werden, und die Zersplitterung der Argumentationsstruktur durch die Beispiele führen beim Leser zu einer gewissen Orientierungslosigkeit. Wünschenswert wäre eine kurze Zusammenfassung nach jedem Kapitel gewesen, wie es im ersten Kapitel auch noch geschah. Angaben zu weiterführender Literatur sind leider ebenfalls nicht vorhanden. Das Buch gibt nur dann einen interessanten und guten Überblick über die Entwicklung und das Funktionieren von Sprache, wenn ausreichende Kenntnisse über die Terminologie der allgemeinen Sprachwissenschaft vorhanden sind. Interessant ist auch die auszugsweise Transkription der einzelnen Sprachen mithilfe der lateinischen Schrift.

Insgesamt richtet sich das Buch an sprachwissenschaftlich fortgeschrittenere Interessenten. Lesenswert dürfte es demnach erst gegen Ende des Hauptstudiums sein, da es dann gute sprachwissenschaftliche Kenntnisse fundiert vertiefen kann.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Stefanie Balakirew. Jahr: 1998

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