Die Kunste des Sprechens. Der kleine Hey

Hey, Julius

50. Aufl. Mainz: Music International 1997

 

Das ursprüngliche Werk von Julius Hey erschien um die Jahrhundertwende und sollte eigentlich nur eine für seine Schüler erstellte Gesangslehre darstellen. Da sich aber der Anwendungsbereich als viel größer entpuppte, als er erwartet hatte, gehörte das Buch bald auch zu den elementaren Grundlagen von Schauspielern, Sängern und all denen, die sich der praktischen Rhetorik in besonderem Maße widmen. Grund dafür war die überaus verbreitete fehlerhafte Aussprache. Daher fügte Hey auch sehr bald nachträglich einen "sprachlichen Teil"  hinzu. Dieser sprachliche Teil ist nun Grundlage dieser Rezension und soll näher beleuchtet werden.

Die nachträgliche Überarbeitung durch Fritz Reusch erfolgte im Hinblick auf die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Stimmphysiologie und Phonetik sowie auf den künstlerischen Auffassungswandel der Redekunst und Sprechgestaltung. Dies heißt, dass die Kapitel "Rhythmus und Dynamik in der Sprache" und "Übungsliteratur für den Unterricht" umgestaltet wurden und ein neuer Beitrag über "Das Stimmorgan" (Atmung, Tönung, Lautung) hinzugekommen ist.

Dieses Buch ist weniger zum Durchlesen als zum Durcharbeiten gedacht und in acht große Teile untergliedert.

Die Stimmprüfung

Unter "Stimmprüfung" versteht Hey eine eingehende anfängliche Prüfung der Stimme bzw. auch deren immer wieder durchgeführte Kontrolle. Ganz besonders wichtig erscheint dies für das Selbststudium, wobei es für einen Anfänger sicherlich nicht leicht sein wird, die eigene Stimme zu beurteilen und eventuell zu korrigieren. Um dies  zu erleichtern, stellt Hey in der Form jeweils einer Frage bzw. Antwort darauf eine Reihe von "Stimmfehlern" (Frage) und "Stimmhilfen" (Antwort) zur Verfügung, mit denen eine Beurteilung leichter fallen soll.

Die Lautlehre

In diesem Kapitel gibt Hey eine Einführung in sein Werk. Er erklärt die in den folgenden Kapiteln angebotenen Hilfsmittel. Diese sind allmählich aus dem Bedürfnis des Unterrichts heraus entstanden. Hey stellte fest, dass strenge Anleitung eine bemerkenswerte Besserung des Stimmorgans im Ganzen zur Folge hat. Auf dieser Erkenntnis baut er seine Sprechlehre auf. Für Hey ist der Vokal der elementare Grundstoff sowohl der Sprache als auch des Gesangs, was im Verlauf des Buches noch sehr gut zu erkennen sein wird.

Die sprachliche Behandlung der Vokale

Zu Beginn dieses Kapitels geht Hey auf die beiden Hauptgruppen, nämlich "helle" und "dunkle" Vokale, ein und erläutert sie. Auch nimmt er Stellung zu den sogenannten "Doppellauten", die er als neutral bezeichnet, da sie gewissermaßen zwischen den beiden Hauptgruppen stehen. Ebenfalls als neutral bezeichnet er den Vokal "a", da dieser Bestandteil fast jeden Doppellautes sei. In einem weiteren Schritt geht er auf die physiologische Bildung des Vokals ein und gibt eine Reihe von Beispielen und Übungen zum besseren Verständnis an. Dabei werden sehr oft Beispiele aus der Lyrik verwendet.

Die sprachliche Behandlung der Konsonanten (Artikulation)

Auch auf dem Gebiet der Konsonanten kann der Gegensatz zwischen den Lautgruppen (Vokalen) als Unterscheidungsmerkmal angewendet werden, denn er betrifft ebenfalls den lautlichen Ausdruckswert. Selbstlaute sind also die "Empfindungsträger" und werden als weibliche Elemente bezeichnet, während Mitlaute formbildend-plastisch wirken und daher männliche Formkräfte genannt werden. In diesem Kapitel werden die Konsonanten geordnet, und zwar im Hinblick auf ihre physiologische Entstehung sowie auf ihre Aussprache. Daraus ergeben sich folgende Gruppen: Klinger, Reibelaute und Verschlusslaute. Diese werden, ebenso wie die Vokale, anhand von Beispielen und Übungen sehr nah an der Praxis definiert.

Rhythmus und Dynamik in der Sprache

Nachdem der Hauptbestandteil dieses Buches, also fehlerfreie Aussprache und die natürliche Tongebung beim Sprechen, durchgearbeitet worden sind, kann auf einen weiteren sehr wichtigen Teil eingegangen werden, nämlich auf die Grundlagen der Sprechgestaltung.

Dazu gehören für Fritz Reusch, denn er hat dieses Kapitel ergänzt, die "Silben-, Wort- und Satzbetonung", "Hebung und Senkung des Sprechtons", "Sprachrhythmus und Versmaß" sowie "Zeilen- und Strophenform", welche ebenso ausführlich und praktisch erläutert werden, wie das für das ganze Buch charakteristisch ist.

Das Organ der Stimme

Mittelpunkt dieses letzten wichtigen Kapitels stellen Anatomie und Physiologie der Stimme dar. Die Anatomie wird als die Lehre vom Bau des Stimmorgans verstanden, und die Physiologie erforscht die Funktionen seiner Einzelteile. Diese beiden Teilbereiche werden zusammenfassend als "Stimmkunde"betrachtet. Da nach Hey die Stimme ihrem Ursprung und Wesen nach Ausdruck des Seelischen ist, kann keine Stimme gebildet werden, ohne dass der Mensch mitreift. Die Stimmkunde behandelt also die Gesetzmäßigkeit der Stimme ganz allgemein und hat in zweiter Linie mit dem Sprechen und Singen zu tun (vgl. S. 80). Dabei werden in diesem Kapitel die "Atmung", "Tönung" und "Lautung" in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt.

Im vorletzten Kapitel "Übungsliteratur für den Unterricht" wird eine Sammlung von Übungsliteratur angeboten, die Hey für geeignet hält, um das Gelernte durch weitere praktische Übung zu festigen.

Im Kapitel "Schrifttum" werden all die Werke aufgeführt, die bei der Neubearbeitung dieses Buches mit einbezogen wurden.

Insgesamt lässt sich dieses Buch meiner Meinung nach nur positiv bewerten, denn es ist sehr verständlich geschrieben, ohne die Zielgruppe durch übermäßige Fachbegriffswahl extrem einzugrenzen. Des Weiteren muss ich sagen, dass es einfach Spaß gemacht hat, die praktischen Übungen teilweise mitzumachen, denn so wurde es viel einfacher und kurzweiliger, dieses Buch zu lesen und vor allem zu verstehen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Mareike Schmidt . Jahr: 2002

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