Die Funktion der Sprache in der geistigen Entwicklung des Kindes

Lurija, A. R./ Judowitsch, F. Ia.

Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann 1970

 

Die sowjetischen Psychologen A.R. Lurija und F.Ia. Judowitsch thematisieren in ihrem Buch die systematische Erforschung der sprachlichen Entwicklung bei einem Paar eineiiger Zwillinge. Sie versuchen, durch ihre Arbeit die Rolle der Sprache nicht nur in bezug auf die soziale Umwelt, sondern auch hinsichtlich der Förderung des Verständnisses, der Kontrolle der Handlungen und Ermöglichung des Wachstums realistischer Vorstellungen von der Außenwelt zu verdeutlichen.

Die inhaltliche Struktur zeigt einen Bogenschlag von den theoretischen Grundlagen (Methoden und Theorien) hin zum praktisch Erlebbaren und experimentell Verifizierbaren. Nach den einleitenden Worten des Herausgebers thematisiert der erste Teil (I. und II. Abschnitt im Buch) die Rolle des Sprechens bei der Organisation geistiger Prozesse ebenso wie auch die Methoden zur Erforschung dieser Rolle. Demgegenüber widmet sich der zweite Teil (III. Abschnitt im Buch) einer psychologischen Charakterisierung der Probanden. Im dritten (IV. und V.) und vierten (VI. u. VII.) Teil des Buches erhält der Leser jeweils zuerst Erkenntnisse über die Ausgangssituation des Experimentes, d.h. über die Struktur und Funktion der Sprache bzw. die Struktur der geistigen Prozesse bei den Zwilligen. Jeweils nach der entsprechenden Situationsbeschreibung folgen dann die Ergebnisse der Versuchsverläufe, d.h. zum einen die experimentelle Entwicklung der Sprachfähigkeit der Zwillige und ihr Erfolg sowie zum anderen die Wandlungen in der Struktur der geistigen Aktivitäten im Zusammenhang mit ihrer Sprachentwicklung. Abschließend enthält das Buch im fünften Teil (VIII. Abschnitt) eine Zusammenfassung der erarbeiteten Erkenntnisse.

Bei den Probanden, die diese Art der experimentellen Ergebnisfindung erst ermöglichten, han-delte es sich um ein Paar fünf Jahre alter eineiiger Zwillinge, die an einer bestimmten Sprachstörung litten, welche eine Retardierung ihrer Sprachentwicklung bewirkte. Im Verlauf der Untersuchungen trennte man die beiden Zwillinge in ihrem alltäglichen Lebensraum (Kindergarten) voneinander und ließ bewußt dem schwächeren Zwilling (A) einen systematischen Sprachunterricht zuteil werden.

In der einleitenden Beobachtungsperiode (vor der Trennung) wurde deutlich, daß die Kinder in ihrer Zweisamkeit einander genügten und sich ein primitives Sprachsystem zu eigen machten, das bei der Kommunikation miteinander auf Lauten und einzelnen Wörtern beruhte, die untrennbar mit ihren Handlungen verknüpft waren; es gab keine allgemeine Begriffsbildung durch Abstrahierung. Das Verständnis der Zwillinge für die Sprache anderer war offensichtlich unbefriedigend. Durch die Trennung mußten sie sich jedoch einer erweiterten Kommunikation aussetzen. So wie die neue objektive Notwendigkeit zu sprachlicher Kommunikation gegenstandsbezogenes, objektives Sprechen in Erscheinung treten ließ, so rief der spezielle Sprachunterricht beim Zwilling A verstärkt differenzierte, entwickelte Sätze hervor.

Ebenso wie im Bereich des Sprachsystems zeigten sich auch im Spiel und bei der Projektarbeit Veränderungen. War ihr gemeinsames Spiel zuvor primitiv und monoton und stets auf das bloße Herumhantieren mit Gegenständen ausgerichtet, so ermöglichte ihnen der Spracherwerb, sich von der unmittelbaren Situation zu lösen und ihre Aktivität einem sprachlich formulierten Projekt unterzuordnen. Im Verhältnis der Zwillinge untereinander war eine Veränderung außerordentlich bemerkenswert. Durch das spezielle Sprechtraining gewann der Zwilling A, der zuvor noch der schwächere Teil der Zweierbeziehung war, die Oberhand. Er war stets derjenige, der die Initiative ergriff und dem sein Bruder nur passiv folgte.

Dieses 1956 in der UdSSR und 1959 in englischer Übersetzung erschienene Buch gibt einen interessanten Einblick in die experimentelle Sprachforschung. Durch die Verbindung der psycho-soziologischen und linguistischen Grundlagen mit den durch die umfangreichen Schilderungen und Beispielen erlebbaren Fortschritte der Kinder öffnet sich diese Arbeit einem breiten Spektrum von Lesern, das vom interessierten Laien bis hin zum Wissenschaftler jeden anzusprechen vermag.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Birgit Langer. Jahr: 1997

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