Die europäische Sprachgemeinschaft

Wandruszka, Mario

2. Aufl. Tübingen, Basel: Francke 1998

 

Mario Wandruszka beschreibt in dem vorliegenden Buch die Entwicklung europäischer Sprachen als einen dynamischen und andauernden Prozess. Anhand des Vergleiches der Sprachen Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch sowie durch die Untersuchung der Entwicklung der einzelnen Sprachen und ihrer regionalen Variationen zeigt er nicht nur gemeinsame Ursprünge, sondern auch die gegenseitigen Beeinflussungen auf, die zur europäischen Sprachgemeinschaft geführt haben.

Die politischen, kulturellen, sozialen, medizinischen und technologischen Schlüsselwörter werden heute in der internationalen Informations- und Kommunikationsgesellschaft durch die Medien verbreitet und gefestigt. Dies schafft ein Bewusstsein für die europäische Sprachgemeinschaft durch gemeinsame Brückenwörter, fördert eine "europäische Mehrsprachigkeit" und bietet eine Orientierungshilfe für den Fremdsprachenunterricht. Andererseits werden dadurch die vielen regionalen, z. T. grenzübergreifenden Mundarten gefährdet.

Viele Wörter konnten in ein internationales, sogar universelles Lexikon aufgenommen werden. Es gibt aber auch sogenannte "falsche Freunde", Wörter mit gemeinsamen Ursprüngen, die lautliche oder semantische Wandlungen in verschiedenen Sprachen erfahren haben.

Bestimmte Ursprungswörter waren in den einzelnen Sprachen verschiedenen gedanklichen Entwicklungen unterworfen. Wörter verschiedener Sprachen können im zeitlich späteren Vergleich gleich lauten, während die Wörter unterschiedliche Bilder beschreiben. Durch klimatische, wirtschaftliche, militärische, politische, kulturelle, soziale, religiöse Gründe kann es in der Geschichte erneut zu einer Bedeutungswandlung solcher Wörter gekommen sein, wobei sich die unterschiedlichen Ideen wiederum beeinflussten und zu einer weiteren Entwicklung führten. Deshalb bedeutet eine europäische Sprachgemeinschaft mehr als die Existenz gemeinsamer Schlüsselwörter: Es handelt sich um einen gemeinsamen Wortschatz, einen Bilderschatz für Ideen und Ideale, Erinnerungen, Träume, Sehnsüchte und Gefühle (vgl. S. 181).

Wandruszka untersucht zunächst gemeinsame Ursprünge der wichtigsten europäischen Sprachen (siehe Auflistung im Titel), die er in den Vergleich einbezieht, wie die aus anderen Sprachen übernommenen Fremdwörter, ihre Bedeutungswandlung und Angleichung an die jeweilige Sprache sowie die Metaphern und Redewendungen der verschiedenen Sprachen und deren mögliche gegenseitige Beeinflussung. All das wird von ihm anhand zahlreicher Beispiele veranschaulicht.

Neben den gemeinsamen Ursprüngen, vor allem dem lateinisch-griechischen Einfluss auf Wortbildungen und Bedeutungen, haben sich auch die entstandenen europäischen Sprachen im Laufe der Geschichte gegenseitig aus verschiedenen Gründen beeinflusst und spielten dabei jeweils eine entscheidende Rolle für kulturelle Entwicklungen. Verschiedene Weltsichten haben dabei in der Sprache ihren Niederschlag gefunden. Heute profitieren die Europäer von dieser Entwicklung, denn die Sprachen sind reich an Synonymen, die nebeneinander gebraucht werden und die Sprachlandschaft bereichern. Sprache wird aus analogem und metaphorischem Denken gestaltet. Innerhalb der einzelnen Sprachen gibt es verschiedene Sprachniveaus - verschiedene Anlässe für die Verwendung der Synonyme.

In einem mittleren Teil vergleicht Wandruszka die unterschiedlichen Sprachklänge. Hierbei wird vor allem der kräftigere Konsonantismus der germanischen Sprachen gegenüber den romanischen herausgestellt, während in einigen romanischen Sprachen der vokalische Ausklang wichtig ist, anders als z. B. im Deutschen, wo Endungen oft "verschluckt" werden.

Durch gegenseitigen Austausch zwischen Nachbarsprachen sowie durch regionale Mundarten existiert oft eine innere Mehrsprachigkeit. Wandruszka belegt das anhand des Vergleiches der verschiedenen deutschen Sprachen. Während beim Spracherwerb die Mundart für die "Erstfolie" noch eine Rolle spielen kann, sind dank des Schulsystems alle Sprecher einer Sprachgemeinschaft heute zur gegenseitigen Verständigung in einer gemeinsamen Verkehrssprache fähig und sprechen unter Verwendung verschiedener Synonyme weitere Gruppensprachen unterschiedlicher Sprachniveaus. Wandruszka verweist an dieser Stelle auf Chomsky, der durch die generative Transformationsgrammatik die unvollkommene Mehrsprachigkeit bewiesen hat, über die unbewusst jeder Mensch verfügt.

Abschließend fasst Wandruszka zusammen, dass nicht nur - wie von Trubetzkoj 1928 vorgeschlagen - innereuropäische Sprachbünde existieren, sondern alle gemeinsam, durch den gegenwärtigen Dialog mehr denn je, den europäischen Sprachbund bilden.

Das vorliegende Werk ist geeignet, Interesse für die Auseinandersetzung mit Sprachen zu wecken, und ist auch für Anfänger im Bereich der Linguistik — bis auf den kurzen Mittelteil über Sprachklänge — leicht verständlich geschrieben. Die Vergleiche mit den vielen anschaulichen Beispielen machen es zu einer spannenden Lektüre, die auch Nicht-Linguisten fesselt und zum Nachdenken über Europa und die europäische Geschichte einlädt. Zukünftig wird der Leser sich vielleicht der eigenen Mehrsprachigkeit eher bewusst werden. Bei Reisen könnte es dazu führen, dass er genauer hinhört.

Vielleicht kann dieses Buch sogar — wie Wandruszka es wünscht - zukünftige Fremdsprachenlehrer dazu motivieren, sich der schwierigen Aufgabe zu stellen, an die Brückenwörter anzuknüpfen und sie zu diesem Zweck zu bestimmen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Marion Appold. Jahr: 2000

Zurück