Dialekt und Identität. Diglottale Sozialisation und Identitätsbildung

Eßer, Paul

Frankfurt a.M., Bonn: Peter Lang Verlag 1983

 

Paul Eßers Versuch, eine bisher nicht existente Untersuchung von "Dialektsprachigkeit und Identitätsbildung" (S.29) zu erstellen, wirft ein großes Fragezeichen auf die Bereicherung des Wissenstandes der Linguistik, weil es meiner Meinung nach nur eine Komprimierung des vorhandenen Wissenschaftsmaterials ist. Es ist aber ohne weiteres als Einführung in die Sprachtheorien diverser Sprachforscher empfehlenswert. Die Dissertation entwickelt sich zunehmend zu einem Forschungsbericht. Sie besteht aus zwei Teilen, dem Aufarbeiten bereits vorhandener Forschungserkenntnisse und einer neuen Forschungsreihe.

Im ersten Teil versucht Eßer zum einem eine "Aufarbeitung der zu den verschiedenen Aspekten dieser Untersuchung existierenden Forschungsliteratur" (S.13) und zum anderen im "empirischen Teil" (S.13) eine "Analyse der Einzelbiographie" sowie eine "Untersuchung ihres sprachlichen und sozialen Umfeldes" (S.13). Basis für die Aufarbeitung sind neuester Forschungsstand, Selbsterfahrung und "Beiträge aus verschiedenen Wissenschaftsrichtungen" (S.13).

Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine sogenannte "Sprachgeographie" (S.15), welche die Verbreitung diverser Dialekte beschreibt. Eßer stellt im Einzelnen die Probleme des Dialektsprechers dar, welcher sich durch Alter, Geschlecht, persönliche Lebenserfahrungen, jeweilige Redesituationen, Redeanlaß und Adressat eine individuelle Sprachkompetenz angeeignet hat. Beim Versuch, den Dialekt zu charakterisieren, trifft Eßer eine allgemeingültige Aussage. Sie besagt, daß er mit "geringem Prestige" (S.27) ausgestattet ist und somit gleichzeitig als eine "diskriminierte Sprachvariante" (S.27) und als "eindeutiger Indikator für Unterschichtszugehörigkeit" (S.28) angesehen werden muß.
Der Vorteil der Dialektsprache liegt für Eßer in der Gruppenzugehörigkeit und der Identität in der Region, wobei ein "soziales Bewußtsein aus der ökonomischen Struktur" (S.47) gefördert wird. Die Nachteile liegen in dem schlechteren Gesellschaftsstand und einer "eingeschränkten, intellektuellen Reichweite" (S.47). Eßer zählt den Dialekt zur Mundart und nicht zu einer Umgangssprache, was er mit einem Zitat von Hennig Brinkmann belegt: "Die Sprache, in der sich heute Mundart und Hochsprache begegnen, pflegen wir 'Umgangssprache' zu nennen." (S.40) Im Gegensatz zur Hochsprache greift der Dialekt mehr auf "Gestik und Mimik" (S.52) zurück.

Im zweiten Punkt des ersten Teils beschäftigt sich Paul Eßer mit dem Begriff der Identität, der mit Hilfe von Ulrike Bezzenberger als "inhaltlich definierter Platz in einem Sozialsystem", aber auch als "Leistung" definiert wird, welche ständig wieder erbracht werden muß (S.93). Frau Bezzenberger führt weiterhin aus, "zwischen persönlicher und sozialer Identität müsse ein Gleichgewicht hergestellt und erhalten werden." (S.93)

Paul Eßer zitiert, kritisiert und stellt Thesen von renommierten Wissenschaftlern wie Ervin Goffmann, Jürgen Habermas, Noam Chomsky und George Herbert Mead dar, welche ihm als Grundlage seines Buches dienen. Mit Hilfe dieser Wissenschaftler und seinen Faziten kommt er zu dem Ergebnis, daß die Komplexität des Dialektes nicht beschrieben werden kann, sondern sich die Charakterisierung eines Individuums auf "wichtige[r] Strukturelemente, Quellen und Ausdrucksformen" (S.107) beschränke. Die Beziehung, die zwischen Dialekt und Identität besteht, verdeutlicht Eßer an dem Beispiel eines Kindes, das spricht und zuhört und dem somit eine "soziale Identität aufgezwungen" (S.115) werde. Daraus folgert er: "Die soziale Struktur erhält so für das heranwachsende Kind psychologische Realität dadurch, daß sie seine Sprachweise formt." (S.115) Die soziale Identität werde also als von der Sprache bedingt oder geprägt aufgefaßt.

Im zweiten Teil seiner Ausführungen beschreibt er eine Versuchsreihe, die er an Grund-, Haupt-, Sonderschulen und an Gymnasien und Abendgymnasien durchführte. Ziel war es, eine Bewertung des Dialektes, seine Entstehung und die Abhängigkeit zur Identität festzustellen. Eßer fand z.B. heraus, daß der Dialekt im Elternhaus (S.158) erworben und die "Hochsprache" (S.159) an höheren Schulen gefördert wird. Dialektsprecher unterhalten sich weniger, wobei es meist ältere Menschen sind, die laut Angaben der Schüler Mundart sprechen. Zum größten Teil hat es sich bewahrheitet, daß der Dialekt eine negative Reputation erlangt. Erstaunlich ist, daß diese Meinung der Schüler von den Eltern bzw. Lehrern übernommen wurde.

Als Laie bekommt man einen guten Einblick in die Materie, die Forschungen und die Theorien renommierter Kommunikations- und Sprachwissenschaftler. Die 260 Seiten umfassende Dissertation ist klar und deutlich gegliedert. Leider wird die Sprache im Laufe des Textes immer komplexer und schwerer zu verstehen. Trotzdem ist alles logisch aufeinander aufgebaut und mit geschickten Verknüpfungen einzelner Forschungsergebnisse zusammengestellt, welche detailliert mit Herkunft und Textauszügen in Fußnoten vorgestellt werden. Die Versuchsreihe wird ausführlich geschildert (diverse Falluntersuchungen), protokolliert (mit ergänzendem Fragebogen) und mit vielen Resultaten und daraus hervorgegangenen Hypothesen vorgestellt; jedoch sind diese nicht weiter überraschend und somit selbst dem Laien bekannt.

Ich finde, daß sich ein Blick in dieses Buch auf jeden Fall lohnt. Es gibt vielen Erstsemestlern die Chance, eine komprimierte Zusammenfassung diverser Sprachtheorien zu erhaschen, ohne dabei das Kauderwelsch einiger Sachbücher ertragen zu müssen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Michael Manzke. Jahr: 1997

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