Deutsche Sprache gestern und heute

Stedje, Astrid

3. Aufl. München: Fink 1998

 

Astrid Stedje wagt auf etwas mehr als 200 Seiten den Versuch, einen Überblick über die deutsche Sprache von den indoeuropäischen Anfängen bis zur heutigen Gegenwartssprache zu geben, wobei sie nicht nur die sprachlichen Veränderungen an sich darstellt, sondern auch die kulturhistorischen Hintergründe, die den Sprachwandel bewirkten und begleiteten.

Die siebzehn Kapitel des Buches sind zu sechs Abschnitten gruppiert. Die ersten beiden Abschnitte befassen sich mit den grundlegenden Begriffen und Konzepten des Sprachwandels sowie mit der Vorgeschichte und den Verwandtschaftsverhältnissen der deutschen Sprache. Die übrigen vier Abschnitte stellen chonologisch die Entwicklung des Deutschen von den germanischen Wurzeln bis heute dar.

Der Abschnitt über den Sprachwandel beginnt mit einem Kapitel über die Konzepte des Lautwandels, der morphologischen und syntaktischen Veränderungen sowie des lexikalischen und semantischen Wandels. Anschließend wird der Frage nachgegangen, wie Neuwörter als Lehngut aus anderen Sprachen in eine Sprache aufgenommen werden. Schließlich werden die Mechanismen des Bedeutungswandels dargestellt.

Im Abschnitt über die Vorgeschichte und die Verwandtschaftsverhältnisse der deutschen Sprache wird zunächst eine knappe Übersicht über die indoeuropäischen Sprachen gegeben. Es folgt eine Übersicht über das Germanische, wobei zunächst die Quellen des Germanischen und germanische Erbwörter untersucht werden. Anschließend wird das sprachliche System des Germanischen dargestellt. Das dritte Hauptkapitel dieses Abschnittes beschäftigt sich mit den germanischen Stammessprachen bis zur Völkerwanderung. In diesem Kapitel wird vor allem der gotische Codex argenteus als "ältestes größeres Schriftdenkmal der germanischen Sprachen" behandelt. Außerdem werden lateinische und erste christliche Einflüsse auf die germanischen Stammessprachen berücksichtigt.

Nach diesen begriffsklärenden und die Vorgeschichte erläuternden Abschnitten sind die folgenden vier Abschnitte des Buches explizit der Entwicklung der deutschen Sprache gewidmet. In drei Abschnitten werden zunächst die älteren Sprachstufen behandelt, bevor sich der letzte Abschnitt mit der Gegenwartssprache auseinandersetzt. Zu jeder Sprachstufe wird zunächst eine kurze Charakteristik angegeben. Dieser Charakteristik schließt sich eine knappe Darstellung des kulturgeschichtlichen Hintergrundes und der Entwicklung des Wortschatzes an, so daß der Leser einen Überblick über die Ursachen, die historischen Begleitumstände und die Auswirkungen des Sprachwandels im entsprechenden Zeitabschnitt erhält. Außerdem wird das sprachliche System der jeweiligen Periode analysiert, wobei Lautwandel sowie syntaktische, semantische und Normveränderungen berücksichtigt werden. Weiterhin werden Parallelen zu anderen, verwandten Sprachen aufgezeigt.

Im Abschnitt über die Anfänge der deutschen Sprache wird zunächst die zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung behandelt, außerdem wird eine Periodisierung der deutschen Sprache vorgenommen. Die beiden folgenden Kapitel sind dem Althochdeutschen und dem Altsächsischen gewidmet. Der Abschnitt "Das Deutsch des Hochmittelalters" behandelt in drei Kapiteln die Sprachvarianten Mittelhochdeutsch, Jiddisch und Mittelniederdeutsch. Im Abschnitt "Der Weg zur deutschen Standardsprache" werden das Frühneuhochdeutsche und das Neuhochdeutsche betrachtet.

Der letzte Abschnitt über das heutige Deutsch stellt zunächst Entwicklungstendenzen in der deutschen Gegenwartssprache dar. Abschließend werden verschiedene Gliederungen des gegenwärtigen Sprachgebrauchs nach regionalen, sozialen oder stilistischen Gesichtspunkten vorgestellt. Das Schlußkapitel über die sprachlichen Unterschiede zwischen der BRD und der bei Erscheinen der ersten Auflage des Buches 1989 noch existierenden DDR gibt trotz mangelnder zeitgeschichtlicher Aktualität einen interessanten Einblick, wie sich aufgrund gesellschaftlicher, politischer und soziologischer Umstände Sprache auseinanderentwickeln kann.

Im Anhang finden sich ergänzende bibliographische Hinweise ? zur besseren Übersicht den sechs Abschnitten des Buches zugeordnet ? sowie ein Glossar, in dem die wichtigsten Fachbegriffe kurz erläutert werden.

Astrid Stedje ist es gelungen, trotz aller Knappheit eine umfassende Übersicht über die wesentlichen Aspekte der Entwicklung der deutschen Sprache zu geben. Durch die zahlreichen Beispiele ist die Darstellung anschaulich; graphische Darstellungen und Abbildungen lockern den Text auf, illustrieren und veranschaulichen schwierige Sachverhalte. Die klare Gliederung ermöglicht es, sich schnell in der Materie zurechtzufinden. Natürlich kann man von einer derartig knappen Darstellung nicht erwarten, daß alle auftretenden Fragen beantwortet werden. Zur ersten Einarbeitung in die Sprachgeschichte oder zur Vorbereitung von entsprechenden Unterrichtseinheiten ist Stedjes Buch jedoch zu empfehlen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Ralf Baethke-Franke. Jahr: 1998

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