Deutsch und anders. Die Sprache im Modernisierungsfieber

Zimmer, Dieter E.

Reinbek: Rowohlt 1997

Dieter E. Zimmer wurde 1934 in Berlin geboren und ist Literaturkritiker, Buchautor und Wissenschaftsreporter. Er lebt heute in Hamburg, arbeitet für die ZEIT und ist Herausgeber der gesammelten Werke von Vladimir Nabokov. 1982 erhielt er den Preis für Wissenschaftspublizistik, 1990 den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache.

Das Buch "Deutsch und anders - die Sprache im Modernisierungsfieber" versammelt verschiedene Aufsätze, welche sich allesamt mit der Veränderung der deutschen Sprache beschäftigen. Eines der wichtigsten Themen lautet: Neuanglodeutsch. Zimmer befasst sich hier mit der Aufnahme und Ablehnung von Fremdwörtern in unserer Sprache. Er stellt verschiedene Thesen auf und hinterfragt anhand vieler Beispiele, warum der eine Ausdruck verworfen wird und der andere Ausdruck nicht. Verworfen wurde z.B. "Lügenzicht" für "Dementi", angenommen wurde das "Feingefühl" für "Takt". Im Weiteren zieht Zimmer Vergleiche in der deutschen Sprachgeschichte. 1874 war das Jahr der staatlichen Verdeutschungsaktion der deutschen Post. 760 französische Wörter wurden durch deutsche ersetzt. Heute jedoch deaktiviert die deutsche Bahn diese Verdeutschung und benutzt nun englische Begriffe. Nach Zimmer passt sich auch die deutsche Bahn der modernen Zeit an. Der Gebrauch der englischen Wörter wirkt einfach zukunftsorientiert, globalisierend und komfortabel.

Ich stimme mit seiner Aussage überein. Mal ehrlich, möchten Sie nicht lieber mit dem Intercity Night Express reisen als mit dem Schlafwagen? Die Generation von heute fühlt sich jedenfalls angesprochen und lässt es zu, dass die etwas antiquierten Begriffe durch zeitgemäße Titulierungen ersetzt werden. Denn sie nehmen die Vokabeln in ihrem Wortschatz auf. Nach dem Sinne des Autors sollen die Sprachen verbinden und nicht trennen. Er betont, dass eine Sprache niemals genug Wörter erlangen kann, eine Sprache entwickelt sich weiter und passt sich der Zeit an.

Doch auch Zimmer beurteilt die Entwicklung der deutschen Sprache nicht unterschiedslos positiv. Seine Befürchtungen beziehen sich auf die sogenannten Pseudowörter. Hiermit meint er ein Mischmasch aus Englisch und anderen Sprachen. Da Fremdwörter hauptsächlich aus dem Englischen zu uns gelangen, ist eine Vermischung nicht ausgeschlossen. Englisch gilt als Weltsprache. Das Englische zu beherrschen, ist heutzutage eine blanke Notwendigkeit. Viele Wörter sind weniger umständlich. So wurde aus "Überschrift" einfach "Headline" und aus "skizzierte Auslegung" "Layout". Die Wörter sind kürzer. Das macht sie attraktiv. Auch Menschen, die der Sprache nicht mächtig sind, bedienen sich solcher Vokabeln, weil sie in unserem Land, besonders in der "New Economy", nicht mehr weg zu denken sind. Man denke dabei nur einmal an den Computerjargon (E-Mail, Download, Scanner).

Zimmer sagt, dass diese Veränderungen nicht nur als negativ zu beurteilen sind. Doch lässt man zu viele Veränderungen eintreten, wird der Sprachgebrauch aus der Vergangenheit fremd und missverständlich. Ein gutes Beispiel dafür sind die "Antigone" von Sophokles und die "Antigone" von Anouilh. Durch einen Vergleich der beiden Ausdrucksweisen wird die Veränderung des Sprachgebrauchs deutlich. Ich stimme mit Zimmer überein, dass es wichtig ist, das Deutsche an der deutschen Sprache zu behalten. Als auffallend positiv empfinde ich Zimmers genaue Beschreibung des Wandels der deutschen Sprache. Er versucht, dem Leser näher zu bringen, dass Wörter nicht wie Flüchtlinge über die Sprachgrenzen gelangen, sondern wie geladene Gäste, von denen einige aufgenommen und andere abgelehnt werden.

Ein zusätzlich wichtiges Thema seines Buches ist die Sprachreform im Zuge der Politischen Korrektheit. Hierbei kommt die Frage auf: Wie schafft man eine Einheitssprache, um möglichst niemanden zu verletzen und menschenverachtend zu wirken? Ich denke, hiermit hat sich Zimmer ein sehr empfindliches Thema ausgesucht, wie er auch selber betont. Die Schwierigkeit liegt nach meiner Betrachtung darin, dass man es niemals schafft, 100% politisch korrekt zu reden. Der Globus ist bevölkert von Menschen mit etlichen kulturellen und religiösen Verschiedenheiten, so dass sich immer die eine oder andere Gruppierung benachteiligt und ungerecht behandelt fühlt. Zimmer benutzt auch hier wieder Beispiele, wie Mark Twain in seinen Büchern anstatt "Afroamerikaner" "Neger" schreibt und dass dies fatale Folgen für ihn hatte, nämlich ein Verbot seiner Bücher, die mit solchen Ausdrücken bestückt sind.

Zimmer sagt, dass die deutsche Sprache Normen verloren habe. Mit dieser Aussage stimme ich nicht überein, denn meiner Meinung nach müssen gerade Politiker, Kritiker und Personen, welche sonst noch in der Öffentlichkeit stehen, auf Normen acht geben. Denn diese Personen sind auf gute Rhetorik angewiesen und müssen sich an Regeln in ihren vorbereiteten Reden halten (Begrüßung, Einleitung, Kernaussage, Schlusswort).

Dieses Buch ist nicht an jeder Stelle leicht zu lesen, denn Zimmer stellt sehr komplexe Theorien zu seinen einzelnen Themen dar. Als angenehm daran empfinde ich, dass er diese auch sinnvoll belegt. Er bedient sich immer wieder aktueller Beispiele, die sich wie ein lebendiger roter Faden durch das Buch ziehen. Sein Zweck, das Buch damit interessant zu machen und zu eigenen Überlegungen anzuregen, ist somit erfüllt.

Ich empfehle das Buch gerne weiter, wenn man sich mit der Entwicklung und der Veränderung der deutschen Sprache beschäftigen möchte. Anhand schöner Beispiele bringt der Autor uns die Entwicklung, Veränderung und auch die Einflüsse auf die Entwicklung gezielt näher. Hat man vor, sich in die Thematik zu vertiefen, und verlangt nach mehr Anregungen, so empfehle ich weitere Bücher von Dieter E. Zimmer: "RedensArten" (1986) und "So kommt der Mensch zur Sprache" (1986).

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Valérie Gericke . Jahr: 2003

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