Das Wort als Waffe. Zur Psychologie der verbalen Aggression

Kiener, Franz

Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1983

 

Dieses Buch von Franz Kiener, ehemaliger Professor der Psychologie an der Freien Universität Berlin, ist die erste wissenschaftlich fundierte Darstellung der verbalen Aggression. Er wählt als Thema für seine wissenschaftliche Abhandlung diese Form der Aggression, da sie weitaus häufiger zu beobachten ist als die physische Gewalt. Außerdem zeigt sie sich in allen Bevölkerungsschichten.

Das Werk beschreibt alle Facetten der verbalen Aggression. Es gliedert sich in zwei Teile. Im Einführungskapitel wird zuächst ein allgemeines, theoretisches Basiswissen der Aggressionsforschung vermittelt. Im weiteren Verlauf werden dann immer komplexere Zusammenhänge der verbalen Aggression dargestellt, deren Verständnis notwendigerweise des theoretischen Wissens bedarf.

Anfangs versucht der Verfasser, eine möglichst exakte Definition der verbalen Aggression zu formulieren, weil die bisherigen Definitionen das Phänomen Aggression nicht so kennzeichnen, wie es sich in der Realität darstellt: "Der Begriff Aggression setzt eine soziale Interaktion voraus, die einen Angreifer und ein Opfer kennt. Vom Angreifer wird angenommen, daß er in feindseliger Absicht vorgeht, eine "negativ intendierte" Handlung vollführt." (S.17) Nachdem nun die Definition vorliegt, erläutert Kiener anschließend die Lernprozesse, die für den Erwerb des aggressiv-verbalen Verhaltens beim Kind maßgeblich sind. Dieses Thema veranschaulicht er anhand des Beispiels "Fluchen". Ferner erläutert er in der Einführung, daß es Situationen gibt, in denen das Opfer von der verbalen Attacke verschont bleibt. In solchen Situationen wirkt entweder der Mechanismus "Verschiebung" oder aber "Katharsis".

Weiterhin beschreibt er verschiedene Angriffsformen, die mit der Umgangssprache ausgeführt werden. Kiener hebt den Angriff durch die Drohung besonders hervor, da diese Angriffsform häufig das Vorspiel der tätlichen Auseinandersetzung oder des Kampfes ist. Anschließend folgt die Analyse der Täter-Opfer-Beziehung. Hierin beschreibt Kiener den Effekt, den der Angriff auf das Opfer hat. Er stellt fest, daß die Reaktion des Opfers von dem aggressiven Verhalten des Täters bestimmt wird. Daraus kann sich ergeben, daß die verbale Aggression eskaliert und schnell zu einer physischen Reaktion führt.

Kiener thematisiert ganz spezielle Formen der Aggression, z.B. das Schimpfen und das Fluchen. Daran zeigt er auf, welcher sprachlichen Strukturen (Adjektiv, Verb, Satz) sich die verbale Aggression bedient. An einigen exemplarischen Schimpfwörtern zeigt Kiener deren Entstehung und ihre ursprüngliche Bedeutung. Ferner wendet er sich der sozialen Umwelt zu, die das Aggressionsverhalten entschieden beeinflussen kann, und er analysiert, ob rollen- und gruppenspezifische Faktoren, z.B. Lebensalter oder Geschlecht, das Aggressionsverhalten des Menschen begünstigen. Zum Abschluß vergleicht er das Aggressionsverhalten verschiedener Stämme und Völker miteinander.

Kiener hat meiner Meinung nach mit seinem Buch "Das Wort als Waffe" eine äußerst interessante und anschauliche Betrachtung der verbalen Aggression geliefert. Besonders hilfreich ist die Zweiteilung des Buches, da der allgemeine Teil einen guten Einstieg in die Thematik ermöglicht und folglich keinerlei Vorkenntnisse bezüglich des Themas vorausgesetzt werden. Alle theoretischen Komplexe erläutert Kiener mit einer großen Anzahl von leichtverständlichen Beispielen. Seine Wortwahl ist auch für Laien verständlich, da er vermeintlich unbekannte Fremdwörter sofort im Anschluß erläutert. Das Buch ist meiner Meinung nach gut geeignet für Studienanfänger, da hier linguistische Themen vertieft werden. So wird z.B. die Wortbildung anhand der unterschiedlichen Bildungsformen der Schimpfwörter anschaulich erläutert. Außerdem regt dieses Buch meines Erachtens dazu an, einen Blick in andere Disziplinen der Linguistik zu werfen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Carmen Grewe. Jahr: 1997

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