Das vielsprachige Europa - Eine Herausforderung für Sprachpolitik und Sprachplanung

Arntz, Rainer

(= Hildesheimer Universitätsschriften, Bd. 4), Hildesheim: Universitätsbibliothek 1980

 

Durch die voranschreitende europäische Integration werden Sprachpolitik und Sprachplanung immer bedeutsamer. Dieses Thema ist nicht nur aus linguistischer, sondern auch aus rechtswissenschaftlicher und soziologischer Sicht von Interesse. Rainer Arntz, Dozent an der Universität Hildesheim, liefert eine vorläufige Bestandsaufnahme und Skizze des europäischen Sprachenproblems, die alle Aspekte dieses Themas berücksichtigen und zu weiteren Untersuchungen anregen möchte. Dabei nimmt er vor allem die Perspektive der beiden am Institut für angewandte Sprachwissenschaften der Universität Hildesheim angebotenen Studiengänge ein, nämlich die des Diplomstudiengangs Internationale Fachkomunikation (Fachübersetzen) und des Magisterstudiengangs Internationales Informationsmanagement. Dabei werden auch die Ergebnisse zweier einschlägiger Diplomarbeiten vorgestellt.

Ein Thema unter vielen ist das europäische Sprachmosaik, dessen Vielsprachigkeit anhand der Situation der Europäischen Union, die 15 Mitgliedsstaaten und nicht weniger als 11 Amtssprachen umfaßt, belegt wird. Diese Zahl der Amtssprachen läßt sowohl die Irische, welche einen Sonderstatus hat, als auch die "kleineren Sprachen" (less used languages) derjenigen Minderheiten, die seit vielen Generationen in den EU-Staaten ansässig sind, außer Betracht. Jedoch gewinnen diese "kleineren Sprachen" immer mehr an Aufmerksamkeit und Bedeutung.

Der Unterschied zwischen Sprache und Dialekt wird untersucht, wobei der Faktor "operatives Sprachbewußtsein" ein wichtiges Merkmal ist. Damit ist das Bewußtsein einer Gemeinschaft gemeint, eine eigene Sprache zu besitzen, welches so weit entwickelt ist, daß es sich in Handlungen ausdrückt, z.B. in Aktionen für die öffentliche Förderung dieser Sprache.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sprachpolitik der EU-Staaten, welche an den Beispielen Südtirol (insbesondere dem Ladinischen) und Elsaß erläutert wird. Es geht dabei um die Gleichstellung der Sprachen, die Perspektiven der Autonomie, die Situation der deutschen Sprache im schulischen Bereich usw. Weiterhin wird die Leserschaft mit Minderheiten und deren Sprachen aus völker- und europarechtlicher Sicht konfrontiert. Auch die externe Sprachpolitik (Kommunikation mit außereuropäischen Staaten) sowie die interne (Kommunikation mit innereuropäischen Staaten) der Europäischen Union werden besprochen. Infolgedessen werden auch die Ansätze für eine Lösung des Sprachproblems nicht vergessen. Lösungen, die vorgeschlagen werden, sind z.B. Englisch als "lingua franca" (eine Nationalsprache, die zur Kommunikation zwischen Angehörigen unterschiedlicher Sprachgemeinschaften benutzt wird) oder die Einigung auf eine allgemeingültige gemeinsame Sprache.

Ferner werden Sprache als Machtinstrument sowie die internationale Terminologie-Angleichung vorgestellt. Bei letzterer geht es darum, daß Benennungen in verschiedenen Sprachen denselben Begriff repräsentieren. Die Arbeiten von Uschi Bachmann (Sprachpolitik in Katalonien: Untersuchung zur Methodik und Akzeptanz von Sprachplanung) und Stephanie Schmidt (Sprachpolitik in Irland: Untersuchung normativer Terminologiearbeit ) dienen als Beispiel für Fachkommunikation und Sprachplanung. Ein weiteres Thema, mit dem sich der Verfasser beschäftigt, ist die deutsche Rechts- und Verwaltungssprache. Dem Leser wird die Arbeit der Europäischen Akademie Bozen vorgestellt. Dieses 1992 gegründete Forschungsinstitut beschäftigt sich intensiv mit dem Themenbereich "Sprache und Recht".

In einem abschließenden Ausblick wird daran erinnert, daß die Europäische Union mit ihrer Entscheidung für ein vielsprachiges Europas die Verpflichtung übernommen hat, sich dafür einzusetzen, daß diese Vielsprachigkeit erhalten bleibt und ausgebaut werden kann. Politiker sollen Hindernisse überwinden, die eine Verständigung über die Sprachgrenzen noch immer erschweren.

Im Anhang findet man die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen und das Rahmenübereinkommen zum Schutze nationaler Minderheiten.

Mir hat das vorliegende Buch gut gefallen, da mich das Thema "Europa" schon immer sehr interessiert hat und die Sprache in diesem Zusamenhang zu einem zentralen Zukunftsthema wird. Das Buch ist gut strukturiert und übersichtlich aufgebaut (Allgemeines, Sprache in der EU, Ansätze für die Lösung des Sprachproblems, Beispiele Katalonien, Irland und Südtirol, Ausblick und Anhang). Man lernt etwas über die Rechtsgrundlagen und über die fachsprachliche Kommunikation sowie ihre Bedeutung für die Erhaltung und Stärkung von Minderheitensprachen in Europa. Dieser Themenbereich wird nicht nur aus theoretischer Sicht dargelegt, sondern auch anhand von vier Fallbeispielen untermauert. Würde man versuchen, diese Fallbeispiele auf einer Skala anzuordnen, die den Schwierigkeitsgrad der zu lösenden Probleme veranschaulicht, so würde man das Deutsche am äußersten linken Rand plazieren, rechts daneben das Katalonische, wiederum rechts davon das Irische und am äußersten rechten Rand schließlich das Ladinische. Eine wichtige Gemeinsamkeit liegt in allen vier Fällen darin, daß von staatlicher Seite Bemühungen unternommen werden, die betreffende Sprache zu erhalten.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Katrin Lankes. Jahr: 1999

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