Das Phänomen der schichtenspezifischen Sprache als pädagogisches Problem

Bock, Irmgard

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1972

 

Irmgard Bock versucht, dem Leser die Frage nach der "Bedeutung des sozialen Status für die Ausprägung der individuellen Sprache" unter Berücksichtigung des wissenschaftlichen Kontextes näherzubringen.

Basil Bernstein schrieb bereits 1958 in seinem Aufsatz "Some Sociological Determinants of Perception. An Enquiry into Sub-cultural Differences" über das Phänomen schichtenspezifischer Sprache. Entscheidend war für ihn die Tatsache, dass es innerhalb jeder Gesellschaft bestimmte Bevölkerungsschichten gebe, die Sprache in all ihren Formen unterschiedlich gebrauchten. So unterschied Bernstein zwei große soziale Gruppen, denen man verschiedene ,Codes‘ zuordnen konnte. Dies waren der restringierte und demgegenüber der elaborierte Kode. Anfangs ordnete er diese Formen jeweils einer Schicht zu. So sprach die Unterschicht einen restringierten Kode, während die Mittelschicht sowohl den restringierten als auch den elaborierten Kode beherrschte. Laut Bernstein zeichnete sich die restringierte Sprechweise dadurch aus, dass oft kurze und grammatisch einfache Sätze gebraucht wurden und dem Sprecher des restringierten Kodes eine nicht so große Auswahl an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stand. Die von der Mittelschicht bevorzugte elaborierte Ausdrucksform hingegen wies sich durch einen grammatisch korrekten, komplizierten Satzbau aus. Die größere Vielfalt an Einsatzmöglichkeiten bot es ihnen an, auch abstrakt zu sprechen.

Bernstein wollte mit Hilfe von Versuchsmodellen diese strikte Trennung der beiden Schichten beweisen, was ihm und seinen Assistenten aber im Endeffekt nicht eindeutig gelang. Weiter wollte er aufzeigen, dass somit eine erhebliche Diskrepanz zwischen den sprachlichen Fähigkeiten der Kinder der Unterschicht und den Anforderungen der Schule bestand. Diese galt es aufzuheben. Im Laufe der Zeit bemerkten er und vor allen Dingen auch nachfolgende Forscher, dass die Ergebnisse in ihrer vereinfachten Art so nicht aufrechtzuerhalten waren, da eine Vielzahl von Faktoren, wie z.B. das Verhältnis der Mutter zu ihrem Kind, nicht mitberücksichtigt wurden. So bezog man in späteren Versuchen den Kommunikationsindex der Mütter, d.h. das Erziehungsverhalten der Mütter ihrem Kind gegenüber, mit in die Überlegungen ein. Von diesem Punkt an war klar, dass eine strikte Zuordnung der Unterschicht zum restringierten Kode nicht möglich war. Es wurde nicht mehr nach sozialen Klassen unterschieden. Man brauchte "... Variablen, die wahrscheinlich soziale Voraussetzungen für Bildsamkeit sind." Ein Ansatzpunkt hierfür lag in der nachkriegszeitlichen Tendenz, stärker individualisierende Bedingungen zu schaffen. Es gab eine wachsende "Komplexität der Arbeitsteilung" und sich verändernde Umweltbedingungen.

Da alle diese Untersuchungen im englischen Sprachraum stattfanden und in Deutschland andere soziokulturelle Bedingungen herrschten, mussten die Ergebnisse auf ihre Gültigkeit hin für den deutschen Sprachraum nachgeprüft werden. So wies z.B. Regine Reichwein darauf hin, dass nach ihren Erfahrungen der Gebrauch des restringierten Kodes nicht allein auf die Unterschicht beschränkt sei. Weiter wurde auf die Bedeutung der direkten Bezugspersonen der Kinder in ihren ersten Lebensjahren hingewiesen, die die Entwicklung der kindlichen Sprache mehr beeinflussen als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht. Neben Reichwein gab es auch andere Kritiker des Bernsteinschen Untersuchungsschemas. Ulrich Oevermann sprach von einer zu schmalen Untersuchungsbasis Bernsteins, der die linguistischen Kodes zu sehr an soziale Rollen knüpfe. Seinen Untersuchungen zufolge besaßen sogar die Kinder der Unterschicht den größeren Wortschatz. Daneben sollte man die intrafamiliären Strukturbedingungen näher erforschen. Auch wenn Oevermann viele gute Ansätze hatte, stieß er trotzdem aufgrund der unendlichen Vielzahl an bedeutsamen Faktoren an seine Grenzen.

Ergebnis der mannigfaltigen Untersuchungen und Versuche ist, dass eine kompensatorische Erziehung sich nicht allein auf Spracherziehung beschränken kann. Die Erweiterung des Wortschatzes geht auch nicht automatisch mit einer emotionalen Förderung einher. Vielmehr muss versucht werden, die Bezugsgruppen der aufwachsenden Kinder, also die Eltern, zu motivieren und für dieses Thema zu sensibilisieren, denn nach einem sensiblen Umgang steigert sich der sprachliche Intelligenzquotient der Kinder.

Interessant ist vor allem die Erkenntnis, dass Überlegungen, die zu einem scheinbar einfachen Ergebnis führen könnten, nicht einfach zu beantworten sind. Im Laufe der Untersuchungen kamen immer wieder neue Perspektiven auf. Da Irmgard Bocks Schrift 1971 verfasst wurde und sich viele Verhältnisse in den letzten 30 Jahren geändert haben (z.B. Fernsehkonsum der Kinder), wären hier weitere neue Forschungen notwendig.

Schön, wenn man sagen kann (oder konnte), Kinder der Unterschicht hätten wenigstens die Möglichkeit eines Zugangs zu elaborierten Sprachformen.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Christian Ritter. Jahr: 2000

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