Das Menschheitsgesetz der Sprache

Weisgerber, Leo

2. Aufl. Heidelberg: Quelle & Meyer 1964

 

Der Autor versucht, die unbewussten Grundregeln der Sprache nach dem 1. Weltkrieg zu erschließen. Sein Untersuchungsobjekt ist dabei fast ausschließlich die gesprochene Sprache und die Muttersprache; Fremdsprachen werden nur dazu herangezogen, Differenzen aufzuzeigen bzw. Beispiele vorzulegen. Ihn interessiert nicht der einzelne Sprechakt, sondern vielmehr die dauerhaften Wirkungen von Sprachmitteln. Bei seinen Untersuchungen sieht Weisgerber die Sprache nicht als „Mittel für etwas“, im Gegenteil steht für ihn das menschliche Leben unter der Bedingung von Sprache. Aus diesem Grund ist er daran interessiert, eine Wesensbestimmung der Sprache aufzustellen. In der Vielheit der Ansätze vorhergehender Theorien läßt sich nach Weisgerber die Ganzheit der Sprache finden.

Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt, welche jeweils in weitere Unterpunkte gegliedert sind. Diese Unterpunkte teilen sich der Übersicht halber ebenfalls noch einmal auf. Da es hier zu differenziert wäre, die Inhalte der einzelnen Untergruppen wiederzugeben, befasse ich mich ausschließlich mit den vier verschiedenen Kapiteln.
Weisgerber gibt bei der Untersuchung der Sprache drei Ansatzpunkte, welche gleichzeitig die ersten drei Kapitel bilden:

Das Gesetz des sprachbedingten Daseins (Kapitel 1)
Das Gesetz der Sprachgemeinschaft (Kapitel 2)
Das Gesetz der Muttersprache (Kapitel 3).

Das vierte Kapitel kann als Ergänzung zu Kapitel Eins angesehen werden, welches vielmehr als eine Einführung dient.
Das sprachphilosophische erste Kapitel, welches den geringsten Teil des Buches einnimmt, befasst sich mit der Voraussetzung und der Entwicklung von Sprache. Nach Weisgerber hat sich die Sprache evolutionär entwickelt, sodass hier viele Aspekte der Anthropologie genannt werden. Demnach ist die Aufgabe der Sprache das Sichern des menschlichen Überlebens, welche sie durch das Fehlen sonstiger Eigenschaften, die für das Überleben nützlich wären, erhält. Zudem wird die Sprache mit der Logik verknüpft, wo der Bezug zu der Philosophie am stärksten auftritt. Die Logik und die Sprachwissenschaft sollen gemeinsame Anfänge besitzen und sich gegenseitig mitbegründet haben, sodass sie nicht voneinander getrennt werden dürfen.

Das zweite und längste Kapitel ist sprachsoziologisch ausgerichtet. Nach Weisgerber sind Sprachgemeinschaften unentbehrlich, da sie die Grundform menschlichen Gemeinschaftslebens sind, sodass er sich stark auf diese bezieht. Für ihn bildet die Sprachgemeinschaft und die Muttersprache eine Ganzheit. Aus diesem Grund gibt es im zweiten Kapitel einige Überschneidungen mit Kapitel 3. Weisgerber erläutert seine Grundlagen zur Erforschung der Sprache, bei der es vier Stufen gibt: die Aspekte der Gestalt, des Inhalts, der Leistung und der Wirkung. All diese Gesichtspunkte zielen auf dasselbe Phänomen, allerdings mit deutlichem Unterschied in Ansatz und Methode.

Weisgerber führt den Begriff der „geistigen Zwischenwelt“ ein, welche eine Verbindung von Lautformeln und der eigentlichen Sache ist. Zur Erforschung dieser Zwischenwelt dient vor allem die Grammatik, die in gestaltbezogene und inhaltsbezogene Grammatik aufgeteilt wird, was mit Chomskys Oberflächen- und Tiefenstruktur zu vergleichen ist. Zudem unterscheidet Weisgerber die Welt, die mit menschlicher Sprachwelt gleichzusetzen ist, von der Wirklichkeit; er vertritt die Position der Phänomenologen. Laut dem Autor ist kein Ausdruck eine genaue Abbildung des Seins, sondern eine geistige Gestaltung des Seins; er wendet sich also gegen den Realismus. Die Muttersprache, die, wie Weisgerber zu verstehen gibt, kein Ergon, also kein starres Gebilde ist, ist Werk von Einzelnen und Gemeinschaft, da sich die Sprachgemeinschaft aus Ergebnissen der Individuen bildet. Der Autor ist der Überzeugung, dass es ein Zusammenwirken von inhaltlicher Nähe und lautlicher Nähe gibt, d.h., dass zwei Gegenstände, die sich inhaltlich nahe sind, auch lautlich nahe sind. Abschließend kommt Weisgerber auf die Sprachgeschichte zu sprechen, bei der er die grammatische und die sprachwissenschaftliche Sprachgeschichte unterscheidet. Die Sprache dient als Medium der Geschichte, wobei die Muttersprache von der Geschichte nicht trennbar ist.

Das sprachpsychologisch ausgerichtete dritte Kapitel betrachtet die allgemeinen Bedingungen, unter denen das sprachliche Leben des Einzelmenschen verläuft, wozu unter anderem die Sprachentwicklung der Kinder untersucht wird. Nach Weisgerber ist die Sprache dreifach bedingt durch:

Den Zwang des Spracherlernens (Sprachgewinn)
Die Notwendigkeit eines Sprachbesitzes (Sprachkönnen)
Das Angewiesensein auf Sprachverwendung (Sprachhandeln).

(1) Der Sprachgewinn ist nach Weisgerber die Einprägung der muttersprachlichen Weltgestaltung in das Einzelbewusstsein. Für ihn beginnt der Sprachbeginn bereits mit den ersten Ansätzen der Sprachfähigkeit, mit Frühformen einer selbstständigen Betätigung, dem Lallen der Kinder, wodurch die Sprachwerkzeuge eingeübt werden. Aus diesem Grund geht der Autor hier etwas stärker auf die Betrachtung der Sprachentwicklung bei Kindern ein. Dem Autor zufolge geschieht diese mit einer Natürlichkeit, sie ist keine Belehrung oder Bildung, sondern vielmehr eine Eingliederung des Einzelnen in eine Sprachgemeinschaft. (2) Das Sprachkönnen ist das Umwandeln von Sprachgewinn in Sprachhandeln, die sprachliche „Mitte“. Der Mensch ist nach Weisgerber sprachbestimmt (er ist auf die Sprache angewiesen), sprachgebildet (er verbindet Gemeingut mit Persönlichkeit, also das Vorgegebene mit dem Geist) und sprachmächtig (er ist selbst schöpferisch im Bereich der Muttersprache). (3) Das Sprachhandeln dagegen ist der individuelle Sprechakt unter dem Gesetz der Muttersprache. Es besitzt nach Weisgerber zwei Aufgaben: die Sicherung der Sprachgemeinschaft und die Entfaltung der Persönlichkeit. Weisgerber ist der Meinung, dass das ganze Leben von Sprache bestimmt sei; die Dinge dringen erst in unser Bewusstsein ein, nachdem sie in die sprachliche Zwischenwelt aufgenommen wurden. Das Aufnehmen fremden Sprachschaffens ist demnach auch nur durch das eigene Sprachkönnen möglich.

Auch das vierte Kapitel ist sprachphilosophisch ausgerichtet. Zu Beginn spricht der Autor kurz die Problemkreise der Sprachforschung an. Danach wendet er sich der Suche nach dem Grund der Sprachvielfalt zu. Einführend definiert er diese Unterschiede, die in Differenzen in der Lautformel und dem Inhalt liegen. Es gibt drei Grundformen in der Wertung der Sprachverschiedenheit. Die verbreitetste Ansicht ist die des „Übels“, die besagt, dass sie ein Hindernis ist, das so gut wie möglich beseitigt werden muss. Die Ansicht des „Notbehelfs“ drückt aus, dass die Sprache an die Umgebung und Lebensbedingungen angepasst ist. Die letzte Ansicht der „Notwendigkeit“, der wohl auch Weisgerber anhängt, besagt, jedes muttersprachliche Weltbild hätte durch die Verbindung von objektivem Sein und menschlichem Geist einen subjektiven Einschlag erhalten. Die Mannigfaltigkeit der Sprachen sei somit mit einer Vielheit von Wegen vergleichbar. Durch diesen letzten Punkt entstehen für die Philosophie erkenntnistheoretische, logische, ontologische, geschichtsphilosophische und ethische Probleme, auf die der Autor im Folgenden eingeht. Die Sprachfähigkeit ist nach Weisgerber der deutlichste Ausdruck dafür, dass das menschliche Dasein in seiner geistigen Bestimmtheit begründet ist. Daraus folgt das Urrecht des Menschen, seine Sprachbegabung bestmöglich zu entfalten. Der Autor geht noch kurz auf die Tiersprache ein, um dann zu der abschließenden Frage nach dem Ursprung der menschlichen Sprachbegabung zu kommen. Da über diese Ursachen nichts Positives zu sagen ist, versucht sich Weisgerber hier mit einer negativen Herangehensweise. Schließlich gelangt er zu einem Zirkel: Um Mensch zu sein, musste man Sprache haben, um Sprache zu haben, musste man Mensch sein. Doch eines steht für den Autor fest: der Mensch wäre ohne die Sprachbegabung nicht lebensfähig.

Weisgerber versucht, die Sprache von ihrem Ursprung aus bis hin zu ihren jetzigen Erscheinungsformen zu erläutern, um so einen geschlossenen Gedankengang zu ermöglichen. Er versucht, seine Argumente mit Beispielen aus Fremdsprachen und historischen Entwicklungen zu stützen, wobei er bei den letzteren Schaubilder verwendet, in denen er die Veränderung und den Bezugspunkt der Sprache bzw. deren Inhalt aufzuzeigen versucht. An einigen Punkten des Textes wird die Feldtheorie angewendet. Häufig verweist der Autor auf Wilhelm von Humboldt.

Da Weisgerber so gut wie keine Fremdwörter benutzt und kein Vorwissen voraussetzt, ist das Buch gut verständlich. Allerdings ist es durch die hohe Spezialisierung auf bestimmte Gesichtspunkte, wie z.B. der gesprochenen Sprache, nicht als linguistische Grundlage geeignet. Es dient mehr der Ergänzung vorher angeeigneten Wissens und dem Einblick in eine eigenwillige Theorie. Da der Autor einige Aspekte der Kommunikationswissenschaft, der Philosophie, der Psychologie und der Mediävistik hat einfließen lassen, wären Grundkenntnisse dieser Wissenschaften für das Verständnis hilfreich, jedoch nicht Voraussetzung.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Dennis Matthias. Jahr: 2001

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