Das Deutsche als Männersprache

Pusch, Luise F.

Frankfurt/M: Suhrkamp 1984

Luise F. Pusch, Jahrgang 1944, ist Professorin für Sprachwissenschaften, Schriftstellerin und Publizistin. Die Schwerpunkte ihrer Veröffentlichungen sind feministische Kritik an Sprache, am öffentlichen Sprachgebrauch sowie die Analyse der Konsequenzen der heutigen Sprache für Mann und Frau.

Das vorliegende Buch löst sich von der Selbstbeschränkung der herkömmlichen Linguistik, Sprache nur zu beschreiben. Es zeigt auf, dass unsere Sprache nicht nur kritisierbar, sondern auch kritikbedürftig ist. Die Autorin weist auf Missstände in der deutschen Sprache hin und entlarvt diese als frauenfeindliche Sprache der Männer.

Sie beginnt mit der Bibel, wo von Frauen und Menschen gesprochen wird und durch zwei Schöpfungsvarianten der unauflösliche Widerspruch entsteht, dass die Frau einmal nach Gottes Abbild geschaffen wurde und ein anderes Mal aus Adams Rippe entstand.

Des Weiteren beschäftigt sich die Autorin mit dem Suffix "-in", dem Vorschlag des Indefinitpronomens frau neben man oder mit der Tatsache, dass Frauen nur als Mitglieder nicht-männlicher Gruppen gezählt werden (z.B.: Eine Gruppe von 10 Sängerinnen enthält 10 Frauen. Eine Gruppe von 10 Sängern enthält 0-9 Frauen.). Sie findet Beispiele für ihre Thesen in Zeitungsartikeln, in Zitaten bekannter Persönlichkeiten und sogar im Duden.

Allerdings weist die Verfasserin auch auf Fortschritte der deutschen Sprache in eine frauenfreundlichen Richtung hin und ermutigt den/die Leser/in, sich selbst durch aktive Gestaltung der Sprache in diesen Prozess mit einzubringen. Sie greift die Argumente ihrer Kritiker auf und entkräftet sie systematisch, warnt vor Irrwegen des Feminismus und empfiehlt zahlreiche Werke von Kollegen und Kolleginnen.

Das Buch ist eine Zusammenstellung von Aufsätzen und Glossen der Autorin, die im Zeitraum von 1979 bis 1984 geschrieben und veröffentlicht wurden. Hinzu kommt eine Einleitung, worin die Verfasserin den/die Leser/in in die Themenproblematik einführt und davon berichtet, wie sie selbst auf diesen neuen Bereich der Linguistik aufmerksam wurde und was sie veranlasste, sich aktiv dafür einzusetzen.

Auffällig ist die große Anzahl der Anmerkungen. Sie ermöglichen es selbst Lesern, die mit den Fachbegriffen der Linguistik nicht vertraut sind, die Texte zu verstehen. Zusätzlich gibt es noch eine Zeichenerklärung, eine Literaturliste, sowie Nachweise der enthaltenen Aufsätze und Glossen.

"Das Deutsche als Männersprache" ist eine interessante Lektüre. Meiner Meinung nach ist es verständlich geschrieben, da die Bedeutung der meisten Fachbegriffe aus dem Kontext ersichtlich ist oder erklärt wird. Das Buch stellt eine lesenswerte Verknüpfung von Sprachwissenschaft und Frauenbewegung dar.

Allerdings sollte man beachten, dass es sich hierbei um eine Veröffentlichung aus dem Jahre 1984 handelt. Heutzutage werden wir als "Liebe Leserinnen und Leser" angeredet, und es gibt "Kauffrauen" ebenso wie "Hausmänner". Die Amtssprache ist zu einem "geschlechtergerechten Sprachgebrauch" verpflichtet. Es gibt aber natürliche Bremsen gegen den Sprachfortschritt, wie z.B. Gewohnheit und die Tatsache, dass wir uns unserer Sprache beim Sprechen nicht bewusst sind.

Luise F. Pusch hat das Anliegen, Frauen sprachlich sichtbar zu machen und sie sprachlich gewürdigt zu sehen. Zwar schafft sie es, den/die Leser/in durch einen "Aha" Effekt" nach dem anderen die Augen zu öffnen für ein Problem, das einem vorher nie aufgefallen ist, da es ja selbstverständlich war, die Sprache zu benutzen, wie man (frau) sie als Kind erlernt hatte, ohne sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. Doch meiner Ansicht nach sind manche Auswüchse ihrer grundsätzlich richtigen Thesen zu radikal und absurd, z.B. anstelle von "anfreunden" "anfreundinnen" zu sagen. Ich halte das für wenig hilfreich. Des Weiteren möchte ich anmerken, dass wir im Zeitalter zunehmender Globalisierung leben. Die Sprache der Zukunft wird Englisch sein (vielleicht auch Chinesisch). Im Englischen z.B. ist das Genus kaum noch ausgeprägt.

Abschließend kann man sagen, dass dieses Buch ein "Augenöffner" ist und mit viel Ironie und Wortwitz unterhaltsam geschrieben wurde. Genauso wird aber auch scharf analysiert und wissenschaftlich fundiert argumentiert und diskutiert – alles in allem ist Luise F. Pusch bestechend logisch. Nicht nur für Frauen ein lohnendes Buch.

 

Rezension aus dem Essener Grundkurs Sprachwissenschaft.
Rezensiert von Iris Heinz . Jahr: 2003

Zurück