Zuhören für Fortgeschrittene

Menzel, Kirsten

Duisburg: Universitätsverlag Rhein-Ruhr (2008)

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„Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: zuhören. Das ist nichts Be-sonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen.“  – Anhand dieses hübschen literarischen Beispiels steigt Kirsten Menzel elegant und anschaulich in das Thema ihrer 2008 erschienenen Arbeit „Zuhören für Fortgeschrittene“ ein. Gute Zuhörer, so werde häufig beklagt, seien nur spärlich gesät, statuiert die Autorin im einleitenden Teil ihrer Ausführungen weiter und formuliert fortfahrend klar ihr Forschungsziel: Festzustellen, was genau gutes Zuhören auszeichnet und welche Eigenschaften jemand gemeinhin mitbringen muss, um als guter Zuhörer zu gelten.

Angenähert werden an diese Fragen soll sich zunächst nicht nur anhand einer sorgfältigen Analyse der einschlägigen deutschsprachigen aber auch US-amerikanischen Ratgeberliteratur zum Thema „Gutes Zuhören“; auch die damit in engem Zusammenhang stehenden, da von einer Vielzahl der Ratgeber-Autoren als Grundlage und Ideenfundament aufgegriffenen gesprächspsychologischen Erkenntnisse Carl R. Rogers und Thomas Gordons sollen berücksichtigt und näher beleuchtet werden.

Ob die von Gesprächspsychologie und Ratgeberliteratur als in jeder Lebenslage sinnvoll und zweckmäßig propagierten Kriterien für „gutes Zuhören“ de facto für den Alltagsgebrauch geeignet sind und inwiefern sie zu einer erfolgreichen und befriedigenden Kommunikation beitragen, so Kirsten Menzel, soll abschließend in einer kritischen Stellungnahme unter kommunikationswissenschaftlichen Gesichtspunkten (genauer: dem Modell der Eindruckskommunikation nach Gerold Ungeheuer) differenziert besprochen werden.

Gut repräsentiert findet sich diese Schwerpunktlegung auch in der Gliederung des Textes wieder, der mit insgesamt fünf Lektionen aufwartet: Lektion 1: Einleitung, Lektion 2: Zuhören, Lektion 3: Gutes Zuhören, Lektion 4: Professionelles Zuhören, Lektion 5: Fazit und Ausblick. Fünf Lektionen, die sich – so konkretisiert es die Autorin selbst – im Speziellen an drei Personengruppen richten: Die Leser der Ratgeberliteratur, Profis wie etwa die Autoren ebendieser und Gesprächspsychotherapeuten und als drittes Kommunikationswissenschaftler – allesamt, wie es bereits im Titel der Veröffentlichung anklingt, Fortgeschrittene was das Thema Zuhören betrifft.

Dem eigentlichen Kernstück der Arbeit – Lektion 3: Gutes Zuhören – stellt Kirsten Menzel die kurze Lektion 2 voran, die unter dem Titel „Zuhören“ nicht nur ganz grundlegend anhand sachgemäßer Fachliteratur zum Thema differenziert den Unterschied zwischen einem bloßem „Hören“ und dem hier relevanten „Zuhören“ aufzeigt, sondern sich zudem infolge einer Präsentation verschiedenster Definitionen von „Zuhören“ um eine neue, möglichst umfassende Definition bemüht.

Nach Schaffung dieser Grundlagen geht die Autorin in Lektion 3, die mit etwa 50 Prozent der Gesamtseitenzahl das zentrale Kapitel des Textes ausmacht, zu ihrer eigentlichen Fragestellung über und widmet sich der angekündigten Analyse der Zu-hör-Ratgeber. Autoren wie etwa Manfred Lucas, Florence Wolff oder Andrew Wolvin, so Kirsten Menzel, beklagen gemeinhin die große Anzahl schlechter Zuhörer, denen vielerlei kommunikative Mängel attestiert werden: Dem Sprechenden etwa vermittelt der schlechte Zuhörer fortwährend ein schlechtes Gefühl, indem er ihm stetig so ge-nannte Gesprächsstörer kommuniziert; beispielsweise unterbricht er den Sprechenden häufig, spricht zu viel von sich selbst, spielt die Sorgen seines Gegenübers her-unter, bewertet des Gesagte, macht Vorwürfe, verspottet oder bedroht den Spre-chenden sogar. Bemängelt wird von den Autoren der Ratgeber in Anbetracht dieser weit verbreiteten Defizite ferner die Tendenz, die Bedeutung des Zuhörens, obgleich es – zumindest in quantitativer Hinsicht – die wichtigste Kommunikationsform im mehr und mehr von auf die Zuhörfähigkeit ausgerichteten modernen Technologien durchdrungenen Alltags darstellt, vielfach zu unterschätzen; und das trotz der mitunter fatalen Folgen schlechten Zuhörens, die von zwischenmenschlichen Problemen im privaten Bereich über schlechte Stimmung am Arbeitsplatz und potentiell – ge-schäftlich gesehen – sogar bis hin zu finanziellen Verlusten reichen können.

Zuhören zu erlernen sei demnach in vielerlei Hinsicht lohnenswert, betonen die Autoren der Ratgeber und geben sich auf diese Weise selber ihre Daseinsberechtigung: Neben vielen anderen Vorteilen könne gutes Zuhören nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen und fördern, den eigenen Wissensstand erhöhen und einen neuen Zugang zu Literatur, Kunst und Kultur verschaffen, sondern auch wirt-schaftlichen Erfolg begünstigen – etwa als Ergebnis gut geführter Verkaufsgesprä-che. Grund genug, die Zuhörfähigkeit, die zudem gewissermaßen nach Art einer Schlüsselkompetenz Einfluss auf die gesamte Sprachentwicklung nehme und entge-gen landläufiger Annahmen eine durchaus erlern- und infolge dessen verbesserbare Fähigkeit sei, bereits im Kindesalter zu fördern. Doch wirklich gutes Zuhören kann anstrengend sein – handelt es sich dabei doch nicht wie oftmals behauptet um einen passiven Prozess, sondern – ganz im Gegenteil – um durch und durch aktives Handeln.

Der erste Schritt, ein guter Zuhörer im Sinne der Ratgeberliteratur zu werden, so er-klärt es Kirsten Menzel, sei die richtige innere Einstellung: Denn nur auf der Grundla-ge ehrlichen Respekts und Interesses, aufrichtiger Anteilnahme und der Bereitschaft, dem Sprechenden seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken, sei wirklich gutes Zuhören möglich. Ganz besonders große Bedeutung kommt ferner der Bereit-schaft zu, sich selbst, die eigenen Bedürfnisse oder Standpunkte für eine gewisse Zeit vollständig in den Hintergrund zu stellen, um dem Sprechenden gedanklich flexibel, vorurteilsfrei und unbefangen folgen zu können – das Artikulieren eigener Emotionen oder Ansichten sei hier nicht angebracht. Demnach zeichne sich der gute Zuhörer, dem im Übrigen mindestens 51 Prozent der Verantwortung für ein Gespräch zuzurechnen seien, nach außen hin unter anderem durch interessierte Schweigsamkeit aus, lasse sein Gegenüber ausreden, sei geduldig und aufmerksam und verzichte unter allen Umständen auf etwaige Bewertungen des Gesagten, persönliche Meinungsäußerungen oder gar emotionale Ausbrüche. Darüber hinaus animiere er den Sprechenden anhand gesprächsfördernder Einwürfe wie etwa Minimalreaktionen, weiterführender Fragen oder auch zusammenfassender Wiederholungen des Gesagten zum Weiterreden und erzeuge anhand dessen eine angenehme Gesprächsatmosphäre.

Synonym zum Ausdruck „gutes Zuhören“ wird in den ratgebenden Texten häufig, so schlägt Kirsten Menzel den Bogen zur Gesprächspsychotherapie, der Begriff des „aktiven Zuhörens“ verwendet. – Ein Terminus, der auf Carl R. Rogers und Thomas Gordon, zwei bekannte Vertreter der humanistischen Psychologie, zurückgeht. Dass aber nicht nur dieser Begriff, sondern auch das Bild, das in der Ratgeberliteratur vom guten Zuhörer gezeichnet wird, hier offensichtlich seinen Ursprung hat, zeigt die Autorin in der vierten und letzten Lektion ihrer Ausführungen, in der sie exemplarisch Carl R. Rogers Konzept nicht-direktiver Beratungsgespräche vorstellt und die Ähnlichkeiten des guten Zuhörers mit dem guten Gesprächstherapeuten aufzeigt: Ähnlich dem Zuhörer nach Ratgeber-Verständnis bringt auch der Therapeut seinem Patienten idealerweise stets Akzeptanz und Einfühlungsvermögen entgegen und stellt ferner seine eigene Person vollkommen in den Hintergrund; er soll unter völliger Ausblendung der eigenen Meinungen und Gefühle als eine Art Spiegel des Patienten fungieren und ihn auf diese Weise zu einer selbständigen Lösung seines Problems führen.

Die Parallelen sind offensichtlich. Doch die Orientierung der Ratgeberliteratur an gesprächspsychologischen Vorbildern hält Kirsten Menzel für problematisch: Dass ein guter Gesprächstherapeut, wie es etwa Rogers selbst behauptet, auch gleichzeitig ein guter Zuhörer im Sinne alltäglich geführter Gespräche ist und dass die Kriterien für ein gutes Therapiegespräch, wie in den Ratgebern geschehen, ohne weiteres auf die Kommunikation im Alltag angewendet werden können, bezweifelt die Autorin und unterzieht nicht nur diese Annahmen, sondern auch die Zuhör-Tipps der Ratgeberliteratur generell einer kritischen Würdigung auf Grundlage Gerold Ungeheuers Modell der Eindruckskommunikation. Infolge dieser differenzierten Analyse, die den Ausführungen ihre dritte, nämlich die kommunikationswissenschaftliche Dimension verleiht, kommt sie – kurz gesagt – zu dem Schluss, dass eine Übertragung gesprächspsychologischer Kriterien für gutes bzw. aktives Zuhören auf die alltägliche Kommunikation unzulässig ist – zu unterschiedlich seien die Gesprächsvoraussetzungen und  situationen: Primär auf Problemgespräche ausgelegt sei der gesprächspsychologische Ansatz weder zweckmäßig noch angemessen im Zusammenhang mit den vielfältigen Ausprägungen alltäglicher, oftmals vorwiegend auf einen Kommunikationserfolg ausgerichteter Gespräche. Doch diese falsche Übertragung gesprächstherapeutischer Ansätze ist nicht der einzige Kritikpunkt Kirsten Menzels: Bemängelt wird weiterhin die starke Sprecherzentriertheit der Ratgeberliteratur und die Tatsache, dass viele der propagierten Zuhör-Tipps über gängiges Allgemeinwissen nicht hinausgehen.

Weder Ratgeberliteratur noch Gesprächspsychotherapie halten also treffende Zuhör-Regeln für die Alltagskommunikation bereit. Doch wie könnte eine Anleitung zum guten Zuhören stattdessen aussehen? Da auch der im letzten Abschnitt vorgestellte 1Live Nacht-Talker Jürgen Domian mit seinen viel gelobten Zuhör-Qualitäten letzten Endes nicht überzeugen kann und sich infolge Kirsten Menzels kurzer Analyse vielmehr als an spannenden Sendungsinhalten interessierter Journalist denn als tatsächliches Vorbild in Sachen Zuhören erweist, kann eine genaue Antwort auf diese Frage noch nicht gegeben werden – verwiesen wird auf ein eindeutiges Forschungsdesiderat der Kommunikationswissenschaft.

Insgesamt handelt es sich bei Kirsten Menzels „Zuhören für Fortgeschrittene“ um eine sehr lesenswerte Publikation, die mit differenzierten Analysen, kritischen Betrachtungen und klaren Argumentationssträngen einen interessanten und aufschluss-reichen Einblick in das Themengebiet des Zuhörens bietet. Auch das fächer- und disziplinenübergreifende Konzept ihrer Ausführungen scheint gut durchdacht und findet sich klar strukturiert im Text wieder. Überhaupt macht es die Autorin dem Leser leicht, die Orientierung zu behalten: Neben immer wieder eingestreuten kurzen Zusammenfassungen, die das bisher Gesagte stets prägnant und treffend wiedergeben, sind auch beständig detaillierte Informationen über das weitere Vorgehen zu finden.

Obgleich auch Laien – nicht zuletzt aufgrund Kirsten Menzels elaborierten aber den-noch anschaulichen und gut verständlichen Stils – einen Zugang zu den Ausführungen finden können, eignet sich die Veröffentlichung infolge ihrer Komplexität vor allem für den von der Autorin selbst als Zielgruppe angegebenen Personenkreis von Fortgeschrittenen das Thema Zuhören betreffend.

Rezensiert von Eva Lindemer. Jahr: 2008

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