Wolfram von Eschenbach: Parzival

Lachmann, Karl

Berlin, New York: de Gruyter 1998

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Studienausgabe.
Mittelhochdeutscher Text nach der 6. Ausg. von KARL LACHMANN .
Übersetzung von PETER KNECHT .
Einführung zum Text von BERND SCHIROK .
Berlin, New York: de Gruyter 1998. XCVI, 837 S., 1 Karte.
118,00 DM (geb.); 58,00 DM (brosch.)

Allgemeines

Nach Hartmanns Iwein (mhd. Text nach BENECKE/LACHMANN/WOLFF, Übers. THOMAS CRAMER) und Wolframs Willehalm (Text nach LACHMANN in der Erstausgabe, nach WERNER SCHRöDER in der Neuausgabe, Übers. DIETER KARTSCHOKE ) ist nun mit Wolframs Parzival bei de Gruyter ein weiterer 'klassischer' mhd. Text mit Übersetzung erschienen und zwar nicht nur ein im literaturgeschichtlichen Sinn klassischer: Er dürfte wohl neben dem Nibelungenlied das auch heute noch bei Nichtfachleuten bekannteste deutsche großepische Werk des Mittelalters sein. Gesteigert bzw. 'reaktiviert' worden ist seine Popularität in jüngerer Zeit noch durch den monumentalen Band von DIETER KüHN, [1] NELLMANNs Ausgabe in der Reihe 'Bibliothek des Mittelalters' (Übers. ebenfalls von KüHN),[2] ADOLF MUSCHG s Roman Der rote Ritter [3] oder zuletzt auch die Hörfassung der KüHNschen Übersetzung im Radio und auf CD. [4] Inwieweit WOLFGANG SPIEWOK s Parzival-Ausgabe mit Übersetzung im Reclam Verlag [5] ebenfalls zur Popularisierung beigetragen hat, dürfte schwer festzustellen sein: Der für Ausgaben dieser Art gern als 'Neben-Zielpublikum' in Anspruch genommene 'interessierte Laie' ist wohl eher eine Chimäre. [6] Sicher hat SPIEWOKs Übersetzung aber bisher das meiste dafür getan, daß man angesichts nachlassender Übersetzungsfähigkeit der Studierenden [7] den Parzival, einen bekanntermaßen schwierig zu übersetzenden Text, häufiger in Seminaren behandeln kann. [8] Ohne Chance auf Breitenwirkung, aber wissenschaftlich mehr als zu begrüßen ist die vor kurzem vorgelegte vorzügliche Neuedition von Fouqués Der Parcival .[9]

Nimmt man neben den genannten Übersetzungen (zweimal KüHN, zweimal SPIEWOK und die hier besprochene von KNECHT) noch die von MOHR[10] und die textidentische Vorläuferausgabe von KNECHT[11] hinzu, verfügt man also derzeit über sieben Parzival-Übersetzungen alle auf ihre Weise qualitätvoll, im akademischen Rahmen freilich von unterschiedlichem 'Nutzwert'.

Der Nutzwert welcher Ausgabe höher ist, läßt sich abstrakt nicht festlegen. Einerseits könnte man der Meinung sein, daß (gerade bei einem so schwierigen Text) für die Universitäten zweisprachige synoptische Ausgaben vorteilhafter sind; unter didaktischem Gesichtspunkt ließe sich andererseits mit guten Gründen behaupten, daß Ausgaben, die nur die Übersetzung bieten, den sprachlich Interessierten eher dazu veranlassen, sich auch mit dem Originaltext auseinanderzusetzen umgekehrt aber den nur am Oberflächeninhalt Interessierten vom Blick in das Original gerade abhalten. Einen Mittelweg ist hier zeitweise die Wissenschaftliche Buchgesellschaft gegangen, indem sie einige Ausgaben mittelhochdeutscher Werke mit Originaltext und Nacherzählung veranstaltet hat: [12] Für einen Inhaltsüberblick und die Wahrung des Sinnzusammenhangs genügte der Blick in diese Nacherzählung; wer tiefer einsteigen wollte, kam am Originaltext aber nicht vorbei.

Die hohe Zahl von Parzival-Übersetzungen könnte, besonders wenn man sie zu den vielen für den Bereich universitärer Lehre nicht weniger wichtigen, aber immer noch unübersetzten Texten in Beziehung setzt, zu Lamentos sowohl über mangelnde Ökonomie als auch über die Institutionalisierung eines neuen Kanons sozusagen durch die Hintertür provozieren. Aber zum einen ist der Parzival hier leider keine Ausnahme (man denke etwa an die Beliebtheit Walthers von der Vogelweide oder des Nibelungenlieds innerhalb der Textsorte 'Übersetzung'); und zum anderen stellt die Tatsache, daß alle genannten Ausgaben Übersetzungen darstellen oder enthalten, diese Ausgaben noch längst nicht auf eine Stufe. Es gibt natürlich Unterschiede in der Qualität der Übersetzung (nicht nur hinsichtlich einer abstrakten 'Korrektheit', sondern vor allem in bezug auf die Verwendbarkeit im Studium), und ferner ist darauf zu achten, welcheBeigaben neben Originaltext und Übersetzung geliefert werden. Und aus dieser Perspektive heraus kann eins bereits vorweg gesagt werden: Da die Ausgabe von KNECHT/SCHIROK keine schlechtere Übersetzung bietet als die anderen, vor allem aber (im Gegensatz zu den Ausgaben von SPIEWOK und NELLMANN/KüHN) einen für wissenschaftliche Zwecke benutzbaren Originaltext , einen Lesarten-Apparat, der Studierende in den Umgang mit dergleichen initiiert, ein sorgfältiges Literaturverzeichnis sowie wichtige Benutzerhinweiseenthält, stellt sie die derzeit für den akademischen Unterricht beste und brauchbarste zweisprachige Parzival-Ausgabe dar sie ist alsStudienausgabe konzipiert und trägt diese Bezeichnung zu Recht. Die broschierte Ausgabe ist mittlerweile gegenüber Reclams Parzivalauch preislich schon fast konkurrenzfähig, bietet jedenfalls ein besseres Preis-Leistungsverhältnis.

Inhaltsübersicht

Der hier vorgestellte Band enthält folgende Teile:

  • Vorreden der 1.- 6. Ausgabe und Handschriftenverzeichnis der 7. Ausgabe
  • Einführung:
    • Vorbemerkungen zur Studienausgabe
    • Zur Geschichte von LACHMANNs Ausgabe
    • Hinweise zur Benutzung der Studienausgabe
    • Korrekturen des mhd. Textes gegenüber der 6. Ausgabe
    • Verwandtschaftsbeziehungen im Parzival
    • Literaturverzeichnis
  • Text und Übersetzung
  • Anmerkungen des Übersetzers.

Bei der Besprechung werde ich mich aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht immer an diese Reihenfolge halten.

Zu einzelnen Teilen

Die Vorbemerkungen zur Studienausgabe (S. LIV - LVII) informieren darüber, daß der Verlag den neuen Band als Nachfolger der Ausgabe von 1965 [13] konzipiert hat (S. LIV). Auf eine Verlagsentscheidung ist auch zurückzuführen, daß der mhd. Text ein Nachdruck der 6. Ausgabe von Lachmanns Edition ist. Diese Wahl wird allerdings von SCHIROK (S. LXVIIff.) inhaltlich überzeugend durch die spezifischen Mängel der älteren und neueren Ausgaben begründet. Besonders interessant an den Vorbemerkungen ist die Verteidigung von LACHMANNs Editionsverfahren gegen einige gängige Vorurteile.

Die Abdrucke der Vorreden der 1. bis 6. Ausgabe des LACHMANNschen Parzival (11833: LACHMANN, 21854 und 31872: MORIZ HAUPT , 41879: KARL MüLLENHOFF , 51891: KARL WEINHOLD , 61926: EDUARD HARTL ) sowie das Handschriftenverzeichnis der 7. Auflage (1952, bes. von HARTL)[14] haben sicher die Funktion, einen Einblick in die Forschungsgeschichte, die Entwicklung editorischer Prinzipien, die Rezeption und Bewertung der Ausgabe LACHMANNs usw. zu bieten und für dergleichen ist man natürlich prinzipiell wie auch hinsichtlich einer Benutzung der Ausgabe im akademischen Unterricht dankbar. Allerdings geben manche Vorworte in dieser Beziehung nur wenig oder überhaupt nichts her; vgl. etwa die folgenden Passagen:

Was Lachmann an seinem Wolfram nachgebessert hatte ist in dieser zweiten ausgabe sorgfältig befolgt worden. weiter gieng weder mein beruf noch, daß ich es ehrlich sage, meine kraft. (S. XXIV: MORIZ HAUPT 1854)

Für die fünfte Ausgabe habe ich auf Wunsch des Herrn Verlegers die Revision des Druckes, der von Herrn Oberlehrer Dr. G. Bötticher corrigirt worden ist, übernommen, aber auch nichts weiter, am wenigsten die Einfügung und Karakterisirung der in neuerer Zeit gefundenen Handschriftenfragmente, oder gar die Eintragung der Lesarten der einen oder andern, worüber haupt oben S. XXIV das richtige Wort gesagt hat. [...] Das Lachmannsche Handexemplar aufzuspüren, ist auch mir nicht geglückt. (S. XXV: KARL WEINHOLD 1891)

Man erwarte von dieser ausgabe nicht mehr, als sie zu erfüllen imstande ist; dem bedauern darüber, daß Lachmanns werk heute noch immer da steht, wo es vor 92 Jahren gestanden hat, darf ich wohl die hoffnung gegenüberstellen, daß noch einige jahre des sammelns und sichtens mich für eine völlig neue bearbeitung gerüstet machen. (S. LII: EDUARD HARTL 1925)

Umgekehrt hat SCHIROK am Text der Vorreden Kürzungen vorgenommen, die bedauerlich sind: Aus LACHMANNs Vorrede von 1833 wurden die Teile fortgelassen, die sich auf die Lieder, den 'Titurel' und den 'Willehalm' beziehen. (Vorbemerkung S. IX) Hier wäre also mehr Konsequenz angebracht gewesen: entweder eine strikte Beschränkung auf das für den LACHMANNschen Parzival und seine Rezeption in den folgenden Ausgaben wirklich Wesentliche, oder aber völlige Komplettheit zumindest der aufgenommenen Teile, um den Leser/inne/n ein eigenes Urteil bzw. Bild zu ermöglichen. Für die Überprüfung oder den Nachvollzug der später (S. LVIIIff., LVIIff.) durch SCHIROK vorgenommenen Charakterisierung der Erst- und der 2. bis 7. Ausgabe reicht die Lektüre der Vorworte sicher nicht.

Das zwischen (weshalb eigentlich?) die Vorrede zur 6. Ausgabe eingefügte Handschriftenverzeichnis der 7. Ausgabe ist leider überholt: Insbesondere die Ergänzungen von BECKER[15] und BONATH/LOMNITZER [16] sind nicht eingearbeitet worden. Für Studierende mag das nicht so tragisch sein; schon das hier Gebotene dürfte sie überfordern. Da jedoch in SCHIROKs Edition des mhd. Textes (s. dazu unten) reichhaltige Korrekturen zu Text und Apparat der 6. Ausgabe eingearbeitet wurden, der Band damit auch für Fachwissenschaftler/innen besondere Relevanz besitzt, muß die Beigabe eines veralteten Handschriftenverzeichnisses als Inkonsequenz gelten.

Die wichtigste Leistung des Bandes besteht fraglos im Originaltext und im Apparat: Der Originaltext ist angesichts der nach NELLMANN eingearbeiteten und von SCHIROK selbst noch vermehrten Korrekturen das Zuverlässigste, was derzeit existiert; in der Zusammenstellung der 'Korrekturen im Text' (S. LXXIX-LXXXIV) verweist SCHIROK bei 105 von insgesamt173 Verbesserungen auf NELLMANN. N icht nur die Studierenden sollten also mit dem neuen Text arbeiten, sondern auch 'fertige' Wissenschaftler/innen. Daß diese Studienausgabe in Zukunft gleichzeitig die Funktionen einer 'maßgeblichen Ausgabe' wahrnehmen muß und größtenteils auch wahrnehmen kann, liegt aber nicht nur und vielleicht nicht einmal primär am Text, sondern daran, daß sie den derzeit besten Apparat bietet (unter den zweisprachigen Ausgaben ist sie übrigens die einzige mit Apparat). Da eine komplette Neuausgabe in absehbarer Zeit kaum zu erwarten sein dürfte, hat man mit SCHIROKs Edition das aktuellste Resultat editorisch-textkritischer Bemühungen um WolframsParzival in der Hand.

Die Stellenkommentare stammen aus der Erstausgabe von KNECHTs Übersetzung [17] und waren schon dort eher beliebig, jedenfalls nicht an einem akademischen Benutzerkreis ausgerichtet und keinem systematischen Konzept verpflichtet. In der neuen zweisprachigen Ausgabe könnte man dies hinsichtlich eines studentischen Benutzerkreises unter didaktischen Aspekten vielleicht sogar eher begrüßen: Wer zweisprachige Textausgaben für die akademische Lehre anbietet, muß darauf achten, nicht alles 'vorzukauen' solche Ausgaben sollen nicht passiv rezipiert, sondern erarbeitet werden. [18] Die wenigen Kommentare hätte man also vielleicht auch ganz fortlassen können. Einen guten Kompromiß bietet SPIEWOK (s. Anm. 5), der mehr Anmerkungen hat (und zwar jeweils auf den betr. Seiten), in ihnen aber vorzugsweise sach- und kulturkundliche Informationen liefert, also die studentischen Benutzer/innen weder von interpretatorischer noch von grammatischer Eigenarbeit abhält.

Die Übersetzung ist höchst ambivalent: Sie ist sicher 'gefälliger' als die von SPIEWOK und, rein wissenschaftlich gesehen, etwas genauer als die KüHNs, im ganzen aber sicher immer noch zu ungenau, um für Studierende die einzig sinnvolle Funktion übernehmen zu können, zum mittelhochdeutschen Original hinzuführen. Das ist nicht die Schuld KNECHTs: Seine Übersetzung wurde hier einfach in einen Kontext verpflanzt, für den sie ursprünglich nicht gedacht war. In sich hat die Übersetzung durchaus Meriten; in der Studienausgabe ist sie auch nicht schlechthin überflüssig, aber doch eher Beiwerk mit eingeschränktem Gebrauchswert. Dieser Umstand findet sich nur oberflächlich dadurch kaschiert, daß man den Brief des Übersetzers an den Lektor aus dem Anhang der Einzelausgabe (s. Anm. 11) nicht mit abgedruckt hat er hätte zumindest auf die Spezifika der Übersetzungsprinzipien hinweisen können. (Die Altgermanistik sollte sich übrigens möglichst schnell um ein eigenes wissenschaftsinternes Publikationskonzept für zweisprachige Übersetzungen kümmern. Es gibt bei Reclam und vereinzelt auch im Fischer Taschenbuch Verlag sehr gelungene zweisprachige Ausgaben, die geeignet sind, die durch curriculare Kürzungen schwindenden studentischen Übersetzungsfähigkeiten zumindest teilweise zu kompensieren, indem sie zum Selbststudium anhalten oder es doch zumindest ermöglichen. Da die Verlage jedoch primär unter ökonomischen Gesichtspunkten publizieren, entsteht hier eine mehr oder minder restringierte Auswahl, die eine nicht verkennbare Tendenz zu einem neuen Kanon sui generis weist. [19])

Das Literaturverzeichnis umfaßt nur die 'Zitierte Literatur ' (S. LXXXVIII ff.) eine so verständliche wie wissenschaftlich legitime Entscheidung; bei den Ausgaben, Faksimiles, Kommentaren und Übersetzungen hätte man aber auch entweder eine strengere Auswahl treffen oder unter rezeptionsgeschichtlichem Aspekt größere Vollständigkeit anstreben können. Viel für die Breitenwirkung des Parzivaldürfte etwa die folgende Ausgabe getan haben: Wolfram von Eschenbach: 'Parzival'. Eine Auswahl . Auf Grund der Übertr. von WILHELM HERTZ hrsg. von WALTHER HOFSTAETTER. Stuttgart: Reclam 1969 [u.ö.] (RUB 7451); gleiches gilt natürlich für die Ausgaben von HERTZ selbst (z.B. Stuttgart 71927). Zur Übersetzung von MOHR (s. Anm. 10) ist nachzutragen die 2. Aufl. 1979. Wünschenswert gewesen wäre gerade bei älteren Ausgaben und Darstellungen bei den bibliographischen Angaben die Aufnahme derVerlage; aber diese Verfahrensweise ist ja leider ohnehin nicht sehr verbreitet.

Fazit: de Gruyters Studienausgabe von 1965 hat eine gleichermaßen 'würdige' wie verbesserte und brauchbarere Nachfolgerin gefunden. Ihr Kernstück Textedition und Apparat überschreitet den Charakter einer bloßen Studienausgabe bei weitem, indem sie sich auf die Leistung NELLMANNs[20] in der Mittelalter-Abteilung der "Bibliothek deutscher Klassiker" stützen konnte, ohne verlagsseitig der Restriktion zu unterliegen, auf einen Apparat verzichten zu müssen. Die neue Ausgabe und der Apparat bündeln erstmals die wesentlichen textkritischen Ergebnisse der letzten mehr als 70 Jahre Parzival-Forschung und fügen ihr im Detail immer wieder Neues hinzu. Die Beigaben jedoch sind von unterschiedlichem Wert und Gebrauchswert.


[1] DIETER KÜHN : Der Parzival des Wolfram von Eschenbach. Frankfurt/M.: Insel 1986; 31987. Von den insgesamt 943 (!) Seiten bieten die Seiten 429-904 die Übersetzung

[2] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach d. Ausg. KARL LACHMANN s revidiert und kommentiert von EBERHARD NELLMANN . Übertr. von DIETER KÜHN . Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker Verlag 1994 (Bibliothek des Mittelalters 8,1.2 = Bibliothek deutscher Klassiker 110).

[3] ADOLF MUSCHG : Der rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival . Frankfurt/M.: Suhrkamp 1993.

[4] Parzival. Der mittelalterliche Roman von Wolfram von Eschenbach . Dokumentation eines Radio-Projekts auf WDR 3 Ostern 1996. Nhd. Übertragung: DIETER KüHN . Köln: WDR 1998.

[5] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von KARL LACHMANN . Übers. u. Nachw. von WOLFGANG SPIEWOK. 2 Bde. Stuttgart: Reclam 1981 (RUB 3681, 3682). Nur die Übersetzung zuerst in: Wolfram von Eschenbach:Parzival. Aus dem Mhd. übertr. u. hrsg. von WOLFGANG SPIEWOK . Leipzig: Dieterich 1977.

[6] Vgl. dazu RüDIGER BRANDT : "'Rezeption der Rezeption in Lehre und Forschung.' Textausgaben mittelhochdeutscher Literatur mit Übersetzungen am Beispiel der Taschenbuchverlage Reclam und Fischer." In: IRENE VON BURG/JüRGEN KüHNEL /ULRICH MüLLER/ALEXANDER SCHWARZ (Hg.): Mittelalter-Rezeption IV: Medien, Politik, Ideologie, Ökonomie . Göppingen 1991 (GAG. 550), S. 259-279, hier S. 262f.

[7] Diese 'nachlassende Übersetzungsfähigkeit' ist natürlich nicht Schuld der Studierenden selbst, sondern Folge veränderter germanistischer Studienordnungen. Während solche von außen vorgenommenen Änderungen (trotz manch spontaneistischer Züge) zumindest noch einer gewissen Logik gehorchen da 'hinten' immer mehr Stoff hinzukommt, muß halt 'vorne' gekürzt werden, kann ich in fachinternen Tendenzen, im Rahmen der Altgermanistik Sprach- und Literaturwissenschaft auseinanderzudividieren bzw. sogar gegeneinander auszuspielen, keine Logik mehr entdecken. Vgl. dazu WERNER RöCKE: Alterität und Aktualität der mittelalterlichen Literatur. In: Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes, 43. Jg., H. 1, 1996, S. 70-74; RüDIGER BRANDT: Reformation oder Reduktion? Zu Werner Röckes Modell eines altgermanistischen Studiums. In: Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes, 43. Jg., H. 3, 1996, S. 71-76. Der Vollständigkeit halber sei auch das Anathema von JOACHIM BUMKE, THOMAS CRAMER und INGRID KASTEN über Ton und Stil meiner Stellungnahme erwähnt (Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes, 44. Jg., März 1997, S. 100), das zwar der Sache nichts hinzugefügt, aber wenigstens etwas zur allgemeinen Erheiterung beigetragen hat.

[8] KüHN (wie Anm. 1) erwähnt SPIEWOK nicht einmal und verbeugt sich statt dessen mit einem etwas affektierten "Thank you, Sir." vor ARTHUR T. HATTO. Dessen englische Parzival-Übersetzung (Parzival. Wolfram von Eschenbach. Transl. by A. T. HATTO. Harmondsworth: Penguin 1980 [Penguin Classics]) kann tatsächlich als ein solides Stück Übersetzungsarbeit bezeichnet werden; daß sie besonders stark auf KüHNs Text Einfluß genommen hat, wage ich zu bezweifeln. SPIEWOKs Einfluß nachzuweisen, würde ich mich dagegen jederzeit anheischig machen. Da KüHNs Übersetzung keinen wissenschaftlichen Anspruch hat damit kokettiert er ja, wie auch in seinem Neidhart- und seinem Oswald-Buch, auch gerne und immer wieder , wäre über dergleichen nicht besonders zu räsonieren. Ärgerlich ist jedoch, daß dieser prätentiösen Abgrenzung paradoxerweise das Verfahren korrespondiert, sich durch beglaubigende, aber durchweg reichlich eklektizistische Literaturhinweise als Kenner zu gerieren. Vgl. auch die so wohlwollende wie kritische Rez. von HANS SZKLENAR in: Jb. f. Int. Germanistik XXI, H. 1, S. 128-137. Die Feuilletons dagegen haben KüHN sein Selbstbild ebenso abgenommen wie die von ihm verbreiteten Klischees über den Gegensatz von 'Wissenschaft' und 'Leben'; vgl. etwa die Rezension von LOTHAR BAIER in: Literatur-Rundschau Nr. 127, 1. Oktober 1986.

[9] Friedrich de La Motte Fouqué: Der Parcival . Erstdruck. Hrsg. von TILMAN SPRECKELSEN, PETER HENNING HAISCHER, FRANK RAINER MAX, URSULA RAUTENBERG . Hildesheim [u.a.]: Olms 1997 (Friedrich de La Motte Fouqué. Ausgewählte Dramen und Epen. Hrsg. von CHRISTOPH F. LORENZ. Band 6).

[10] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Übers. von WOLFGANG MOHR . Göppingen: Kümmerle 1977. 21979 (GAG 200).

[11] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Aus dem Mhd. von PETER KNECHT . Mit einem Brief des Übersetzers an den Lektor. Repr. d. limitierten Bleisatzausgabe. Frankfurt/M: Eichborn 1993 (Die Andere Bibliothek. 100).

[12] Auch der Parzival hat in einer solchen Ausgabe vorgelegen (Wolfram von Eschenbach: Parzival. Text, Nacherzählung, Worterklärungen. Hrsg. von GOTTFRIED WEBER . Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1963).

[13] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. Bes. von EDUARD HARTL . Unveränd. Nachdr. des Textes der 6. Ausgabe von KARL LACHMANN (Berlin, Leipzig 1926). Berlin: de Gruyter 1965.

[14] Das Inhaltsverzeichnis hilft übrigens bei der Identifikation nicht immer weiter; man muß das Verzeichnis der zitierten Literatur (S. LXXXVIIIff.) hinzunehmen, um die einzelnen Ausgaben sicher zu verifizieren.

[15] PETER JöRG BECKER: Handschriften und Frühdrucke mittelhochdeutscher Epen. Eneide, Tristrant, Tristan, Erec, Iwein, Parzival, Willehalm, Jüngerer Titurel, Nibelungenlied und ihre Reproduktion und Rezeption im späteren Mittelalter und in der frühen Neuzeit . Wiesbaden: Reichert 1977.

[16] GESA BONATH/HELMUT LOMNITZER: Verzeichnis der Fragment-Überlieferung von Wolframs 'Parzival'. In: Studien zu Wolfram von Eschenbach . Festschrift für Werner Schröder zum 75. Geburtstag. Hg. von KURT GäRTNER und JOACHIM HEINZLE. Tübingen: Niemeyer 1989, S. 87-149.

[17] s. Anm. 11.

[18] Zum Ärgernis von zweisprachigen Ausgaben, die für eine studentische Klientel konzipiert sind, dieser aber mit einem bombastischen Erklärungsapparat zu interpretatorischen und sprachlichen Problemen kaum noch Gelegenheit zur Eigeninitiative bieten, vgl. BRANDT, Rezeption (wie Anm. 6), S. 270f.

[19] Dieser neue Kanon ist gefährlicher als der alte, weil er mittlerweile im Bereich der germanistischen Mediävistik mancherorts in nicht unbeträchtlichem Maß die Inhalte akademischer Lehre steuert; in meinem in Anm. 6 genannten Aufsatz, S. 273ff., habe ich dies anhand einer Untersuchung von Vorlesungsverzeichnissen deutscher Universitäten nachzuweisen versucht. Ein durch ästhetische Maßstäbe zustandegekommener Kanon ist revidierbar, ein durch veränderte Ausbildungs- und Bildungsbedingungen zustandegekommener sehr viel schwieriger, weil ein solcher Kanon die Tendenz hat, diese Bedingungen zu perpetuieren.

[20] Vgl. Anm. 2 sowie NELLMANNs bei SCHIROK S. XCIV nachgewiesene Vorarbeiten.

Rezensiert von Rüdiger Brandt.

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