Sprachwissenschaft. Ein Reader

Hoffmann, Ludger (Hg.)

de Gruyter: Berlin/New York 2000

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Sprachwissenschaft. Ein Reader ist eine Sammlung von Aufsätzen oder Textauszügen ‚klassischer‘ und zeitgenössischer Texte aus der Sprachwissenschaft, die sich über einen Zeitraum von 1810/11 (Wilhelm von Humboldt) bis 1996 (Ludger Hoffmann) erstrecken. Texte und Textfragmente aus zwei Jahrhunderten Sprachwissenschaft werden auf knapp 800 Seiten innerhalb der folgenden sieben Kategorien präsentiert: A) Sprachtheorien, B) Sprache und Handlung, C) Diskurs und Konversation, E) Laute, Töne, Schriftzeichen, F) Wortform, Wortstruktur, Wortart, G) Satz, Äußerung, Text und H) Bedeutung. Die Auswahl der Beiträge wird von mehreren Aspekten bestimmt:

Das breite Spektrum soll die Problemlagen, Konzeptionen und Arbeitsfelder der Sprachwissenschaft vermitteln, zu Vergleich, Kritik und Vertiefung anregen. Gegenüber Beiträgen mit ‚So-ist-es-Standpunkt‘ wurden argumentative und gesprächsanregende Texte bevorzugt. Beanspruchtes Vorwissen, Komplexität, Länge, Kohärenz des Ganzen, fehlende Abdruckerlaubnis oder der Praxistest im Seminar ließen Texte – darunter hoch geschätzte – ausscheiden. (V)

Seine Absicht bei dieser Sammlung formuliert der Herausgeber in seinem Vorwort zur zweiten Auflage wie folgt:

Das Ziel des Readers bleibt die Hinführung zu klassischen Texten der Sprachwissenschaft und zugleich zur neueren Fachliteratur. Er soll zeigen, welche Fragen die Disziplin zusammenhalten und wo Lösungen zu suchen sind. (VIII)

Hoffmann schlägt den Einsatz des Readers in einführenden Lehrveranstaltungen (vierstündigen oder zweisemestrigen Grundkursen), zur Vorbereitung auf Examina und auch zum Selbststudium vor. Hierbei plädiert er für eine vielfältige und phantasievolle Art und Weise des Umgangs mit den Texten, die vor allem die Diskussion und die Auseinandersetzung mit sprachwissenschaftlichen Theorien und Praxen in Gang setzen sollen:

In einem solchen Kurs erscheint Linguistik nicht als Katalog von Termini und Definitionen, die abgefragt und wieder vergessen werden können, sondern als konzentrierte Auseinandersetzung mit einer Sache, die jede(n) angeht. Hier haben eigenständiges Lesen und Erarbeiten wie zündende mündliche Präsentation und argumentative Auseinandersetzung ihren Ort. (VIII)

Alles in allem geht es auch darum, Studierenden den Weg zu sprachwissenschaftlichen Quellentexten zu erleichtern, eine nicht zuletzt auch didaktisch begründete Auswahl zu treffen und die Neigung überwinden zu helfen, sich Kenntnisse lediglich anhand von Sekundärliteratur zu erwerben: „Am besten informiert man sich aus erster Hand“ (V).Diesem Motto bin ich – wenn auch in anderer Hinsicht – gefolgt, indem ich den Reader im Rahmen eines Hauptseminars zur Sprachtheorie (im WS 2000/2001 an der Universität Essen) eingesetzt habe. Dabei war es meine Absicht zu prüfen, wie sich die praktische Arbeit mit dem Reader gestaltet, welche Schwierigkeiten sich (vor allem mit Textauszügen) ergeben und inwieweit weiterführende Literatur bzw. Sekundärliteratur erforderlich ist.Im Ergebnis beurteilten die SeminarteilnehmerInnen den Reader positiv, wobei vor allem die intensive Arbeit an Quellentexten als anregend und diskussionsfördernd beschrieben und erfahren wurde. Für einige TeilnehmerInnen war es sogar die erste intensive Lektüre von Quellentexten, nachdem ihnen bislang Primärtexte lediglich durch Zitate in Sekundärliteratur und Einführungen bekannt waren.
Als problematisch haben sich allerdings die Brüche bei Textauszügen erwiesen, die durch den fehlenden Kontext entstehen, wie zum Beispiel bei den Texten von Bühler (51ff.) oder Morris (79ff.). Hier wünschten sich die Teilnehmer Vor- bzw. Nachbemerkungen zur Einordnung des Fragments in a) das Gesamtwerk des Autors und/oder b) das einzelne Werk, aus dem das Fragment stammt. Ergänzend wurden im Seminar Referate zur Biografie der AutorInnen gehalten, was als hilfreich und sinnvoll bewertet wurde.Es hat sich herausgestellt, dass vor allem die ‚älteren‘ Texte linguistische Grundkenntnisse erfordern, wenn die von Hoffmann gewünschte „konzentrierte Auseinandersetzung“ erfolgreich sein soll. Deshalb darf bezweifelt werden, ob sich der Reader bereits im Grundstudium im gewünschten Sinne einsetzen lässt. Wenn das geschieht, dann wird sich ein entsprechendes Seminar innerhalb des Grundstudiums eher an Studierende richten, die bereits Linguistik als Schwerpunkt gewählt haben.

Dass schon bald nach Erscheinen des Readers (1996) die zweite Auflage (2000) folgte, lässt auf den Erfolg und die Notwendigkeit eines solchen Werkes schließen. Sicher wird der eine oder die andere bestimmte Texte vermissen oder eine andere Auswahl (und andere Kategorien) vorschlagen, was sich angesichts der Fülle in Frage kommender Texte auch nicht vermeiden lässt. Sprachwissenschaft. Ein Reader ist insgesamt eine gelungene Sammlung zu einem angemessenen Preis, dem die weitere Verbreitung zu wünschen ist. Vermisst wurden vor allem biografische Angaben und mitunter auch weiterführende Literaturhinweise. Hierfür böte sich die Publikation auf einer Webseite an, die den Reader auf diese Weise ideal ergänzen würde. (* Zusatzinformation: Inzwischen haben wir vom Herausgeber erfahren, dass nun Zusatzinformationen zu den Autorinnen/Autoren online angeboten werden. Bitte beachten Sie die folgende Webseite:

http://129.217.215.28/home/hoffmann/Reader.html).

Wenn sich auch der Reader zum Selbststudium nur bedingt eignet, so zeigt sich dessen Qualität aber umso mehr in der lebhaften Diskussion engagierter Seminare. Dort wird er sicher auch in Zukunft mit Gewinn eingesetzt werden.

  • Ort und Jahr: 2., verbesserte Auflage, Berlin/New York 2000
  • Verlag: Walter de Gruyter
  • ISBN: 3-11-016896-0
  • Seitenzahl: 778
  • Ausführung: Pb.
  • Preis: 68,00 DM

Rezensiert von Hermann Cölfen. Jahr 2002.

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